"Wir lassen uns nicht unterkriegen" Ismaël über Terror und die EM in Frankreich

Der Ex-Werderaner Valérien Ismaël spricht über seine Gefühle nach den Anschlägen von Paris und darüber, was er sich von der bevorstehenden Europameisterschaft in Frankreich erhofft.
10.01.2016, 09:00
Lesedauer: 6 Min
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Ismaël über Terror und die EM in Frankreich
Von Andreas Lesch

Der Ex-Werderaner Valérien Ismaël spricht über seine Gefühle nach den Anschlägen von Paris und darüber, was er sich von der bevorstehenden Europameisterschaft in Frankreich erhofft.

Sie sind Franzose, und Sie lieben den Fußball. Was fühlen Sie, wenn Sie an die Europameisterschaft im Sommer in Frankreich denken – an das Turnier nach den Terror-Anschlägen von Paris?

Valérien Ismaël: Ich habe da gemischte Gefühle. Einerseits spüre ich eine Freude darüber, dass so ein Turnier endlich mal wieder in Frankreich stattfindet. Andererseits habe ich nach allem, was in Paris passiert ist, natürlich auch Bedenken. Aber ich glaube, dass die französischen Behörden sehr wachsam sein werden.

Jacques Lambert, der Präsident des EM-Organisationskomitees, sagt, man werde zu hundert Prozent für die Sicherheit der Stadionbesucher sorgen. Ist das überhaupt möglich?

Bei den Anschlägen im November haben ja mehrere Attentäter versucht, ins Stade de France reinzukommen, aber sie haben es nicht geschafft. Das zeigt, dass in Frankreich die Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien funktionieren. Und bei der EM wird alles und jeder dort noch konsequenter durchsucht werden.

Die EM wird sich aber ja nicht nur in den Stadien abspielen, sondern auch in Innenstädten, U-Bahnen und Hotels, in Kneipen und Restaurants. Alles wird nicht vor dem Terror zu schützen sein. Wie leben die Franzosen mit diesem Wissen, mit dieser Unsicherheit?

Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, das ist mir klar. Ein Restrisiko ist immer da, egal wie streng alles bewacht wird. Was ich von meiner Familie und meinen Freunden höre, ist: Sie haben diese Terror-Geschichte immer im Kopf, aber sie versuchen trotzdem, weiter zu leben und sich nicht beeinflussen zu lassen. Sie versuchen, ihren Alltag zu bewältigen – ohne Angst. Das ist nicht einfach. Aber sie merken, dass dieses Gefühl Monat für Monat ein bisschen mehr zurückkehrt. Das Gefühl, dass man einfach glücklich ist.

Können sich die Franzosen auf die EM freuen – nach allem, was war?

Ja, sie freuen sich. Weil sie zum ersten Mal seit der WM 1998 wieder ein Riesenturnier in Frankreich ausrichten dürfen. Und weil sie dadurch die Chance haben, der Welt unser Land zu zeigen. 1998 haben sie bewiesen, dass so ein Turnier ein Riesenfest werden kann. Ich wünsche mir, dass wir jetzt wieder so ein Riesenfest erleben wie damals.

Wenn aber schwer bewaffnete Sicherheitskräfte das Bild der EM prägen, wie sehr kann sie dann ein unbeschwertes Fest sein?

Klar, die Vorsicht wird ein Teil dieses Turniers sein. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass die Fans ein Zeichen setzen und zeigen: Wir haben keine Angst!

Wie soll das gehen: dass die Fans feiern, wenn überall um sie herum Polizisten stehen?

Ich fände es schlimmer, wenn man keine Polizisten sehen würde. Dann hätte man viele Fragen im Kopf. Die Polizisten sind doch ein gutes Zeichen! Sie geben den Fans zumindest ein sicheres Gefühl. Ob dieses Gefühl am Ende gerechtfertigt ist oder nicht, das kann ich nicht beurteilen.

Just Fontaine, Frankreichs großes Fußball-Idol, hat nach den Anschlägen von Paris gesagt, die EM solle an ein anderes Land vergeben werden, weil Frankreich nicht die nötige Sicherheit garantieren könne. Was sagen Sie dazu?

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Wo und wie haben Sie die Anschläge von Paris eigentlich erlebt?

Ich war zu Hause, und ich habe das Spiel gesehen, live im Fernsehen. Ich habe diese Detonationen gehört, einmal, ein zweites Mal. Beim ersten Mal dachte ich noch, da hätte jemand so einen Riesenknaller im Stadion gezündet; das kannte ich von früher. Aber beim zweiten Mal wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Ich habe schnell auf die französischen Sender umgeschaltet und sofort gesehen, dass etwas passiert ist. Aber ich wusste nicht, wie schlimm es war. Also habe ich weiter das Spiel geguckt. Erst nach dem Spiel habe ich mitbekommen, was wirklich los war.

Wie lange haben Sie in der Nacht noch vor dem Fernseher gesessen?

Sehr lange. Ich habe versucht, zu meinen Freunden und Verwandten in Frankreich Kontakt aufzunehmen. Ich war total geschockt.

Wann haben Sie in dieser Nacht zum ersten Mal an die EM gedacht – und an die Folgen, die der Terror für sie haben könnte?

Sehr bald, und ich habe gedacht: Oh mein Gott! Aber mein allererster Gedanke war: Was ein Glück, dass die Terroristen nicht auch noch ins Stadion gelangt sind! Man kann sich ja vorstellen, was da sonst passiert wäre.

Wie kann und wie soll der Fußball in Zeiten des Terrors Haltung zeigen?

Deutschland hat nach den Anschlägen von Paris gezeigt, wie das gehen kann. Deutschland wollte ein Zeichen setzen und hat sich deshalb entschieden, das Länderspiel in Hannover auszutragen – obwohl die deutsche Mannschaft wenige Tage zuvor den Terror von Paris im Stadion miterlebt hatte. Das war ein Zeichen der Solidarität, das weltweit wahrgenommen worden ist ...

... auch wenn das Länderspiel wegen einer Terrorwarnung dann doch noch kurzfristig abgesagt wurde.

Trotzdem war die erste Entscheidung, dass das Spiel stattfinden soll, richtig und wichtig. Wir sollten auch die EM nutzen, um eine Botschaft zu senden, ein starkes Signal: Wir sind hier alle zusammengekommen aus unterschiedlichen Ländern, aus unterschiedlichen Kulturen – und wir halten zusammen.

Wie könnte dieses Signal konkret aussehen?

Es könnte sich darin zeigen, dass die Leute einfach feiern und sich über die EM freuen. Dass sie das Turnier auch dazu nutzen, das Land zu entdecken, immer wieder zu reisen, von Standort zu Standort.

Wie hat sich für die Franzosen die Bedeutung ihrer Nationalmannschaft durch den Terror von Paris verändert? Die Mannschaft war ja mittendrin in dieser Nacht.

Ich glaube, die Mannschaft hat jetzt eine Chance, sich mit ihren Fans zu versöhnen. Frankreich hat in den letzten Jahren sehr viel gelitten. Das hat angefangen bei der WM 2010 in Südafrika ...

... als die Spieler das Training boykottierten und mehrere von ihnen suspendiert wurden.

Der französische Fußball hat da kein schönes Bild abgegeben. Jetzt haben die französischen Fußballer die Chance, wieder zusammenzurücken mit ihren Fans und wieder eine Einheit zu werden, wie es sie damals gab, als sie 1998 Weltmeister geworden sind. Sie können zeigen, dass wir alle eins wollen: dass der französische Fußball wieder Erfolg hat.

Wie sehr hat diese Entwicklung, die Sie sich wünschen, durch die Nacht von Paris schon begonnen?

Zwei Nationalspieler waren ja vom Terror direkt betroffen: Antoine Griezmann und Lassana Diarra. Griezmanns Schwester entkam dem Blutbad im Konzertsaal Bataclan, Diarras Cousine starb im Kugelhagel an der Rue Bichat. Da war der Terror plötzlich nicht mehr anonym. Da haben die Franzosen gesehen: Alle leiden, jeder auf seine Art – und das hat nichts mit der Herkunft, dem Verdienst oder dem Status eines Menschen zu tun. Der Terror hat uns wirklich wehgetan, er hat uns traurig und wütend gemacht. Mit diesen Gefühlen waren auf einmal alle Franzosen gleich – egal ob sie Fußball-Fan oder Fußball-Nationalspieler waren.

Wie weit kann die Mannschaft bei der EM kommen? Ihre Vorrundengruppe mit Rumänien, Albanien und der Schweiz klingt jedenfalls schon mal machbar.

Die Gruppe ist machbar, da haben Sie recht. Und danach stärkt, mit der Unterstützung der Fans im eigenen Land, jede Runde, die man weiterkommt, die Euphorie und den Glauben daran, dass man etwas Großes erreichen kann. Das hat man ja in Deutschland gesehen, bei der WM 2006. Ich glaube, so etwas wie damals die Deutschen haben die Franzosen sich jetzt auch vorgenommen.

Kann Frankreich, wenn alles perfekt läuft, sogar den Titel holen?

Natürlich. Im Spiel in Paris gegen Deutschland hat man gesehen, dass viel Potenzial in dieser Mannschaft ist. Wenn die Franzosen es schaffen, eine Einheit zu formen und alle sich dem gemeinsamen Ziel unterordnen, dann werden sie eine sehr gute Rolle spielen. Denn ihre Einzelspieler sind Weltklasse.

Wen schätzen Sie besonders?

Die Leader sind für mich Paul Pogba und Blaise Matuidi im Mittelfeld. Vorn spielt Antoine Griezmann eine wichtige Rolle. Hinten ist Raphael Varane als Innenverteidiger überragend. Diese Spieler sind im Kommen, und sie werden noch reifer werden. Sie werden ihren Weg gehen. Und vergessen Sie nicht, dass auch Kingsley Coman dabei ist, der beim FC Bayern schon seine Stärke gezeigt hat. Und der ist erst 19 Jahre alt.

Wie wichtig wäre es für die Franzosen nach dem Terror von Paris, dass ihre Mannschaft tatsächlich sehr weit kommt bei der EM?

Dass die Nationalmannschaft dem französischen Volk ein bisschen Freude und Glück schenkt, das wäre sehr wichtig. Ich wünsche mir, dass die Franzosen weit kommen, dass sie ein großes Fest feiern und dass sie für alle Opfer der Attentate spielen.

Kann der Sport, wenn die EM wirklich ein Fest wird, ein paar Wunden heilen, die Frankreich durch die Attentate erlitten hat?

Heilen kann der Sport die Wunden nicht, nein. Aber er kann den Franzosen vielleicht ein Lächeln zurückbringen. Und das wäre doch schon mal was.

Das Gespräch führte Andreas Lesch.

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