Coming-Out Hitzlsperger beendet Versteckspiel

Bremen. Thomas Hitzlsperger hat in einem Interview seine Homosexualität öffentlich gemacht. Der 31-Jährige ist der erste prominente Fußballer, der sich geoutet hat.
09.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Hitzlsperger beendet Versteckspiel
Von Patrick Hoffmann

Bremen. Thomas Hitzlsperger hat in einem Interview seine Homosexualität öffentlich gemacht. Der 31-Jährige ist der erste prominente Fußballer, der sich geoutet hat.

Thomas Hitzlsperger hat in einem Interview mit der „Zeit“ einmal über Homosexualität im Fußball gesprochen. Im September 2012 ist das gewesen. Hitzlsperger hielt sich gerade in England auf. Er war seit ein paar Monaten arbeitslos und versuchte sich in einem Probetraining beim FC Everton für eine Anstellung zu empfehlen. In besagtem Interview also hat Hitzlsperger damals ein paar kluge Sätze gesagt, und am Ende hat er dem Reporter dann noch zwei interessante Frage gestellt, die heute umso bemerkenswerter sind.

Die erste Frage lautete: „Wenn ein Spieler mit der Bitte auf Sie zuginge, ihn zu outen, würden Sie ablehnen?“

Die zweite Frage lautete: „Was ist denn Ihre Prognose: Wann erleben wir das erste Coming-out eines schwulen Fußballers?“

Gestern wurden die beide Fragen abschließend beantwortet. Von Thomas Hitzlsperger. Der 31-Jährige hat sich in einem Interview, erneut mit der „Zeit“, geoutet. „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“, sagt Hitzlsperger. Er habe das Gefühl, dass jetzt, nach dem Ende seiner Karriere, ein guter Moment dafür gekommen sei.

Es sei „ein langwieriger und schwieriger Prozess“ gewesen bis zur Erkenntnis, schwul zu sein, sagt Hitzlsperger. „Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte.“ 2007 hatte er sich nach acht gemeinsamen Jahren von seiner Freundin Inga getrennt, kurz vor der geplanten Hochzeit. Etwa seit dieser Zeit, heißt es, hat sich Hitzlsperger auch mit dem Gedanken herumgetragen, seine Homosexualität öffentlich zu machen. Er hat dann trotzdem bis zu seinem Karriereende damit gewartet. „Wer ein Gefühl für die Stimmung in einer Mannschaft hat“, sagt Hitzlsperger, „der weiß einfach, was angesagt ist. Der Gruppenzwang kann enorm sein. Und genauso ist das in der Verwandtschaft.“ Er habe bei dem Thema aber nie gelogen, betont Hitzlsperger. Er habe halt nur nicht alles erzählt.

Hitzlsperger wurde einst in der Jugendabteilung des FC Bayern München ausgebildet und wechselte mit 18 Jahren zum englischen Erstligisten Aston Villa. Auf der Insel stieg er schnell zum Publikumsliebling auf. Die Fans nannten ihn „Hitz the Hammer“, wegen seiner gewaltigen Distanzschüsse. Im Sommer 2005 unterschrieb er beim VfB Stuttgart und feierte mit dem Klub 2007 den Gewinn der deutschen Meisterschaft. In den Jahren danach ging es jedoch Stück für Stück bergab: Vertragsauflösung in Stuttgart, Kurzzeitengagements bei Lazio Rom, West Ham United, dem VfL Wolfsburg und zum Schluss beim FC Everton. Glücklich wurde er nirgendwo. Im Sommer 2013 gab Hitzlsperger schließlich sein Karriereende bekannt.

Aber egal, ob in Deutschland, England oder Italien – der Umgang mit Homosexualität im Fußball sei überall gleich. Sie werde „schlicht ignoriert“, sagt Hitzlsperger. Er habe sich oft über das Klischee geärgert, das sich viele Leute von einem Homosexuellen machten, nämlich: „Schwule sind Weicheier.“ Die Sprüche der Kollegen, sagt Hitzlsperger, wären nicht immer leicht zu ertragen gewesen. „Da sitzen 20 junge Männer an den Tischen und trinken. Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange die Witze halbwegs witzig sind und das Gequatsche über Homosexuelle nicht massiv beleidigend wird.“

Von einigen, mit denen er jahrelang in einer Kabine saß, gab es gestern aufmunternde Worte. „Bin stolz auf dich“, schrieb etwa der frühere Nationalmannschaftskollege Arne Friedrich. Zahlreiche Politiker, Funktionäre und Trainer äußerten sich ebenfalls positiv. Und Werder-Trainer Robin Dutt sagte: „Wir leben im Jahr 2014, und es ist ein Unding, über diese Schlagzeile überhaupt zu diskutieren. Es zeigt aber, dass noch nicht alle Menschen im Kopf so offen sind.“

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