Fußball-Bundesliga Hannover nach Miller-Diagnose bestürzt

Hannover. Hannover 96 ist bestürzt: 22 Monate nach dem Selbstmord von Robert Enke hat sich Ersatz-Torwart Markus Miller wegen einer psychischen Erkrankung in stationäre Behandlung begeben.
05.09.2011, 16:51
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Peter Hübner und Michael Rossmann

Hannover. Hannover 96 ist bestürzt: 22 Monate nach dem Selbstmord von Robert Enke hat sich Ersatz-Torwart Markus Miller wegen einer psychischen Erkrankung in stationäre Behandlung begeben. Im Gegensatz zu Enke, der depressiv war und sich am 10. November 2009 das Leben genommen hatte, leidet Miller an mentaler Erschöpfung und wandte sich an den Verein.

"Dieser Schritt ist ein großes Zeichen von Mut", sagte 96-Clubchef Martin Kind: "Er hat in einem Club, der ein furchtbares Erlebnis mit einem persönlichen Schicksal durchgemacht hat, bewusst den Gang an die Öffentlichkeit gewählt und klare Fakten geschaffen." Der 29 Jahre alte Torwart sagte in einer Mitteilung des Vereins: "Ich habe mich dazu entschlossen, meinen Klub, unsere Fans und die Medien über meine Erkrankung zu informieren." Weiter erklärte Miller: "Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke. Dabei erlebte ich zunehmenden, großen inneren Druck und Anspannungen, die mich begannen zu blockieren."

Burnout-Syndrom diagnostiziert

Der Familienvater, der im Sommer 2010 aus Karlsruhe kam, ist bisher die Nummer zwei hinter Ron-Robert Zieler. Er hat für Hannover 96 noch kein Punktspiel absolviert. Bei Miller wurde nach Angaben des Clubs neben der mentalen Erschöpfung ein beginnendes Burnout-Syndrom diagnostiziert.

Der Profi hatte zunächst mit der sportlichen Leitung des Vereins über seine Probleme gesprochen. "Markus hat mich frühzeitig ins Vertrauen gezogen und umfassend informiert", sagte Trainer Mirko Slomka: "Wie er seine Situation angenommen hat, sich aktiv um Hilfe bemüht hat und für sich selbst die Entscheidung getroffen hat, die Öffentlichkeit in Kenntnis zu setzen, ist imponierend." Der Coach informierte vor dem Training am Montag Millers Mitspieler. Stammtorwart Zieler, mit der Nationalmannschaft derzeit in Polen, wurde per Telefon unterrichtet.

Hannover 96 garantiert Unterstützung

"Wir stärken und schützen ihn, weil er sich mit aller Offenheit seinen psychischen Schwierigkeiten stellt, die unverändert in unserer Gesellschaft als Tabu-Thema behandelt werden", sagte 96-Manager Jörg Schmadtke. "Oberste Priorität hat für uns alle, dass Markus Miller von seinen Ärzten erfolgreich behandelt werden kann."

Schmadtke war bereits im November 2009 Hannovers Manager, als der Suizid von Enke die Sportwelt geschockt hatte. Der damalige Nationalkeeper litt jahrelang unter Depressionen, ohne dass ein Vereinsverantwortlicher dies bemerkte. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nahm der Club von Enke Abschied, fast 40 000 Menschen kamen zur Trauerfeier ins Stadion.

Es soll keine Neuverpflichtung geben

Obwohl Miller auf unbestimmte Zeit ausfällt, will der Club keinen weiteren Torwart verpflichten. Neben Zieler steht der Österreicher Samuel Radlinger bei 96 unter Vertrag, er spielte bisher in der 2. Mannschaft.

"Bei Markus Miller ist von einer deutlich positiven Behandlungsprognose auszugehen", sagte Martin Braun, der Therapeut des Fußballprofis. Der Psychologe, Arzt und Psychotherapeut aus Gelsenkirchen betreut Miller bereits längere Zeit. "Ich arbeite gemeinsam mit Martin Braun bereits erfolgreich an Lösungen", wird Miller zitiert: "Um blockierende Ursachen und Symptome noch nachhaltiger bearbeiten zu können, als das ambulant möglich ist, habe ich mich in enger Absprache mit meinem Therapeuten dazu entschlossen, stationär an mir zu arbeiten."

Robert-Enke-Stiftung lobt das Vorgehen

Die Robert-Enke-Stiftung begrüßte die Veröffentlichung von Markus Millers psychischer Krankheit. "Aus Sicht der Robert-Enke-Stiftung bedarf die Entscheidung des Sportlers, diesen Schritt mit aller Offenheit und Ehrlichkeit publik zu machen, höchster Anerkennung", schrieb die Organisation. "Gerade im Leistungssport stellt sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen nach wie vor als schwierig dar, was das beschriebene Vorgehen umso eindrucksvoller wirken lässt."

Die Robert-Enke-Stiftung wurde nach dem Selbstmord des ehemaligen Nationaltorwarts gegründet, der an Depressionen litt. Sie unterstützt Projekte, Maßnahmen und Einrichtungen, die über Herzkrankheiten von Kindern sowie Depressionskrankheiten aufklären sowie deren Erforschung oder Behandlung dienen. Die Stiftung lobte zudem die offene Herangehensweise, "mit welcher der Verein seinem Torwart eine uneingeschränkte Unterstützung beim Gang an die Öffentlichkeit zugesichert haben dürfte". Hannover 96 gehört neben dem Deutsche Fußball-Bund (DFB) und dem Ligaverband zu den Stiftungsmitgliedern. (dpa)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+