WM Nach Vorfreude Fan-Frust - Korso in Belgrad

Berlin/Belgrad. Die hupenden Autokolonnen setzten sich diesmal nicht wie sonst in Berlin auf dem Kurfürstendamm, sondern in Belgrad in Bewegung. Unmittelbar nach der kalten WM-Dusche für Deutschlands Elf durch das 0:1 gegen Serbien im winterlichen Südafrika füllten sich die Straßen Belgrads.
18.06.2010, 18:32
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Berlin/Belgrad. Die hupenden Autokolonnen setzten sich diesmal nicht wie sonst in Berlin auf dem Kurfürstendamm, sondern in Belgrad in Bewegung. Unmittelbar nach der kalten WM-Dusche für Deutschlands Elf durch das 0:1 gegen Serbien im winterlichen Südafrika füllten sich die Straßen Belgrads.

Und hunderte serbische Fans waren es auch, die in Stuttgart spontan mit ein paar Dutzend Autos einen Korso bildeten und ihre Freude im Chor aus den Fenstern schrien: «Lukas Podolski, Lukas Podolski», zum Dank für den verschossenen Elfmeter. In Berlin auf dem Ku'damm, der nach dem Sieg über Australien wegen Überfüllung noch gesperrt werden musste, kreuzte kein deutsches Feierauto auf. «Alles ziemlich normal, es gab etwas Rangeleien, aber nichts Schlimmes, ein paar frohe Serben haben sich auch bald wieder zerstreut», sagte ein Polizeisprecher in Berlin.

Es war wirklich nicht der Tag der deutschen Fans. Auf schiere Vorfreude folgte blankes Entsetzen am Ende eines Jammertals der Emotionen. Ob am Kaffeeautomaten, in Raucherzimmern oder in Kantinen - Hunderttausende Arbeitnehmer hatten eine Fußball-Pause eingelegt und kehrten danach ernüchtert an die Werkbank und den PC zurück. Über die Fanmeilen, bisher Hort der Heiterkeit, legte sich der Mehltau der Verlierer. Statt Tröten Trauer, statt Lächeln hängende Mundwinkel. Auch in Fußball- und Feier-Hochburgen wie Köln, Düsseldorf und Dortmund hieß es: Erst Party wie beim Karneval, dann Trauer wie am Aschermittwoch.

Nur langsam füllten sich am frühen Nachmittag die Straßen wieder, in Bussen und Bahnen wurden die Plätze wieder besetzt. In Büros, Behörden und Fabriken: Die Wirtschaftsnation erwachte langsam wieder fast schweigend aus dem organisierten Stillstand. Auch in anderen Städten kein Hupkonzert, kaum einer traute sich. Immerhin blieb es ruhig, und der Ärger suchte sich keine falsche Bahn. Auch in Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt, wo es zum WM-Auftakt noch Ausschreitungen gegeben hatte, hatte die Polizei keine Extra-Arbeit.

Auf der Berliner Fanmeile vor der Olympiastadion hatten sich mehr als 40 000 Menschen Mut gemacht. «Alles ist Schwarz-Rot-Gold», berichtete eine Sprecherin der einzigen offiziellen FIFA-Fanmeile in Deutschland zunächst euphorisch. Doch die Stimmung schlug auf der Siegerstraße schnell um. Beim Gegentor, beim Elfmeter-Fehlschuss - eine Nation stöhnte im Massen-Chor. Und nach der bitteren Enttäuschung war auch niemand so recht nach weiterer WM-Stimmung zumute. Schnell leerten sich überall im Land während des zweiten Tagesspiels Slowenien - USA die Fanfeste.

Auch in Hamburg durchlebten knapp 60 000 Anhänger ein Wechselbad der Gefühle. Entsetzen, Pfiffe und Buh-Rufe, als Miroslav Klose die gelb-rote Karte sah, erschrockene Stille und nach unten sinkende Deutschland-Fahnen nach dem Führungstreffer der Serben. Kurz vor der Pause dann hatten die Anhänger den Torschrei schon auf den Lippen, doch Sami Khedira traf nur die Latte. Viele Arbeitgeber hatten Großbildleinwände aufgestellt, zum Beispiel beim Versicherungskonzern HDI Gerling in Köln, bei der Gothaer, beim Motorenhersteller Deutz. Adidas als Sponsor von zwölf WM-Teams legte Wert darauf, dass die Mitarbeiter zusehen, wie ihre Produkte in Südafrika benutzt werden und stellte Herzogenaurach gleich zwei Großbildleinwände für betriebliches Public Viewing auf.

Im «Ländle» Baden-Württemberg gab es Fußball-Pause beim «Schaffe- Schaffe». Unternehmen stellten Bildschirme und Leinwände auf. Bei Bosch, Roche oder EnBW wurden Großbildleinwände aufgestellt. Beim Daimler gab es zwar keine Liveübertragung, im Intranet konnten die Mitarbeiter aber den Spielstand im Live-Ticker verfolgen und an einem Tippspiel teilnehmen.

Nicht nur der Spielverlauf sondern auch das teils kühle und trübe Wetter dämpften in Bayern von Anfang an die WM-Stimmung. Nur wenige Tausend Fußball-Fans kamen zum Public Viewing im Olympiastadion - wo eigentlich 35 000 Platz gehabt hätten. Viele hüllten sich gegen den kühlen Wind in Deutschlandfahnen und versuchten, sich mit Fan- Gesängen warm zu halten. Im Gegensatz zu Berlin, wo sonniges Weltmeister-Wetter herrschte, waren es in München nur etwa 15 Grad. Plätze blieben leer, die Fans blieben lieber vor dem heimischen Fernseher im Warmen und Trockenen.

Auf der Ferieninsel Mallorca stürmten tausende Touristen die großen Partytempel. An der Playa de Palma nutzten viele das schöne Wetter, um im warmen Mittelmeer zu baden und anschließend das Fußballspiel zu sehen. Die Riesendisco «Mega-Park» ließ nach eigenen Angaben Ex-Topmodel-Kandidatin und Doku-Soap-Darstellerin Gina-Lisa Lohfink (23) einfliegen, um die Stimmung für mehr als 7000 Besucher anzuheizen. Auch beim «Bierkönig» in der Schinkenstraße ging es wieder hoch her. Nach dem sportlichen Dämpfer dachten alle wieder schnell an Urlaub und füllten die Strände. Es blieb auch hier ruhig, Lärm machten nur die Müllmänner, die mit ihren Fahrzeugen die vielen Flaschen, Papier und Becher beseitigten. (dpa)

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