Bundestrainer sorgt für eine Überraschung Löw schafft die Stürmer ab

Bremen. Joachim Löw hat seinen WM-Kader benannt – und mal wieder überrascht: Erik Durm, der bis vor neun Monaten noch in der Reservemannschaft von Borussia Dortmund gespielt hat, könnte bei der Weltmeisterschaft in Brasilien als Linksverteidiger in der Startelf stehen.
03.06.2014, 00:00
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Löw schafft die Stürmer ab
Von Marc Hagedorn

Joachim Löw hat seinen WM-Kader benannt – und mal wieder überrascht: Erik Durm, der bis vor neun Monaten noch in der Reservemannschaft von Borussia Dortmund gespielt hat, könnte bei der Weltmeisterschaft in Brasilien als Linksverteidiger in der Startelf stehen. Dafür verzichtet der Bundestrainer mit Ausnahme von Miroslav Klose auf gelernte Stürmer. Das ist mindestens bemerkenswert.

Erik Durm hat in den vergangenen Monaten eine Menge richtig gemacht. Als sein Mannschaftskamerad Marcel Schmelzer bei Borussia Dortmund verletzt ausfiel, war Ersatzmann Durm zur Stelle und spielte stark – unter anderem gegen Real Madrid in der Champions League und gegen die Bayern und Schalke in der Bundesliga.

Durm spielte sogar so stark, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn nach nur 19 Bundesligaspielen in die Nationalmannschaft berief. Auch dort machte der 22-Jährige vieles richtig. Auf dem Platz, beim 2:2 gegen Kamerun. Aber auch daneben. Sein Handy beispielsweise ließ Durm am Sonntag vor seinem Nationalmannschaftsdebüt lieber im Bus. Er sagte: „Ich wollte nicht riskieren, dass etwas passiert.“ Etwa dass es klingelt, wenn der Bundestrainer gerade die Taktik bespricht.

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Jetzt fährt Durm sogar mit der Nationalmannschaft nach Brasilien zur Weltmeisterschaft. Er zählt zu Löws 23 Auserwählten. Seinen geplanten Miami-Urlaub hat Durm längst abgesagt. Urlaub dürfen stattdessen andere machen, nämlich Marcel Schmelzer, Shkodran Mustafi und Kevin Volland. Die Absage an Nachwuchsmann Mustafi, Innenverteidiger von Sampdoria Genua, ist keine Überraschung. Die Streichung von Linksverteidiger Schmelzer schon eher, vor dem Hintergrund seiner aktuellen Verletzung aber nachvollziehbar. Nachvollziehbarer jedenfalls als der Verzicht auf Volland. Denn nach dem Aus für den Hoffenheimer – elf Bundesligatore, neun Vorlagen – steht im deutschen WM-Kader genau noch ein Stürmer: Miroslav Klose.

Klose wiederum, der in wenigen Tagen 36 wird, hat aktuell noch einen Fitness-Rückstand und ist damit gar nicht in WM-Form, was faktisch bedeutet, dass Löw den Sturm, wie man ihn jahrzehntelang mit mindestens einer echten Spitze hierzulande kannte, für den Moment abgeschafft hat. Den Leverkusener Stefan Kießling wollte Löw nie, Mario Gomez spätestens seit dieser Saison nicht mehr, auch Volland hält er nun für entbehrlich. Mehr als verwegen ist es, wenn Löw über seinen Kader jetzt sagt: „Jede Position ist doppelt besetzt.“

Ein Mittelfeldspieler wird den Job im Angriffszentrum in Zukunft wohl machen müssen. „Falsche Neun“ haben die Spanier, Erfinder dieses Systems, die Rolle getauft. Im deutschen Team kämen Mario Götze, Mesut Özil und Thomas Müller – in dieser Reihenfolge – für den Platz in der Spitze infrage. Es sind Lösungen, die ihre Tauglichkeit in den vergangenen zwei Länderspieljahren noch nicht nachgewiesen haben (Götze, Özil) oder mangels Gelegenheit noch nicht nachweisen konnten (Müller).

Götze war gegen Kamerun gefährlich, wenn er den Ball in den Fuß gespielt bekam, wenn er mit Tempo ins Dribbling gehen konnte. Wenn die Pässe indes ungenau kamen, wenn Götze ins direkte Duell um den Ball, also Mann gegen Mann, gehen musste, war er gegen die robusten afrikanischen Verteidiger meist chancenlos.

Ein großes Rätsel ist Mesut Özil. Der ehemalige Bremer enttäuschte zum wiederholten Male in dieser Saison und wurde – ebenfalls nicht zum ersten Mal – vom Publikum ausgepfiffen. Selbst Löw, der Özil gegen Kritik sonst wie ein Löwe verteidigt, räumte ein: „Mesut hatte nicht seinen besten Tag. Ihm sind Fehler unterlaufen, die er in der Regel nicht macht.“

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Womöglich ist Thomas Müller am Ende noch die beste Lösung für den Platz im Sturmzentrum. Pep Guardiola hat ihn dort in München häufiger spielen lassen, und am Sonntag gegen Kamerun hatte Müller nicht nur wegen seines Treffers zum zwischenzeitlichen 1:1 eindeutig auffälligere Aktionen als Vorgänger Götze. Netter Nebeneffekt, wenn Müller in die Spitze rückt: Im offensiven Mittelfeld wäre ein Platz frei. Eine verlockende Option angesichts einer stattlichen Auswahl an torgefährlichen Spielern, zu denen neben Özil und Götze Marco Reus, Lukas Podolski und André Schürrle gehören. Und Julian Draxler und Toni Kroos sind auch noch da.

Knapp zwei Wochen vor dem ersten Gruppenspiel gegen Portugal erinnert vieles im deutschen Kader an ein Puzzlespiel. Löw hat in jedem Mannschaftsteil tatsächlich viele, viele Möglichkeiten – optimal mag man, Stand heute, aber keine nennen. Wie soll das defensive Zentrum aussehen? Sollen Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger, die beiden Lädierten, in der tropischen Hitze des brasilianischen Nordens die erste Lösung sein? Oder ist Kroos ein Teil der Doppelsechs? Oder ersetzt Philipp Lahm einen der beiden? Wobei: Wird Lahm nicht viel eher hinten in der Viererkette gebraucht, die gegen Kamerun nicht überzeugte? Jerome Boateng hat vor zwei Jahren bei der EM als rechter Verteidiger zwar einen soliden Job gemacht, unter anderem als Gegenspieler von Cristiano Ronaldo. Er klingt jetzt aber wenig begeistert von dieser Idee, wenn er sagt: „Wenn ich rechts aushelfen muss, ist es halt so.“

Wenigstens diese Gewissheit hat Boateng: Als linker Verteidiger muss er nicht einspringen – genauso wenig wie Lahm. „Das schließe ich aus“, sagte Löw am Sonntag zu diesem Thema. Während Löw dies sagte, bahnte sich Erik Durm gerade den Weg durch die Journalisten. Er konnte Löw deshalb nicht zuhören. Stattdessen musste er über sich reden, über Real Madrid, über die Nationalmannschaft. „Das war Gänsehaut“, sagte Durm. Sie wird in Brasilien anhalten. Kommentar Seite 2

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