Nürnberg Gewalt zurück in den Stadien - «Einhalt gebieten»

Berlin . Der Schock sitzt tief, Konsequenzen sind überfällig: Mit den Jagdszenen im Berliner Olympiastadien ist die Gewalt in einer neuen Dimension in die modernen Bundesliga-Stadien zurückgekehrt.
14.03.2010, 21:00
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Berlin . Der Schock sitzt tief, Konsequenzen sind überfällig: Mit den Jagdszenen im Berliner Olympiastadien ist die Gewalt in einer neuen Dimension in die modernen Bundesliga-Stadien zurückgekehrt.

«Wir müssen entschieden dagegen vorgehen. Ich hoffe, dass sich da endlich welche finden, die Arsch in der Hose haben und dem Einhalt gebieten. Ich möchte nicht erleben, was passiert, wenn es den ersten Toten gibt», fand Nürnbergs Coach Dieter Hecking nach der Randale im Olympiastadion die deutlichsten Worte. 100 bis 150 gewaltbereite Fans aus dem Hertha-Block zeigten die hässliche Fratze einer Gefahr, die im deutschen Fußball wieder Angst verbreitet.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) will auf die Vorfälle der vergangenen Monate reagieren. «Angesichts der jüngsten Häufung gewalttätiger Vorkommnisse wird sich der Ligavorstand auf seiner nächsten Sitzung mit dem Thema intensiv befassen, um eine Liga-weite Strategie zu beraten», sagte DFL-Präsident Reinhard Rauball. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sieht Handlungsbedarf. «Nach solchen Vorfällen wird vieles, wenn nicht alles auf den Prüfstand gestellt», erklärte der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Wir alle wollen, dass diese Fankurven bleiben - aber das muss ohne Gewalt gehen.»

Der Kontrollausschuss des DFB verlangt von Hertha BSC eine Stellungnahme und wird entscheiden, ob das Sportgericht tätig wird. «Den Fans muss klar sein: Das geht einfach nicht», sagte Spahn. «Wir haben leider in den Fan-Gruppen und Ultra-Gruppierungen der Vereine jeweils 100 bis 150 Personen, die das Mittel Gewalt und Widerstand benutzen.» Beim DFB sei man der Meinung, dass man dies auch nicht mit noch mehr Restriktionen, Ordnung- und Polizeikräften in Griff kriege.

Zwar betonten alle Verantwortlichen von Hertha BSC und dem 1. FC Nürnberg nach den Ausschreitungen in Berlin, dass es sich nur «um kleine Gruppen» von Fußball-Chaoten handele. Aber diese Gruppen konnten zuletzt immer häufiger in Erscheinung treten. Der Verein werde «alle rechtlichen Mittel ausschöpfen», erklärte Hertha-Manager Michael Preetz. Die Polizei leitete 26 Strafverfahren ein.

Schon Ende Februar war es im Nürnberger Spiel beim VfL Bochum zu schweren Zwischenfällen im FCN-Fanblock gekommen. Randalierer hatten Magnesiumpulver entzündet, das schwer löschbar ist. Neun Menschen wurden verletzt, zwei erlitten schwere Verbrennungen. In Rostock hatte nach der Heim-Pleite des FC Hansa gegen Ahlen jüngst eine aufgebrachte «Fan»-Gruppe den VIP-Bereich belagert. Im Dezember des Vorjahres waren in Stuttgart der VfB-Mannschaftsbus vom Mob attackiert und die Spieler bedroht worden.

Auch vor dem Zweitligaduell zwischen dem SC Paderborn und Hansa Rostock randalierten Gäste-Anhänger vor einem Lokal, es kam zu Sachbeschädigungen. Feuerwerksgegenstände und Waffen wurden sichergestellt. Insgesamt 43 aus der Hansestadt angereiste Fans wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen, teilte die Polizei mit. «Mir fehlen da die Worte», sagte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer am Sonntagabend im TV-Sender «Sky». Ausschreitungen wie jene in Berlin könnten für den Fußball «katastrophale Folgen» haben. Randalierer müssten «am Ende wissen, dass dies drakonische Folgen haben wird».

96-Coach Hecking ordnete die Vorfälle als «sehr bedenklich» ein und warnte: «Wir müssen aufpassen, dass der Fußball nicht wieder verkommt in alte Sitten.» Die Gründe scheinen vielschichtig: Die sogenannte Ultra- Bewegung, die ihren Ursprung in Italien und Südamerika hat, gewinnt offenbar in Deutschland immer mehr an Einfluss und Bedeutung. Gerade jüngere Fans nehmen soziale Probleme mit in die Stadien. Dazu verzweigt sich die gesamte Fan-Szene immer mehr, «schwarze Schafe» sind teilweise schwer herauszulösen. «Diese Idioten dürfen nicht die Oberhand bekommen», betonte Hecking.

In Berlin versuchten rund 80 Ordnungskräfte zunächst zu deeskalieren. Erst nach einigen Minuten schritten Polizisten gegen die Randalierer im Stadion-Innenraum ein. Die Berliner Polizei und der Verein verteidigten die Deeskalations-Strategie. Diese hätten richtig entschieden, auf die Ausschreitungen von wenigen Chaoten «nicht vor laufenden Kameras und aller Augen mit aller Härte» zu reagieren, betonte Preetz. Die Chaoten zerschlugen mit Holz- und Metallstangen Plastik- und Glaswände im Bereich der Trainerbänke und drangen bis unmittelbar vor den Eingang in die Spieler-Kabinen vor. Die Nürnberger Spieler waren noch auf dem Platz von den Randalen überrascht worden und flüchteten in die Stadion-Katakomben.

Mit diesen Ausschreitungen werde das «mühsam aufgebaute Image» wieder Kratzer bekommen, sagte Berlins Clubchef Werner Gegenbauer. Über Jahrzehnte hatte Hertha versucht, das Image ihrer Fans zu korrigieren, das seit den berüchtigten «Hertha-Fröschen» in den 70er Jahren beschädigt gewesen war. Nach Angaben der Polizei gab es direkt nach dem Spiel der Hertha gegen Nürnberg (1:2) 25 Festnahmen, vier Beamte seien leicht verletzt worden.

Die Liga und der DFB sind auf der Suche nach einer einheitlichen Linie, wie das neue «Fan»-Problem gelöst werden kann. Aus Sorge um den verstärkten Einsatz von Pyrotechnik und die wachsende Gewalt in Stadien hatten sich noch vor einer Woche die Fanbeauftragten der Lizenzvereine in einem offenen Brief an alle Fußball-Anhänger gewandt und gewarnt: «Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie sich die Fankultur von innen heraus selbst zerstört.» (dpa)

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