Die Zukunft des Bundestrainers Große Erwartungen an Löw

Santo André. Die WM ist das vierte große Turnier für Joachim Löw als Trainer der deutschen Nationalmmannschaft - es wird sein wichtigstes. Denn längst wird die Arbeit des Nationaltrainers nicht mehr unkritisch gesehen.
15.06.2014, 00:00
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Große Erwartungen an Löw
Von Marc Hagedorn

In der DFB-Studie „Wir sind Nationalmannschaft“ wird Joachim Löw als „Glücksfall“ für den deutschen Fußball bezeichnet. Bis vor ein, zwei Jahren hätten wohl die meisten Fußballfans mit dieser Einschätzung gut leben können. Doch spätestens seit dem EM-Aus 2012 und der verjuxten 4:0-Führung gegen Schweden vor einem Jahr in der WM-Qualifikation werden die Stimmen lauter, die Löws Arbeit kritisch verfolgen und Zweifel am Bundestrainer äußern. Diese WM ist Löws viertes Turnier. Von ihm wird nicht weniger als der Titelgewinn erwartet.

Die erste Enttäuschung dieser Weltmeisterschaft gab es für Joachim Löw am Freitag. Da musste der Bundestrainer am Fernseher miterleben, wie die von ihm verehrten Spanier von Holland vorgeführt und mit 1:5 gedemütigt wurden. Am Tag zuvor war Löw noch ins Schwärmen geraten bei dem Gedanken an den amtierenden Welt- und Europameister. „Es heißt, Spanien habe den Zenit überschritten“, sagte Löw, „aber diese Meinung teile ich nicht. Sie haben nach wie vor die Klasse und den Hunger, den Titel zu verteidigen. Ihre Qualität ist extrem hoch.“ So kann man sich irren.

Aber weiter schlimm ist das erst einmal nicht. Löw ist ja nicht für die spanische Nationalmannschaft zuständig, sondern für die deutsche. Bitter wird es erst, wenn er bei ihr Fehleinschätzungen vornimmt. Bis vor zwei Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, dass dies passieren könnte. Noch während die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine lief, titelten die Zeitungen vom „Magier Löw“, und die TV-Experten lobten seine Idee vom Fußball. Und dann kam das 1:2 im Halbfinale gegen Italien. Vercoacht, lautete das Urteil. Und seitdem die deutsche Mannschaft wenig später aus einer 4:0-Führung gegen Schweden ein 4:4 werden ließ, ist vieles anders.

Löw, der allseits beliebte „Jogi“, Löw, der Trendsetter, modisch wie fußballerisch, Löw also, der Liebhaber des schönen, offensiven, direkten Spiels, geriet in Erklärungszwang. Wie kann es sein, dass die deutsche Nationalmannschaft fast immer gut bis sehr gut spielt, aber in den Halbfinals oder Endspielen der großen Turniere den letzten Punch dann doch nicht setzt? Wie kann es sein, dass Deutschland nur mit einem gelernten Stürmer zur WM fährt? Wie kann es sein, dass auch im neunten Jahr unter dem Bundestrainer Löw immer noch über Probleme im Defensivverhalten diskutiert werden muss? In diesem Turnier, es ist Löws viertes als Chef, werden Antworten erwartet. Löw muss liefern. Am besten den Titel.

Vor diesem Hintergrund gibt sich Löw in Brasilien bemerkenswert gelöst. Morgens, gegen sechs Uhr, wenn es hell wird in Bahia, dann geht er vom Camp runter an den Strand und joggt barfuß. Beim Training stellt er die Hütchen auf, plaudert mit den Journalisten, anschließend schlürft er entspannt seinen Espresso. Weil er weiß, dass es diesmal klappt? Weil er weiß, dass er einen guten Plan hat?

Löw hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er lernfähig ist. Das Konzept vom Dortmunder Vollgas-Fußball hat ihm imponiert. Aber als ein System für die Nationalmannschaft kam es für ihn nie infrage. Inzwischen baut Löw aber auch Dortmunder Elemente ins deutsche Spiel ein. Er nimmt sich sozusagen von allem das Beste; von den Spaniern, von den Bayern. Die aktuelle Mannschaft kann eine ganze Menge. Sie kann verschiedene Systeme spielen: von einem 4-3-3 über ein 4-1-4-1 bis zum 4-2-3-1, das Löw meist bevorzugt.

Spiel mit vielen Elementen

In Südafrika bei der WM 2010 zerlegte Löws Mannschaft prominente Gegner durch Ball-Eroberung in der eigenen Hälfte und schnelles Umschalten. Zum Kontern war bei der EM 2012 schon nicht mehr so viel Platz. Löw versuchte es mit Pressing tief in der gegnerischen Hälfte, oft schon am anderen Strafraum, und noch schnellerem Passspiel. Die Zeit zwischen Ballannahme und Weitergabe sank unter Löw von zwei Sekunden auf gut eine.

Wenn es am Montag gegen Portugal zum ersten Mal ernst wird für die deutsche Mannschaft, dann wird ihr Spiel wahrscheinlich eine Mischung aus ganz vielen Elementen darstellen. Die Mannschaft wird früh stören und sich zurückziehen. Sie wird Tempo machen und das Tempo drosseln. Sie wird über Ballbesitz Dominanz aufbauen wollen, aber auch auf Kontergelegenheiten lauern.

Mit früh entschiedenen Spielen rechnet Löw nicht. Er setzt auf eine Art Zermürbungstaktik wie im Boxen. „Die erste Elf muss den Gegner so bearbeiten, dass wir nach 60 bis 70 Minuten eine gute Ausgangsposition haben“, sagt Löw. Dann wird er wechseln und die Spieler bringen, die er „Spezialkräfte“ nennt. Lukas Podolski, Andre Schürrle oder Miroslav Klose sollen in der Schlussphase für den Knock-out sorgen.

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Für viele Kenner ist die DFB-Elf des Jahres 2014 die talentierteste seit vielen Jahrzehnten. Löw sieht das anders, verweist auf das Weltmeisterteam von 1990 und die Europameister von 1996. Aber das will kaum jemand hören. Da diskutiert das Volk schon lieber, wie es mit Löw nach der WM weitergeht. Seinen Vertrag hat er zwar im vergangenen Jahr vorzeitig bis 2016 verlängert. Aber gibt es überhaupt irgendeinen WM-Verlauf, der sein Weitermachen rechtfertigen würde? Scheidet Deutschland früh aus, dürfte Löw nicht mehr tragbar sein. Wird Deutschland Weltmeister – was will Löw dann noch erreichen? Beendet Deutschland das Turnier schließlich wieder als Zweiter, Dritter oder Vierter, wird die alte Platte aufgelegt, und man wird festhalten: Für den letzten Schritt hat es mit Löw erneut nicht gereicht.

Schwierige Prognosen

Leute, die ihn näher kennen, sagen, dass Löw das Jobprofil des Bundestrainers eigentlich sehr zusagt. Ein, zwei Live-Spiele pro Woche im Stadion besuchen, bevorzugt in Freiburg, Stuttgart oder München, alle zwei Jahre ein großes Turnier spielen – das sei ein prima Rhythmus für ihn, der daheim im Schwarzwald auch die schönen Seiten des Lebens zu genießen weiß. In dieser Woche klang das bei Löw anders. Da redete er von „Phasen der Unzufriedenheit“ als Bundestrainer, wenn er manchmal monatelang nicht mit der Mannschaft arbeiten könne. Indirekt beschrieb er damit die Vorzüge, die ein Amt als Klubtrainer mit sich bringt. Vielleicht erlebt man Löw ja schon 2015 in London oder Paris, in Spanien oder Italien. Aber mit Prognosen ist das so eine Sache. Joachim Löw weiß das spätestens seit Freitag.

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