Löws Variante ohne klassischen Mittelstürmer Geliebte "falsche Neun"

Santo Andre. Echte Neun? Falsche Neun? Gar keine Neun? Wie muss die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielen, um Weltmeister zu werden? Der Bundestrainer hat eine klare Vorliebe.
13.06.2014, 00:01
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Von Marc Hagedorn

Echte Neun? Falsche Neun? Gar keine Neun? Wie muss die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielen, um Weltmeister zu werden? Der Bundestrainer hat eine klare Vorliebe. Joachim Löw findet die „falsche Neun“ gut. Das ist in Deutschland, der Heimat von Uwe Seeler, Gerd Müller und Rudi Völler, nicht leicht zu vermitteln. Dabei gibt es gute Gründe für die „falsche Neun“.

Es war im Februar. Der FC Bayern hatte gerade Eintracht Frankfurt nach allen Regeln der Fußballkunst zerlegt und 5:0 gewonnen. Mario Götze hatte zentral hinter Mario Mandzukic gespielt. Mario Götze hatte gezaubert. Und nun meldete sich der Kaiser zu Wort. Franz Beckenbauer sagte also: „Man tut dem kleinen Kerl keinen Gefallen damit, wenn er als ,falsche Neun‘ spielen muss gegen diese riesigen Kerls. Da hustet einer, und dann ist der Götze einfach nicht mehr sichtbar.“

Die kaiserliche Grußbotschaft hatte einen prominenten Adressaten damals: nämlich den Bundestrainer. Joachim Löw hatte es ein paar Monate zuvor in einem Länderspiel gegen Italien gewagt, Mario Götze als „falsche Neun“ aufzustellen. Götze war in dem Spiel, das 1:1 ausging und vor allem deshalb berühmt wurde, weil sich Sami Khedira dort so schwer verletzte, nicht weiter aufgefallen. Und Löw? Machte sich nichts daraus. Weder aus dem Tadel des Kaisers, noch aus dem fehlgeschlagenen Experiment mit Götze in der Spitze.

Joachim Löw ist bis heute ein Fan der „falschen Neun“, mit der Spaniens Trainer Vicente del Bosque bei der Europameisterschaft 2012 die Fußballwelt überrascht hatte. Der Verzicht auf einen Mittelstürmer, wie man ihn fast 100 Jahre lang gekannt hatte, war in der Welt des Fußballs, in der Traditionen nicht so schnell abgeschafft werden, eine Sensation gewesen. In der Sturmmitte spielten bis dahin stets die längsten Kerle. Die Kopfballstarken. Die Robusten. Die Tanker.

Deutschland ist das Land, das Uwe Seeler, Gerd Müller, Horst Hrubesch und Rudi Völler hervorgebracht hat. Typen, die längst nicht alles konnten, vielleicht zu langsam waren, womöglich lauffaul und ein bisschen dick oder technisch nicht besonders gut. Aber in einer Sache machte ihnen keiner was vor: Im Toreschießen waren sie fast unschlagbar.

Und jetzt? Sind die Stürmer plötzlich leichtgewichtige Zauberzwerge. Viele in Deutschland haben sich an diesen Gedanken noch immer nicht gewöhnt. Für Löw ist die „falsche Neun“ dagegen längst zur 1a-Variante geworden. Weil man auf die alte 1a-Variante – Miroslav Klose ist vom Typ her eher ein klassischer Mittelstürmer – nicht mehr sieben Turnierspiele lang vertrauen kann. Miroslav Klose ist in diesen Tagen 36 Jahre alt geworden und hat eine Saison mit vielen kleinen Verletzungen hinter sich.

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Zwar hat Klose seinen Spielstil im Laufe der Jahre angepasst, ist beweglich und ein guter Partner fürs Passspiel. Aber die fußballerischen Qualitäten eines Mario Götze oder Mesut Özil hat er natürlich nicht. Es sprechen aber auch andere Gründe für den Einsatz einer „falschen Neun“. Urs Siegenthaler, Chefanalytiker von Löw, hat sie dieser Tage sehr anschaulich zusammengefasst: „Schauen wir uns die Innenverteidiger sämtlicher Nationalmannschaften an: Da stehen hinten durchweg Männer, die 1,90 bis 1,95 Meter groß sind und nahezu jedes Kopfballduell gewinnen. Da halte ich es für keine gute Idee, hoch auf die Mitte zu spielen. Solche Kerle freuen sich nur darauf, wenn sie hohe Bälle zu klären haben: Ramos, Kompany, Pepe, Terry.“ Siegenthaler kennt die Lösung: „Mit kleinen, wendigen, flinken Stürmern macht man den Innenverteidigern die Arbeit ungleich schwieriger.“

Klingt schlüssig in der Theorie. Aber in der Praxis? Da fremdeln alle Kandidaten, also Thomas Müller, Mesut Özil und Mario Götze, mit ihrer Rolle. Doch es gibt noch einen weiteren guten Grund für Löw, auf das System ohne gelernten Stürmer zu setzen. Löw gewinnt dadurch zusätzliche Optionen bei der Besetzung der Startelf. Als Trainer, der rein nach Leistung aufstellt, müsste Löw zurzeit eigentlich Mesut Özil draußen lassen. Özil ist noch nicht in Form. Löw aber vertraut auf Özils Qualitäten, er erwartet rechtzeitig eine Leistungsexplosion. Rückt Özil in die Spitze, ist im Mittelfeld ein Platz für Toni Kroos frei, der es nach seinen Leistungen in dieser Saison zweifelsfrei verdient hätte, von Beginn an zu spielen. Kroos‘ Problem: Das defensive Mittelfeld ist mit Philipp Lahm und/oder Sami Khedira/Bastian Schweinsteiger besetzt.

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Löw ist inzwischen sichtlich müde geworden, das System mit der „falschen Neun“ zu verteidigen. Löw findet, dass er genug Stürmer im Kader hat. Soll der Kaiser das doch ruhig anders sehen.

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