Fußball Pilotprojekt: Konfliktmanager gegen Gewalt

Hannover. Wenn die Krawallmacher «Rot» sehen, wissen sie, dass die Polizei ganz in der Nähe ist. Die sogenannten Konfliktmanager in Zivilkleidung und mit einer roten Weste sind speziell geschulte Beamte.
15.03.2010, 13:30
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Hannover. Wenn die Krawallmacher «Rot» sehen, wissen sie, dass die Polizei ganz in der Nähe ist. Die sogenannten Konfliktmanager in Zivilkleidung und mit einer roten Weste sind speziell geschulte Beamte.

«Ich werde sogar schon von den Ultras persönlich begrüßt. Und wenn rund 1000 Leute hinter mir herwackeln und singen: 'Wir wollen die rote Weste sehen', dann ist das ein tolles Gefühl», meint Detlev Kofbringer, der erste Konfliktmanager in Hannover. Der 51-Jährige brachte durch seine Arbeit in der Aufklärungseinheit der szenekundigen Beamten viel Hintergrundwissen mit.

Wie bei den Ausschreitungen in Berlin zu sehen war, ist die blinde Zerstörungswut von Anhängern und Ultra- Gruppen, die sich gegen die Polizei verbünden, allgegenwärtig. Oft lautet die Antwort auf Gewalt meistens noch mehr Polizeipräsenz. Hundertschaften, die bereits an Bahnhöfen die Gäste-Fans «empfangen», ihre Bewegungsfreiheit extrem einengen und dabei kaum mit den Fans kommunizieren. Viele Anhänger fühlen sich martialisch behandelt und provoziert - das führt zu verhärteten Fronten. Ob das die richtige Lösung ist, bezweifelt die Polizei in Hannover seit geraumer Zeit. Sie geht einen anderen Weg und setzt auf die Konfliktmanager. Initiator des Pilotprojekts mit der Polizei ist Fan-Forscher Professor Gunter A. Pilz.

Konfliktmanager wurden erstmals bei der WM 2006 in Deutschland eingesetzt. Die speziell geschulten Beamten waren bislang nur von Castor-Transporten bekannt. «Von der WM bekamen wir ein sehr positives Feedback», sagte Pilz von der Universität in Hannover, der sich daraufhin für Konfliktmanager einsetzte. In der Saison 2008/09 wurde das Modell erstmals bei Heimspielen in Hannover erprobt. Seit vergangenem Herbst gibt es sechs solche Manager. Das Pilotprojekt wird neben Pilz auch von der Sportwissenschaftlerin Franciska Wölki- Schumacher begleitet, die das «Kommunikationsmodell» mit Fan-Aussagen evaluiert.

Kommunizieren, um Eskalation zu verhindern, ist das Ziel des Projektes. Die Polizisten erhalten in der Spezialausbildung Einblicke in die Fankultur und Hintergrundwissen über die Ultras. Sie lernen die Sprache der Fans kennen. «Wichtig sind vor allem flexible Konfliktmanager, weil es immer Wandlungen in der Fan-Szene gibt», sagt Wölki-Schumacher. In regelmäßigen Abständen finden Workshops statt, bei denen sie sich freiwillig weiterbilden: Rollenspiele, Rhetorik und Vorträge von Pilz stehen im Mittelpunkt der Ausbildung.

Doch der Job ist nicht einfach. «In der Masse aufgeputschte Ultras anzusprechen ist schwierig. Erst, wenn es sich verläuft, kann ich mit ihnen reden», erklärt Kofbinger. «Viele Situationen entscheide ich aus dem Bauch heraus und mit viel Fingerspitzengefühl», sagt der Polizeibeamte, der sich mittlerweile im 33. Dienstjahr befindet. Besonders beeindruckt waren er und sein Team, als allein 4000 Hertha- Fans ohne Zwischenfälle friedlich hinter ihm her ins Stadion liefen.

Doch die eigentliche Arbeit beginnt anderthalb Wochen vor einem Heimspiel. Mit den Gäste-Fans sprechen sie darüber, was erlaubt und verboten ist, wie die Polizei vorgeht. Am Spieltag selbst arbeiten Bundespolizei, szenekundige Beamte und Konfliktmanager eng zusammen. Um den Erfolg der Konfliktmanager zu bewerten, führt Wölki- Schumacher nach jedem Spiel eine Umfrage durch. «Im Feedback loben die Gäste die Organisation und bedanken sich dafür.» Die gesamte Auswertung des Pilotprojektes wird nach der Saison im Sommer 2010 fertiggestellt. Für die Polizei steht aber schon jetzt fest: das Projekt wird weitergeführt. (dpa)

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