Rückspiel gegen Atlético Madrid steht an Guardiola braucht die Spieler, die er kaum schätzt

Vom Bankdrücker zum Hoffnungsträger: Nachdem er beim 0:1 gegen Atlético Madrid 70 Minuten auf der Bank saß, hängt im Rückspiel viel von Thomas Müller ab. Er soll das Defensivbollwerk der Spanier knacken.
03.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maik Rosner

Vom Bankdrücker zum Hoffnungsträger: Nachdem er beim 0:1 gegen Atlético Madrid 70 Minuten auf der Bank saß, hängt im Rückspiel viel von Thomas Müller ab. Er soll das Defensivbollwerk der Spanier knacken.

Thomas Müller erachtete diesen Hinweis als wichtig, natürlich auch, weil ihm die erste Gelegenheit zum Nachweis verweigert worden war. „Ich habe natürlich eine besondere Beziehung zum Verein. Ich bin keiner, der sich in den großen Spielen versteckt und ein Hasenfuß ist“, sagte er also, um rasch anzufügen: „Aber wir brauchen die Diskussion nicht weiterführen. Es geht darum, dass wir als Mannschaft, als Verein das Spiel gewinnen.“

Natürlich geht es im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Atlético vor allem darum. Die 0:1-Niederlage in Madrid vor sechs Tagen muss der FC Bayern an diesem Dienstag (20.45 Uhr, ZDF) durch einen Sieg mit zwei Toren Vorsprung wettmachen, damit es etwas wird mit dem erhofften Einzug ins Endspiel am 28. Mai in Mailand. Dann gegen Real Madrid oder Manchester City, die am Mittwoch nach ihrem 0:0 vor einer Woche um die zweite Finalzulassung ringen werden.

Guardiola - Abschied durch das "ganz große Tor"?

Es geht bei den Münchnern aber auch um die Frage, in welchem Klima sich Trainer Pep Guardiola nach seinen drei Amtsjahren aus München verabschieden wird. „Durch das ganz große Tor“, wie es der ehemalige Vereinspräsident Uli Hoeneß zuletzt hoffnungsfroh in Aussicht gestellt hatte, wofür mindestens das Finale, besser aber das Triple erreicht werden muss. Oder doch mit einem eher lauwarmen Händedruck, den sich „Der Spiegel“ gerade als „Blumen. Danke. Servus.“ vorgestellt hat.

Dass die Bewertung seines gesamten Schaffens beim FC Bayern nun beinahe allein vom Ausgang dieses Halbfinals mit dem stilistischen Gegenentwurf Atlético abhängig gemacht wird, ist schon kurios unvernünftig. Aber richtig grotesk wird die Ausgangslage erst dadurch, dass es in Guardiolas wichtigstem Spiel seiner gesamten Münchner Zeit vor allem auf jene Spielertypen ankommen dürfte, die in der Wertschätzung des Trainers eine eher nachrangige Rolle einnehmen.

Das ist die Ironie von Guardiolas Schicksal, bevor er sich aufmacht, um bei Manchester City seinen Ballbesitzstil zu lehren, bei dem er am liebsten mit elf feinfüßigen Mittelfeldspielern passen, passen, passen lassen würde, bis der letzte Pass das Tornetz als Adressaten findet.

Müller ist kein Spielertyp, den Guardiola besonders schätzt

Schon im Hinspiel bei Atlético war dies ja Teil von Guardiolas Begründung, warum Müller 70 Minuten lang zuschauen musste. Er habe mehr Mittelfeldspieler aufbieten wollen, ließ der Katalane damals wissen, weshalb sich Thiago Alcántara und Xabi Alonso im Zentrum der Startelf einfanden, zusammen mit Arturo Vidal. Nun wird Guardiola Thiago oder, was wahrscheinlicher ist, Alonso auf die Bank setzen müssen, um Platz für Müller zu schaffen.

Den torgefährlichen, mitreißenden und ideenreichen Offensivpartner von Robert Lewandowski erneut außen vor zu lassen, kann Guardiola eigentlich nicht ernsthaft erwägen. Obwohl Müller mit seinen eher unorthodoxen Qualitäten keiner jener Spielertypen ist, die der Trainer besonders schätzt. Das gilt ebenso für Vidal, der zwar eindeutig als Mittelfeldspieler einzustufen ist, aber wegen seines eher instinktlastigen und vor allem rauflustigen Stils als einer jener Sorte, die der Ästhet Guardiola nicht bevorzugt.

Lahm: Aus CL-Pleite gegen Real "absolut gelernt"

Weil auch Torwart Manuel Neuer eindeutig kein Mittelfeldspieler ist, nimmt er schon per se eine eher nachrangige Rolle in der Wertschätzung des Trainers ein. Doch auch auf Neuer wird es nun besonders ankommen, bei den Kontern von Atlético, die Vidal mutmaßlich vor der Abwehr besser ausbremsen soll, als das in der Hinspiel-Formation gelungen war sowie 2014 gegen Real Madrid und 2015 gegen den FC Barcelona. Besonders Real dient nun auch als Vorlage. Auch damals kehrten die Bayern mit einem 0:1 heim, in München setzte es ein 0:4, woraus man „absolut gelernt“ habe, wie Kapitän Philipp Lahm versicherte, und zwar Geduld und Vernunft.

Ribéry: "Ich muss spielen"

Womöglich kommt sogar Jérôme Boateng eine herausgehobene Bedeutung zu, der unter Guardiola zwar schon mal im Mittelfeld gespielt hat, aber nur aushilfsweise. Nun könnte der Abwehrchef auf seiner angestammten Position in der Innenverteidigung eingesetzt werden, obwohl er erst am Sonnabend beim 1:1 gegen Mönchengladbach sein Comeback nach mehr als drei Monaten Verletzungspause gegeben hatte und danach bekannte, er sei noch nicht wieder der Alte. Und dann ist da ja noch Franck Ribéry, einer jener Flügelflitzer, die Guardiola anfangs auch nicht so wichtig fand, der nun aber trotz Rückenbeschwerden forderte: „Ich muss spielen.“

Doch vor allem auf die Achse Müller, Vidal, Boateng, Neuer und auf die Qualitäten Wucht und Wille, die auch Ribéry auszeichnen, könnte es nun besonders ankommen. Eine Achse, die so gar nicht nach Guardiola klingt, von der aber abhängen könnte, wie die drei Amtsjahre des Liebhabers feinfüßiger Mittelfeldvirtuosen und Passspieler bewertet werden. Vermutlich findet das sogar Guardiola kurios.

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