Deutschland - Türkei 3:0 Özil hält dem Druck stand

Berlin. Trotz vieler Pfiffe gegen ihn hat Mesut Özil im EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und der Türkei dem Druck standgehalten und sich gegen die Elf vom Bosporus sogar in die Torschützenliste eingetragen. Vor der Partie gegen Kasachstan ist Özil allerdings angeschlagen.
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Özil hält dem Druck stand
Von Olaf Dorow

Berlin. Wahrscheinlich hatte José Mourinho doch recht. Der Trainer von Real Madrid sprach im Sommer davon, dass Mesut Özil ein Schnäppchen gewesen sei. Was bei einem Betrag von 15 Millionen Euro nicht sofort einleuchtend erscheint, selbst dann nicht, wenn die 15 Millionen von der Öffentlichkeit zu niedrig angesetzt wurden, und Real Madrid in Wahrheit 16, 17 oder gar 18 Millionen an Werder Bremen zahlte.

Vor diesem Berliner Freitagabend, an dem Deutschland die Türkei mit 3:0 besiegte, wusste man natürlich jede Menge über Özil. Man wusste, dass er ein feiner Fußballer ist, einer der feinsten gar, den der Weltfußball kennt. Man bewunderte seine Leichtigkeit und Kunstfertigkeit am Ball - und wunderte sich auch, warum jemandem, der derart geschickt und kreativ spielt, vor den Mikros außer ein paar hölzernen Phrasen kaum etwas einfallen mag.

Löw sprach von einem "Auswärtsspiel"

Dass die WM sein internationaler Durchbruch war, das war ebenfalls bekannt. Aber war vor diesem Freitag in Berlin jedem klar, wie gefestigt dieser schüchterne junge Mann auf dem Platz inzwischen ist? Mesut Özil ist ein Wohlfühlfußballer. Das Spiel gegen die Türken war alles Mögliche, es war sein besonderes Spiel gegen seine Türken. Millionen Menschen, vor allem am Bosporus, gilt er als Türke, auch wenn er in Gelsenkirchen geboren wurde. Das Spiel war aber kein Wohlfühlspiel für Mesut Özil. "Auswärtsspiel", nannte es Bundestrainer Joachim Löw mit Blick auf die türkische Übermacht im Publikum.

Das Publikum pfiff wie verrückt, man wollte ihm damit noch einmal um die Ohren hauen, dass er sich für die deutsche und gegen die türkische Nationalmannschaft entschieden hatte. Es hätte wohl nicht viele verwundert, wenn es anders gekommen wäre, als es dann kam. Özil wurde durch die Pfiffe nicht zunehmend eingeschüchtert. Er wurde im Gegenteil stärker, je länger das Spiel lief. Nach seinem Tor zum 2:0 fand niemand mehr die Kraft zum Pfeifen. Özil hatte in seinem Spiel in vielerlei Hinsicht gesiegt. Das wiegt wohl mehr als der Bluterguss am linken Knöchel, den er davontrug. Heute und morgen kann er deswegen nicht trainieren.

Es ist erst knapp anderthalb Jahre her, als ein Spiel für ihn eine ähnliche Brisanz mit sich brachte wie am Freitag: Ende Mai 2009, Werders UEFA-Cup-Finale gegen Donezk in Istanbul. Damals war es noch nicht all zu lange her, dass er der Türkei einen Korb gegeben hatte. Man pfiff kräftig in Istanbul. Er versagte. Werder verlor.

"Für ihn war es nicht leicht"

Zwischen Istanbul 2009 und Berlin 2010 liegen Welten. Özil ist immer noch nicht unangreifbar gegen eine gesunde Zweikampfhärte. Seine Leistungen schwanken auch im Real-Trikot noch ganz schön. Trotzdem wirkt er gefestigter. Reifer. Das Spiel in Berlin taugte als Beweis für diesen Eindruck. Und auch als Beleg für Mourinhos' Schnäppchen-These. 18 Millionen sind nicht zu viel für so einen, womöglich viel zu wenig. "Für ihn war es nicht leicht", sagte Torwart Manuel Neuer, "aber man hat gesehen, dass er dem Druck standhalten und die Pässe super verteilen kann." Kurz vor seinem Treffer hatte Özil für Lukas Podolski aufgelegt. Das hätte ein Tor sein müssen, und es wäre dann zum Großteil sein Verdienst gewesen.

Özil hat natürlich auch Glück. In dem Maße, wie er sich profiliert, wird auch die deutsche Nationalmannschaft zu einer Wohlfühlzone für ihn. Diese Mannschaft funktioniert und harmoniert. Sie gewinnt, weil sie besser ist, besser spielt. Schöner spielt, schneller spielt, überlegter spielt als der Gegner. Diese Mannschaft kann es verkraften, dass Schweinsteiger nicht am Regiepult steht und Podolski am Tor vorbeisemmelt. Sie zwingt dem Gegner trotzdem ihr Spiel auf. Für Löw war die besondere Anspannung, unter der Özil am Freitag gestanden haben muss, gar nicht da. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass er mehr angespannt war als sonst", sagte Löw.

"Ich habe das ausgeblendet"

Özil selbst sollte auch etwas sagen, er sollte sogar vom Podium der Pressekonferenz hinab zur Weltpresse sprechen. Aber dazu kam es nicht mehr. Sein Bluterguss erforderte umgehend medizinische Versorgung, hieß es. Gestern interviewte ihn der DFB selbst und stellte der Weltpresse Özils Sicht auf das besondere Spiel, in dem er besonders auffiel, zur Verfügung. "Ich habe das ausgeblendet und mich nur auf mein Spiel konzentriert", sagt er dort, und das war echt ein Satz, den sich kein Trainer und kein Integrationspolitiker schöner wünschen könnte.

Es kam aber noch schöner. Mit seinem Treffer hatte Özil ja a) das Spiel entschieden und b) Millionen Türken wehgetan. Seinen Freunden, wie er selbst oft genug betont. Gegner Halil Altintop sagte, dass er sich für Özil freue, aber "heute hätte er nicht treffen müssen". Torwart Neuer sagte: "Die Türken haben gesehen, dass sie so einen gut gebrauchen könnten." Özil hätte wegen der Pfiffe durchaus Grund zur Schadenfreude gehabt in jener 78. Minute, als er traf, oder wenigstens Grund zur Genugtuung. Laut DFB-Interview entschied er sich spontan dafür, nicht zu jubeln. "Aus Respekt vor der Heimat meiner Vorfahren", sagte er. Was für ein Statement. Wenn er so weitermacht, wird er demnächst selbst vor den Mikros noch herausstechen.

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