Deutschland bei der Euro 2016 Löw muss noch an der Defensive feilen

Die deutsche Defensive sorgt zwar für einige spektakuläre Aktionen, die Idealbesetzung sucht Joachim Löw aber weiterhin.
14.06.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Löw muss noch an der Defensive feilen
Von Marc Hagedorn

Die deutsche Defensive sorgt zwar für einige spektakuläre Aktionen, die Idealbesetzung sucht Joachim Löw aber weiterhin.

Mats Hummels wirkte, als sei er bei einem Showtraining. Er scherzte mit ein paar Fans an der Seitenlinie, er gab Autogramme und ließ sich bereitwillig zu Handyfotos überreden. Ganz schön entspannt war Hummels dafür, dass in wenigen Minuten das erste EM-Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft beginnen sollte.

Aber der Noch-Dortmunder und Bald-Münchner konnte sich diese Lockerheit leisten. Sein Stammplatz im Spiel gegen die Ukraine sollte nicht an der Seite von Jerome Boateng in der deutschen Innenverteidigung auf dem Rasen sein, sondern mitten unter den Kollegen Ersatzspieler auf der Auswechselbank. Von dort sah er zu, wie die DFB-Elf mit etwas Glück und Manuel Neuers Hilfe ohne Gegentor blieb, ja mehr noch, wie sein Stellvertreter Shkodran Mustafi sogar noch das wichtige 1:0 köpfte. „Er ist ein herausragender Verteidiger”, sagte Hummels hinterher über seinen Ersatzmann.

Die demonstrativ gelebte Kollegialität heißt jetzt aber nicht, dass Hummels freiwillig auch noch die nächsten ein, zwei Spiele zugucken wird. Auf die Frage, ob er am Donnerstag in Paris in der Partie gegen Polen wieder in der Startelf dabei sein könne, antwortete Hummels mindestens ebenso demonstrativ: „Ja klar.”

Damit kann und wird Bundestrainer Joachim Löw die Abwehr wohl umbauen. Denn zu null hin, Mustafi-Tor her – einen titelreifen Eindruck hinterließ die deutsche Hintermannschaft noch nicht. Vor allem in der ersten Halbzeit und dort vor allem über die Außenbahnen hatte die Viererkette ziemliche Probleme. Die Abstände zwischen Julian Draxler und Jonas Hector links sowie Thomas Müller und Benedikt Höwedes rechts waren einige Male so groß, dass die schnellen ukrainischen Flügelspieler in die Zwischenräume schlichen und gefährlich vors deutsche Tor spielen konnten. Entsprechend aufgeregt und gestenreich diskutierten Draxler und Hector sowie Höwedes und Müller ein paar Mal.

Die Probleme gipfelten in der vielleicht spektakulärsten Szene des Abends, als Jerome Boateng artistisch auf der Torlinie den Ausgleich verhinderte, was Löw zu dem Spruch veranlasste: „Es ist gut, wenn man einen Jerome Boateng in der Abwehr als Nachbarn hat.”

Gut war das vor allem für Mustafi, der in den beiden EM-Vorbereitungsspielen keine Rolle gespielt hatte und jetzt gleich beginnen durfte. Das Vertrauen vieler Experten in Mustafi, der beim FC Valencia sein Geld verdient, ist überschaubar. Der 24-Jährige weiß das, versucht aber, cool zu bleiben. „Es wird so viel geschrieben, so viel kommentiert, jeder hat seine Meinung. Das muss man alles beiseite lassen”, sagte Mustafi nach seinem elften Länderspiel.

Einen klassischen Kaltstart musste der Abwehrspieler, der aus der Jugend des HSV stammt, in Lille hinlegen. „Es ist nicht ganz einfach, wenn man nicht spielt. Da herrscht einfach ein unglaublicher Druck, und ich bin noch ziemlich jung.” Abgesehen von ein, zwei Wacklern und einem Missverständnis mit Manuel Neuer in der Schlussphase ließ sich der Spanien-Profi tatsächlich nicht viel zuschulden kommen.

Im Gegenteil: Offensiv war er, wenn man so will, sogar einer der effektivsten Männer. Das 1:0 machte er nach Flanke von Toni Kroos, der scherzte: „Den musste er ja nur noch reinköpfen.” Und das 2:0 nahm seinen Ausgang bei Mustafi. „Er hat alles reingelegt in die Zweikämpfe und eine gute Qualität im Kopfballspiel. Er hat es hervorragend gemacht”, sagte Kroos, diesmal ernst.

Der Bundestrainer wird nach der angekündigten Rückkehr von Hummels nun ein paar Szenarien durchspielen müssen. Kann Mustafi ähnlich wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren auch nach rechts rücken? Dann müsste Höwedes auf die Bank. Oder Löw tauscht einfach nur Mustafi gegen Hummels aus. Dann bliebe für Mustafi der Platz, den die meisten ohnehin für ihn vorgesehen hatten: die Bank. Mustafi deutete – ganz im Sinne des Mannschaftsgedankens – schon einmal an, dass er Team-Interessen über persönliche Befindlichkeiten stellen würde. „Ich bin hier, um zu helfen. Wir sind ein Kader von 23 Spielern, und es gibt nur elf Plätze”, sagte er, „und wenn wir zusammen gewinnen, dann sind wir zusammen Europameister.”

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