Portugals Superstar Ronaldo nervt - na und?

Bremen. Christiano Ronaldo spaltet mit seinem extravaganten Verhalten die Fußball-Welt. Andreas Lesch vergleicht ihn mit einem Kindergartenkind, während Olaf Dorow all denen die Ronaldo verteufeln schlicht Neid unterstellt.
15.06.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von ANDREAS LESCH und OLAF DOROW

Bremen. Christiano Ronaldo spaltet mit seinem extravaganten Verhalten die Fußball-Welt. Andreas Lesch vergleicht ihn mit einem Kindergartenkind, während Olaf Dorow all denen die Ronaldo verteufeln schlicht Neid unterstellt.

Andreas Lesch: Er Nervt!

Jeder kennt das Bild aus dem Champions-League Finale, dass zeigt wie Christiano Ronaldo seinen Treffer mit blankem Oberkörper bejubelt. Dieses 4:1 war nicht nur ein stinknormaler verwandelter Elfmeter, nein: Es war auch ein absolut unwichtiges Tor, es fiel in der letzten Minute der Verlängerung, gegen einen ermatteten, längst geschlagenen Gegner, den Stadtrivalen Atlético Madrid. Wer das bedenkt, der kann sich fragen: Was macht Ronaldo da? Buhlt er um einen Werbevertrag für Kraftfutter oder Bodylotion? Oder will er den paar Menschen auf der Welt, die ihn obenrum noch nicht kannten, beweisen, welch maskulines, gebräuntes, perfekt durchgestyltes Muskelpaket er ist?

Vermutlich ist die Wahrheit banaler. Vermutlich beweist das Bild nur, wie zwanghaft Ronaldo im Mittelpunkt stehen will. Seine Jubelpose ist ein einziger Schrei: ICH! ICH! ICH! Er hat um sein eines nebensächliches Tor mehr Gewese gemacht als seine Kollegen um ihre drei viel wichtigeren Tore zusammen. Ronaldo scheint vergessen zu haben, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Er ist ein Ego-Shooter. Selbst nach diesem Finale, in dem er sportlich eine Nebenrolle gespielt hat, drängt er sich durch seine halb nackte Hampelei in den Vordergrund. Offenbar kann er es nicht ertragen, dass andere mal mehr Held sind als er. Offenbar macht erst sein eigener Treffer den Triumph seines Teams für ihn feiernswert und gut.

Wenn Ronaldo drei Jahre jung wäre und sich in seiner Kindergartengruppe so benähme wie heute auf dem Feld, dann würden die Erzieher wohl bald ein ernstes Gespräch mit den Eltern suchen und mit ihnen die Verhaltensauffälligkeiten des kleinen Cristiano diskutieren. Er ist aber nicht drei Jahre, sondern 29 Jahre alt, er ist für Hunderttausende kleine Fußballer auf der Welt ein Idol. Aber will man, dass die eigenen Kinder einem Ich-Menschen nacheifern, gegen dessen Eitelkeit kein Pfau der Welt bestehen kann? Nö, das will man nicht.

Ronaldos Getue erscheint noch seltsamer, wenn man sich daran erinnert, was er in seinem Leben schon erreicht hat. Er hat Karriere gemacht, er ist berühmt, er hat Geld, er hat viele schöne Frauen geküsst. Und niemand würde ernsthaft bezweifeln, dass er ein begnadeter Sportler ist, sensationell torgefährlich und schnell. Doch all das scheint ihm nicht zu genügen. Er giert nach immer noch mehr Anerkennung, wie die kleine Raupe Nimmersatt. Das ist es, was sein Verhalten so furchtbar anstrengend macht – übrigens nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen. Ein wirklich Großer seines Sports wird Ronaldo nie. Dazu ist er nicht gelassen, nicht souverän, nicht zurückgenommen genug. Dazu fehlt ihm die Gabe, auch mal gönnen zu können.

Er gefällt sich sehr gern

In seinen immergleichen Posen auf dem Platz wirkt Ronaldo merkwürdig künstlich, fast wie eine Playstation-Figur. Es nervt nicht nur, dass er posiert. Sondern es nervt noch mehr, dass er posiert, weil er weiß, dass er damit polarisiert. Er gefällt sich in der Rolle des Helden und des Anti-Helden, er gefällt sich überhaupt sehr gern. Er behauptet, wer ihn kritisiere, der sei nur neidisch. Aber das ist natürlich Quatsch. In Wahrheit wünscht er sich den Neid nur, weil er dann ja erst recht wieder in seinem so heiß geliebten Mittelpunkt steht.

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Herrje, wahrscheinlich muss man Ronaldo am Ende bedauern, ihn, den Mann, der alles hat und doch nie zufrieden sein kann. Noch besser wäre es wohl, ihn kalt lächelnd zu ignorieren. Aber das funktioniert leider nicht. Dazu ist die Rolle, die er im Weltfußball spielt, zu dominant.

Olaf Dorow: Na und?

Was haben die Leute bloß? Warum verachten so viele Ronaldo? Bringen ihren Kindern bei, „bäh“ zu sagen, wenn Ronaldo im Fernsehen erscheint? Es ist ganz einfach. Die Leute sind neidisch. Also, die Frauen sind es vielleicht nicht, geht ja irgendwie schlecht, das müsste hier mal jemand anderes ergründen. Außerdem ist der Weltstar aus Madeira schon so oft als Frauenschwarm beschrieben worden, da wird dann schon was dran sein.

Aber die Männer, die gleich Pickel kriegen wollen, wenn sie nur an diesen Schönling denken, die sind ganz bestimmt neidisch. Die Männer waren doch Jungs, die meisten bleiben es ein Leben lang, und kleine Jungs wie große Jungs wollen nun mal eine hübsche Freundin haben, schnelle Autos fahren, viel Geld verdienen und besser kicken können als die anderen Jungs. Ronaldo müsste ihr Vorbild sein, nicht ihr Feindbild. Seine Lebensgefährtin heißt Irina Shayk, sie sieht wirklich sehr okay aus, und außer mit dem russischen Model soll Ronaldo auch mit anderen recht okay aussehenden Frauen schon mal die Briefmarkensammlung durchgegangen sein. Wie viele Männer werden das wohl so abstoßend finden, dass sie Ronaldo dafür verachten müssten?

Seine Wagenflotte wird das durchschnittliche Männerherz auch nicht eben verengen. Laut diverser Presseberichte gehören ein 700-PS-Lamborghini, zwei Bentleys, vier Audis, ein Aston Martin, zwei Mercedes-Schlitten, ein Porsche sowie ein Maserati zu seinem Fuhrpark. Der Mann ist erst 29, da hat es noch nicht jeder so weit gebracht, dass er morgens den Porsche weglässt, weil er lieber mit dem Lamborghini losbrettert. Ist das Grund zur Häme?

In finanzieller Hinsicht sieht es so aus, dass Ronaldo, wie eifrige Rechercheure herausgefunden haben, 47,72 Euro verdient. In der Minute. In jeder Minute. Also auch beim Essen, Schlafen oder Lamborghini-Fahren. Wirtschaftlich scheint der Mann auf gesunden Füßen zu stehen, keine Schwiegermutter müsste sich da irgendwelche Sorgen machen.

Er sieht nicht prollig aus

Also, wo ist das Problem? Hat jemand ein Problem damit, dass seine Augenbrauen so fein gezupft und seine Arme tattoofrei sind? Sieht er nicht prollig genug aus? Ist er unbeliebt, weil man ihm keine Kneipenschlägerei zutraut und ihn sogar als Saufpartner verschmähen würde? Was ist so schlimm daran, wenn er mal ein bisschen weinerlich daherkommt nach einem Foul oder einem nur gefühlten Foul? Einer wie er, der so schnell flitzen kann mit und ohne Ball, dem der Ball so gehorcht, wie er es will, der wird nun mal oft gefoult. Da würden andere doch noch viel mehr Theater machen, all diese fußballerischen Kleindarsteller, die für ihre äußerst biedere Fußballkunst ebenfalls so entlohnt werden, dass es locker zum Lamborghini reichen würde.

Und wenn Cristiano Ronaldo zum Freistoß ansetzt, dann ist es doch wohl nicht zu viel verlangt, nicht gleich angeekelt loszuhetzen gegen den Superschützen. Denn dass er einer der Superschützen dieses Planeten ist, das wird wohl keiner leugnen. Der Schuss und die Schusstechnik sollten immer noch höher im Kurs stehen als der Anlauf zum Schuss. Ronaldo schreitet halt rückwärts wie ein General und steht dann halt breitbeinig da wie John Wayne. Na und? Das soll dann wieder zu viel Macho sein. Ansonsten ist er ja zu weibisch. Gottchen, manchen kann man es wohl nie recht machen. Nur zur Erinnerung: Dieser Stürmer hat in 50 Champions-League-Spielen 51 Tore geschossen. Er hat die Champions League gewonnen, zweimal. Er beschleunigt fast so schnell wie sein Lamborghini, mit Ball. Er ist Weltfußballer.

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