Integration Fußball und Integration: Erfolgsgeschichte DFB

Berlin. Nuri Sahin fand «nicht in Ordnung», wie Migranten in der zuletzt so aufgeflammten Integrationsdebatte oft dargestellt wurden. Er kann zudem nicht verstehen, dass es überhaupt zu einer derartig hitzigen Diskussion gekommen ist.
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Berlin. Nuri Sahin fand «nicht in Ordnung», wie Migranten in der zuletzt so aufgeflammten Integrationsdebatte oft dargestellt wurden. Er kann zudem nicht verstehen, dass es überhaupt zu einer derartig hitzigen Diskussion gekommen ist.

«Integration ist für mich kein Thema», sagt der 22 Jahre alte Türke, selbst ein Paradebeispiel für erfolgreiche Integration. Was Sahin von denjenigen unterscheidet, die häufig in eine Schublade gesteckt werden: Er ist Fußballer, ein sehr guter sogar, und damit in einer Branche aktiv, in der das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft wesentlich besser zu klappen scheint als in anderen Bereichen der Gesellschaft.

In der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die am 8. Oktober in Berlin auf die Türkei und damit auch auf Nuri Sahin trifft, gehören Profis mit ausländischen Wurzeln seit Jahren zu den tragenden Säulen. Mesut Özil (Türkei), Sami Khedira (Tunesien) oder auch Miroslav Klose und Lukas Podolski (beide Polen) haben das Image der Multi-Kulti-Truppe von Coach Joachim Löw geprägt.

Gül Keskinler sieht darin einen «Beleg für die gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik». Die Deutsch-Türkin ist seit 2006 Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und stolz auf den großen Anteil von Nationalspielern mit Migrationshintergrund. «Vielleicht erkennt man daran, dass unser Fußballsystem durchlässiger ist als andere Bereiche der Gesellschaft», meint Keskinler.

Innenminister Thomas de Maizière hob die Rolle des Sports und insbesondere des Fußballs hervor. «Da kommt es auf Leistung an, aufs Mitmachen und Einordnen.», erklärt der Politiker, «wer sich nicht anstrengt, wird ausgewechselt. Und: Wer grob foult, wird vom Platz gestellt. All das gilt auch in der Integration.» 

Dass im Fußballtrikot alle gleich sind, glaubt auch Sahin. «Ein Türke schießt gegen Ghana ein Tor und ganz Deutschland jubelt», erinnert sich der Bundesliga-Profi an die WM in Südafrika. Mesut Özil hatte das DFB-Team mit seinem Treffer in der Vorrunde erlöst - und damit Deutsche und Türken in Berlin, Hamburg oder München gemeinsam feiern lassen. «Nationalspieler mit Migrationshintergrund sind gelebte Beispiele erfolgreicher Integration», sagt Gül Keskinler.

Auch den Bundestrainer freut die Entwicklung im deutschen Fußball, die sich in seinem Team zeige. «Die Kommunikation untereinander stimmt», sagt Löw. «Respekt, Vertrauen, Toleranz sind bei uns nicht nur Schlagworte. Das wird bei uns gelebt.»

Gelernt wird es zumeist schon im Kindesalter. Nuri Sahin, der im südwestfälischen Meinerzhagen aufgewachsen ist und in Dortmund Fußballspielen lernte, erinnert sich an seine Anfänge im Verein: «Da hast du verschiedene Kulturen, integrierst dich, lernst andere Sitten kennen - wie ein kleiner türkischer Junge tickt, wie ein Ghanaer tickt und auch wie ein Deutscher tickt.»

Dem kann Gül Keskinler nur zustimmen. «Auf dem Fußballplatz geht es nur gemeinsam», sagt die DFB-Integrationsbeauftragte. Für den Erfolg auf dem Platz gebe jeder Spieler alles und übernehme auch Verantwortung. «Das schafft Zusammenhalt und überträgt sich auch auf das Zusammenleben abseits des Fußballplatzes.» Die Deutsche Fußball Liga will am 6. Oktober in einer Studie den Integrationseffekt von Nachwuchsleistungszentren der 1. und 2. Bundesliga beleuchten.

Zwei Tage später werden bei vielen der rund 2,5 Millionen Türken in Deutschland zwei Herzen in der Brust schlagen. Einer davon ist Kenan Kolat, der Bundesvorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland. «Ich kann sagen: Wir werden gewinnen. Wir, das heißt entweder die Türkei oder Deutschland, denn beides sind unsere Mannschaften», sagt Kolat - der dennoch der Türkei die Daumen drückt.

Den Stellenwert einer solchen Partie, gerade nach den Diskussionen um Thilo Sarrazin, kann Kolat gar nicht hoch genug ansetzen. Das Spiel und auch die anschließenden gemeinsamen Feiern «werden dazu beitragen, dass wir wieder ein Gefühl der Zusammengehörigkeit bekommen», meint der Berliner. «Ich hoffe, dass auf diese Weise beide Bevölkerungsgruppen wieder zueinander finden.» (dpa)

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