Euro 2016 Jonathan Tah kann keine Soforthilfe sein

Joachim Löw hat durchblicken lassen, dass der Verlust von Antonio Rüdiger schwer wiegt. Dennoch will der Bundestrainer die Ansprüche an seine Mannschaft nicht reduzieren.
09.06.2016, 00:00
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Jonathan Tah kann keine Soforthilfe sein
Von Marc Hagedorn

Joachim Löw hat durchblicken lassen, dass der Verlust von Antonio Rüdiger schwer wiegt. Dennoch will der Bundestrainer die Ansprüche an seine Mannschaft nicht reduzieren.

Der AS Rom hat vor einiger Zeit einen Kunstmaler damit beauftragt, von seinen Profis Porträts im Stile der Alten Meister anzufertigen. Auch Antonio Rüdiger ist auf diese Weise verewigt worden. Der Innenverteidiger, im vergangenen Sommer vom VfB Stuttgart nach Italien gewechselt, ist in stolzer Pose zu sehen, gekleidet wie ein General zu Zeiten Napoleons.

Das Bild strahlt Würde aus, der Blick des Spielers kündet von Stärke und Entschlusskraft. Das Gemälde hätte zum Sinnbild für Antonio Rüdiger und die EM 2016 werden können. Rüdiger, so der Plan von Bundestrainer Joachim Löw, sollte der Mann an der Seite eines anderen imposanten Abwehrreck­en sein, der Mann neben Jérôme Boateng.

Am Dienstag, beim ersten Training der deutschen Nationalmannschaft in ihrem EM-Quartier in Evian-les-Bains, hat sich Antonio Rüdiger nun aber das vordere Kreuzband im Knie gerissen. Eine zweite Untersuchung am Mittwochvormittag im Krankenhaus bestätigte die erste Diagnose vom Dienstagabend. Für diese Europameisterschaft, es wäre Rüdigers erstes großes Turnier gewesen, spielt er damit keine Rolle mehr. Die Geschichte vom jungen und stolzen Defensivstrategen Antonio Rüdiger muss für mindestens zwei Jahre, bis zum nächsten Turnier, in der Schublade verschwinden.

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Bundestrainer Joachim Löw hat am Mittwoch gesagt, dass es ihm um Antonio Rüdiger „besonders leid“ tue. Löw hatte die Beschreibung des Schmerzes mit jedem Satz, den er sprach, gesteigert. Zunächst hatte er gesagt, der erste Tag sei mit Rüdigers Verletzung „ein bisschen getrübt“ worden, dann fand Löw das alles „äußerst unglücklich“ und schließlich „sehr, sehr schade“. Auf dem Weg dorthin hatte Löw den Innenverteidiger Antonio Rüdiger beschrieben, hatte lobend erwähnt, wie sehr der Spieler an sich gearbeitet habe, wie intensiv er und der Spieler sich über Stärken und Schwächen ausgetauscht hätten, welch großartiger Wille, welche Dynamik und Zweikampfstärke Antonio Rüdiger auszeichnen würden.

All das wird dem deutschen Team nun fehlen. Und weil auch Mats Hummels nicht fit ist, macht dieser Ausfall Löws Job nicht leichter. Immerhin nominell hat Löw die Lücke schnell geschlossen. Nur wenige Stunden nach Rüdigers Verletzung hängte sich Löws Assistent Marcus Sorg ans Telefon, nahm Kontakt zum Leverkusener Innenverteidiger Jonathan Tah auf und beorderte ihn ins deutsche Quartier an den Genfer See, wo er an diesem Donnerstag eintreffen soll.

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„Ganz bewusst“ habe er sich für einen „Eins-zu-eins-Tausch“ entschieden, sagte Löw, der in einer ähnlichen Situation bei der WM 2014 noch einen überraschenden Wechsel vorgenommen hatte, als er für den verletzten Offensivdribbler Marco Reus den rustikalen Defensivabräumer Shkodran Mustafi nachnominiert hatte.

Solche leicht riskanten Personalspielchen kann sich Löw in diesem Sommer nicht leisten. Formal hat er Rüdiger in der Tat eins-zu-eins ersetzt, aber Jonathan Tah, ein A-Länderspiel, wird das auf dem Platz nicht sofort tun können. Tah, 20 und damit drei Jahre jünger als Rüdiger, hat seit Ende April nicht mehr Fußball gespielt. Durch den Verzehr eines verdorbenen Würstchens hatte er sich in der Schlussphase der Bundesliga-Saison eine schwere Lebensmittelvergiftung eingefangen.

Vor drei Wochen hat Tah mit seinem persönlichen Fitnesstrainer im Elbgym in Hamburg-Eppendorf ein individuelles Aufbauprogramm absolviert und ist dann in den Urlaub nach Miami geflogen. Der Spieler hat Erfahrung damit, sich auf eigene Faust fit zu halten. Als sich sein Wechsel vom HSV zu Bayer Leverkusen im vergangenen Sommer immer mehr in die Länge zog und er in Hamburg nicht mehr und in Leverkusen noch nicht trainieren konnte, hatte sich Tah schon einmal im Privattraining die nötige Fitness geholt, um dann sehr schnell in Leverkusen zu einer unentbehrlichen Größe zu werden. Die neun Millionen Euro Ablöse, die Leverkusen an den HSV zahlte, waren klug investiertes Geld, wie man längst weiß.

Tah, der eigentlich für die U 21-Auswahl vorgesehen war, die Anfang August an den Olympischen Spielen in Rio teilnimmt, gilt als ein Mann mit großer Zukunft. Die Experten loben seinen Antritt, seine gute Technik und die Gabe, in Drucksituationen cool bleiben zu können. Wenn überhaupt bei diesem Turnier wird er seine Fähigkeiten allerdings frühestens ab dem zweiten Gruppenspiel einbringen können. Löw sagte zwar, dass er sicher sei, den Spieler innerhalb weniger Tage ins Mannschaftstraining integrieren zu können, aber für das Ukraine-Spiel am Sonntag kommt Tah nicht in Frage. Also muss Löw den Ersatz für den Ersatz von Hummels woanders finden.

Zwei Möglichkeiten nannte Löw: Entweder bringt er Mustafi. Oder aber er zieht den Schalker Benedikt Höwedes von der rechten Außenverteidigerposition ab und setzt ihn an der Seite von Jérôme Boateng ins Abwehrzentrum. Das Duo Boateng/Höwedes hat es bei einer Europameisterschaft auch schon einmal gegeben. 2009 war das. Damals holte das deutsche Team, die U 21, den Titel. Und das ist ja auch jetzt der Auftrag. Löw sagte am Mittwoch, als er auf die Ausfälle von Ilkay Gündogan, Marco Reus und jetzt auch Rüdiger angesprochen wurde: „Wir schrauben unsere Ansprüche jetzt nicht nach unten.“

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