Fußball-Europameisterschaft 2016 Nicht genug

Im zweiten EM-Vorrundenspiel kam die DFB-Elf nicht über ein Unentschieden hinaus. Bei dem 0:0 gegen Polen lieferte die deutsche Nationalmannschaft eine wenig überzeugende Leistung ab.
16.06.2016, 22:57
Lesedauer: 3 Min
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Nicht genug
Von Marc Hagedorn

Im zweiten EM-Vorrundenspiel kam die DFB-Elf nicht über ein Unentschieden hinaus. Bei dem 0:0 gegen Polen lieferte die deutsche Nationalmannschaft eine wenig überzeugende Leistung ab.

Auf der Tribüne im Stade de France saßen Marco Bode, Jens Todt, Stefan Kuntz, Stefan Reuter und Fredi Bobic. Sie alle eint, dass sie 1996 mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister geworden sind. Am Donnerstag weilten sie und weitere Teamkollegen von damals auf Einladung des DFB beim zweiten deutschen Gruppenspiel gegen Polen in Paris. Doch was sie von der aktuellen Nationalmannschaft, die gern wie ihre Vorgänger in diesem Sommer Europameister werden will, zu sehen bekamen, war eine zähe Angelegenheit.

Die deutsche Nationalmannschaft blieb zwar auch im zweiten Turnierspiel ohne Gegentor, aber da sie diesmal auch selbst keines schoss, endete das Duell mit Polen 0:0. Mit vier Punkten bleibt die deutsche Mannschaft Erster der Gruppe C, allerdings hat sie das Achtelfinale noch nicht mit letzter Sicherheit erreicht. Im letzten Gruppenspiel gegen Überraschungssieger Nordirland (2:0 gegen die Ukraine) ist von Platz eins bis drei noch alles möglich.

Bundestrainer Joachim Löw hatte in der Startelf nur eine Änderung gegenüber der Ukraine-Partie vorgenommen. Wie erwartet, stand Mats Hummels nach ausgestandener Wadenverletzung erstmals bei diesem Turnier auf dem Platz. Für ihn musste Shkodran Mustafi, gegen die Ukraine noch Hummels-Vertreter und Torschütze, auf die Bank.

Es war eine der großen Fragen, die nach dem 2:0-Erfolg gegen die Ukraine offen geblieben war: Wie stabil steht die deutsche Nationalmannschaft defensiv? Die Polen, nach allgemeiner Einschätzung der stärkste Vorrundengegner und in den vergangenen zwei Jahren nur zweimal in Länderspielen besiegt, kamen da gerade recht. Zwar musste Manuel Neuer, anders als noch im Auftaktspiel, in der ersten Hälfte kein einziges Mal ernsthaft eingreifen, aber dass die deutsche Defensive deshalb reibungslos funktionierte, ließ sich trotzdem nicht behaupten.

Hummels etwa war seine mehr als dreiwöchige Spielpause in vielen Szenen anzumerken. Einmal ließ er sich von Robert Lewandowski den Ball in der eigenen Hälfte abluchsen (15.), dann konnte er Lewandowski nur per Foul stoppen (19.), und Sekunden später unterlief ihm ein Fehlpass in der eigenen Hälfte. Erst in der 52. Minute hatte Hummels seinen Aha-Moment, als er einen gefährlichen Konterversuch durch Milik klasse stoppte.

Es dauerte nicht lange, da war gut zu erkennen, was die Polen im Schilde führten. Wenn sie den Ball erobert hatten, schalteten sie blitzschnell in den Kontermodus um. Lewandowski und sein Sturmpartner Arkadiusz Milik waren sehr beweglich, wichen viel auf die Außen aus, bevorzugt auf die rechte deutsche Abwehrseite, die sie in der Besetzung Benedikt Höwedes/Thomas Müller offenbar als Schwachpunkt ausgemacht hatten. Sowohl Sami Khedira als auch Jérôme Boateng holten sich eine Gelbe Karte nach Fouls an dem quirligen Milik ab.

Die deutschen Offensivaktionen wiederum waren äußerst linkslastig. Jonas Hector, der immer wieder als Flankengeber gesucht wurde, machte seinen Defensivjob diesmal besser. Das Problem im deutschen Offensivspiel war, dass im letzten Drittel des Spielfeldes viel zu wenig gelang. Die Polen, die deutlich mehr Zweikämpfe als die Deutschen gewannen, hielten Mario Götze, Müller, Julian Draxler und Mesut Özil geschickt von ihrem Tor fern. Müller, der zwar schon zehn WM-Tore, aber noch kein einziges EM-Tor in seiner DFB-Karriere erzielt hat, hatte mehrere unglückliche Situationen. Özil konnte sich viel zu selten durchsetzen.

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Gefährlich wurde die DFB-Elf, wenn Toni Kroos und Khedira sich ganz vorne einschalteten. Nach Müllers stärkster Aktion, einer Balleroberung gegen Lukasz Piszczek, rutschte Kroos in die Hereingabe, aber der Ball ging knapp am Tor vorbei (16.). Hector (6.) und Khedira (42.) versuchten es ohne Erfolg aus der Distanz. Ein Götze-Kopfball nach Draxler-Flanke hatte den Anfang gemacht (4.). Das war’s aber auch schon in der ersten Halbzeit.

Dafür wurde es nach der Pause munterer. Aber nicht so, wie Löw sich das gedacht hatte. Denn die erste Chance hatten die Polen – und was für eine. Boateng, der ansonsten einen deutlich besseren Eindruck als Nebenmann Hummels machte, hatte eine Hereingabe von Kamil Grosicki verpasst, aber der überraschte Milik vergab freistehend per Kopf. Milik ließ auch die zweite Top-Chance ungenutzt, als er – erneut nach Grosicki-Hereingabe – über den Ball trat (69.). Der Mann für die größten Rettungsaktionen bleibt im deutschen Team aber Boateng. In der 59. Minute hatte Lewandowski eigentlich schon freie Bahn, ehe sich ihm Boateng in den Weg warf.

Für die deutschen Offensivaktionen galt das, was schon in der ersten Halbzeit Fakt war: Wenn etwas passierte, dann war Kroos beteiligt. Sein schönes Zuspiel brachte Götze aber nicht an Polens Ersatztorwart Lukasz Fabianski vorbei (47.). Dann verzog Kroos selbst aus der Distanz (65.), ehe Özil den polnischen Schlussmann zu einer Glanzparade zwang (70.), sodass sich dieses 0:0 wie ein Dämpfer anfühlt.

Was die Europameister von 1996 ausgezeichnet hat, war ihre Mentalität. Sie ließ sich nicht von Verletzungen stoppen. Sie brachte knappe Spiele zwar nicht immer brillant, aber dafür nervenstark ins Ziel. Daran kann die aktuelle Mannschaft noch arbeiten.

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