Von di Santo über Dutt zum FC Bayern

Sechs Thesen zur Bundesliga-Saison

Endlich geht sie los, die Fußball-Bundesliga. Wir haben uns zu sechs Thesen hinreißen lassen: Vom Hawk-Eye über Robin Dutt und Trainerstühlen bis zu Torschützenkönig Franco di Santo.
14.08.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Jörg Niemeyer
Sechs Thesen zur Bundesliga-Saison

Das Hawk Eye mag Probleme lösen - den Fußball wird es aber nicht von andauernden Diskussionen befreien.

dpa

Endlich geht sie los, die Fußball-Bundesliga. Wer Meister wird, wissen wir ja schon: der FC Bayern. Wirklich? Wir wagen die Behauptung, dass es die Münchener nicht schaffen. Warum, erklären wir in unserer etwas anderen Saisonvorschau. Und auch, warum Hertha BSC und Hannover 96 ihre Trainer entlassen und der VfB Stuttgart in den internationalen Wettbewerb einzieht. Und dass zwei Akteure mit Bremen-Bezug ganz groß herauskommen werden. Sechs Thesen zur Saison 2015/16.

1) Es wird weiter gestritten werden

Beim Eröffnungsspiel an diesem Freitag zwischen FC Bayern München und dem Hamburger SV (20.30 Uhr/ARD) werden genau 14 Kameras mehr als üblich in der Arena aufgebaut sein – sieben in jedem Tor. Fest installiert von der britischen Firma Hawk-Eye, die übersetzt Falkenauge heißt. Das bedeutet, dass ab sofort in der Bundesliga elektronisch überwacht wird, ob der Ball die Linie überschritten hat oder nicht. Tor oder Nicht-Tor: Darüber soll es keinen Streit mehr geben. Wir behaupten: Den wird es doch geben. Denn nach Hawk-Eye-Entscheidungen wird mindestens ein Treffer gegeben, bei dem der Schütze im Abseits gestanden hat. Jörg Niemeyer

2) Julian Brandt wird der neue Star

Jubeln wie ein ganz Großer kann er schon - bald wird Julian Brandt auch sportlich einer sein.

Jubeln wie ein ganz Großer kann er schon - bald wird Julian Brandt auch sportlich einer sein.

Foto: dpa

Die Saison 2014/15 war die von Kevin De Bruyne. Dass der Belgier und frisch gekrönte Fußballer des Jahres der Beste unter den Besten war, werden nur wenige bestreiten. Der Ex-Bremer sorgte mit seinen Leistungen dafür, dass der VfL Wolfsburg Vizemeister wurde und den DFB-Pokal gewann. Die neue Saison sucht nun einen neuen Star. Und der wird Julian Brandt heißen. Dass der in Bremen geborene Leverkusener zu den größten deutschen Talenten zählt, ist längst kein Geheimnis mehr. 2013 und 2014 wurde er vom DFB als Bester seines Jahrgangs ausgezeichnet.

Für Werder hat der 19-Jährige nie gespielt. Angesichts der zu erwartenden Entwicklung wird er das auch nie mehr tun. Schon in der Vorsaison ließ der Offensivspieler mit seinen Taten aufhorchen. Technisch stark, schnell, spielintelligent – Brandt kann schon jetzt sehr viel. Sein endgültiger Durchbruch in die Spitzenklasse des Weltfußballs ist nur eine Frage der Zeit. Daniel Stöckel

3) Der FC Bayern wird nicht Meister

Noch darf sich Pep Guardiola an die Schale klammern. Aber es ist mal wieder Zeit für einen anderen Meister.

Noch darf sich Pep Guardiola an die Schale klammern. Aber es ist mal wieder Zeit für einen anderen Meister.

Foto: dpa

Lucien Favre hat neulich einen Satz gesagt, der vielen Fans gefallen haben dürfte. Der Gladbacher Coach sagte, es sei mal Zeit für einen anderen Deutschen Meister. Einen anderen als den FC Bayern. Das wäre mal was. Einen so absurden Fall hat es seit drei Jahren nicht mehr gegeben. Er gilt mittlerweile als so undenkbar, dass Wettanbieter schon Vizemeister-Wetten ohne den FC Bayern anbieten. Weil die Meisterfrage ja angeblich eh geklärt ist.

Ist sie nicht. Es müsste gar nicht so viel passieren, damit die Münchner Meister-Monotonie mal unterbrochen wird. Die Bayern müssten bloß ein wenig mithelfen. Sie müssten sich in der neuen Saison einfach so sehr selbst auf den Geist gehen, dass sie aus dem Titel-Tritt gerieten. Die Chancen darauf stehen gar nicht schlecht.

Da wäre zum Beispiel der auslaufende Vertrag von Trainer Pep Guardiola. Bleibt er oder bleibt er nicht? Diese Frage birgt so viel Stör-Potenzial, dass der kahle Katalane zuletzt schon ganz genervt von sich selbst wirkte. Bald werden auch die Spieler genervt sein. Und zwar so schlimm, dass sie es versäumen, bis zur Winterpause den traditionell großen Vorsprung auf die Verfolger herauszuspielen. Im Frühling merken sie dann, dass ihnen die Champions-League doch wichtiger ist als die vierte Meisterschaft in Folge. Also schludern sie in der Liga, so wie sie es zuletzt immer machten; vergessen aber dabei, dass sie die Meisterschaft dieses Mal noch gar nicht sicher haben.

Und dann holt sich tatsächlich jemand anderes die Schale. Aber wer? Der VfL Wolfsburg? Oder gar der FC Schalke? Gut, das wäre vielleicht eine Spur zu abgedreht. Aber die Schalker sollen sich ja einen guten Stürmer aus Bremen geangelt haben... Timo Sczuplinski

4) Di Santo holt die Torjäger-Kanone

Ein Torjäger will nach oben: In Schalke wird Franco di Santo noch häufiger treffen.

Ein Torjäger will nach oben: In Schalke wird Franco di Santo noch häufiger treffen.

Foto: dpa

Im ersten Bundesligajahr vier, dann 13, in dieser Saison 31 Treffer: Franco Di Santo – Ex-Werderaner, Ex-Publikumsliebling, Ex-Fahnenflüchtiger – erhält am letzten Spieltag im Mai 2016 die Torjägerkanone der Fußball-Bundesliga überreicht. Schalkes Trainer André Breitenreiter ist stolz auf den Argentinier, der in einer Saison exakt so viele Tore geschossen hat wie Breitenreiters Ex-Paderborner im Spieljahr 2014/15 in der ganzen Saison. Die Knappen verpassen trotzdem die Europa-League-Qualifikation knapp – weil außer Di Santo kaum ein anderer Schalker trifft.

Duplizität der Ereignisse: Auch in der zweiten Liga wird ein ehemaliger Werderaner Torschützenkönig. Nils Petersen bekommt nach 42 (!) Toren für den SC Freiburg prompt ein Angebot vom FC Bayern – und wird vier Wochen später von den Münchnern umgehend an Werder Bremen ausgeliehen. Thorsten Waterkamp

5) Das Trainer-Leben wird sicherer

Der Trainerstuhle wird sicherer. Ob das aber auch für Herthas Pal Dardai gilt, ist eher fraglich.

Der Trainerstuhle wird sicherer. Ob das aber auch für Herthas Pal Dardai gilt, ist eher fraglich.

Foto: dpa

Der Trainerstuhl ist in den meisten Fällen gar kein Trainerstuhl. Sondern eine Trainerbank. Aber Stuhl passt einfach besser als Bild. An einem Stuhlbein kann man sägen, ein Stuhl kann wackeln, ein Stuhl kann heiß sein, und eine mit etwas Technik aufgerüstete Variante könnte man Schleudersitz nennen.

Was an den Trainerstühlen in der Fußball-Bundesliga auffällt, ist, dass sie sich von Standort zu Standort in ihrer Qualität unterscheiden. In Bremen etwa stehen sehr robuste Modelle, hier können Trainer – wenn sie nicht gerade Aad de Mos oder Robin Dutt heißen – bis zu 14 Jahre lang auf einem Exemplar sitzen. In Hamburg haben sie dagegen große Probleme mit der Standhaftigkeit ihrer Stühle. Die wackeln meist von Anfang an, irgendwer, so hat man den Eindruck, sägt immer, und am Ende kippt das Ding um. Man würde es Bruno Labbadia ja wünschen, aber glaubt wirklich jemand ernsthaft daran, dass Labbadia im Mai 2016 noch Trainer des HSV ist?

Trotz der chronischen Hamburger Stuhlprobleme (darf man das so schreiben?) wird der Job der Bundesliga-Trainer künftig ein kleines bisschen sicherer werden. Wer feuert denn in der Regel seinen Trainer? Mannschaften im Abstiegskampf, Klubs auf Abstiegsplätzen.

Jetzt spielen seit ein paar Jahren immer wieder Teams in der Liga mit, die trotz Abstiegsplatz an ihren Trainern festhalten. Braunschweig, Paderborn, jetzt Ingolstadt und Darmstadt. Da für diese Vereine alles andere als der Abstieg eine Sensation wäre, lohnt es sich erst gar nicht, den Trainer zu wechseln. Also bleiben sie. Auch in Köln und Mönchengadbach haben sie sich das (Trainer-)Stühlerücken abgewöhnt. Es kostet am Ende doch nur Geld und garantiert eben doch keine Verbesserung. In Stuttgart, Frankfurt und auf Schalke werden sie das in dieser Saison merken. Zorniger hat in Stuttgart einen Plan, Breitenreiter auf Schalke einen Bonus und Veh in Frankfurt die Liebe aller Eintracht-Fans.

Deshalb wird es neben der obligatorischen Entlassung/Beurlaubung/Trennung in beiderseitigem Einvernehmen (bitte wählen Sie selbst aus) nur zwei weitere Umbesetzungen geben: in Hannover und Berlin. Wegen Erfolglosigkeit. Weil der Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht. Um einen neuen Impuls zu setzen (bitte wählen Sie selbst aus). Marc Hagedorn

6) Dutts VfB wird das Überraschungsteam

Kann Robin Dutt bald wieder mehr lachen? Die Chancen darauf stehen gut.

Kann Robin Dutt bald wieder mehr lachen? Die Chancen darauf stehen gut.

Foto: imago

Robin Dutt hat kein gutes Jahr hinter sich. Erst die Entlassung als Trainer von Werder Bremen, dann die Zeit voller Zittern, Rückschläge und Abstiegsangst als Sportdirektor beim VfB Stuttgart. Regelmäßig schaute der 45-Jährige sparsam drein. Das wird sich ändern. Denn sein VfB hat das Zeug zur Überraschungsmannschaft.

Okay, sicher wird Stuttgart nicht gleich um den Titel mitspielen, auch die Champions League wäre eine zu steile These. Aber Europa League, warum nicht? Der Kader der Schwaben ist gut genug. Und dazu kommt ein ganz besonderes Momentum.

2011 wäre Borussia Mönchengladbach fast abgestiegen. An den letzten Spieltagen kletterte das Team vom letzten Platz noch ans rettende Ufer. Zwei Jahre später dann 1899 Hoffenheim: Erst in der Relegation bekam das Team gegen den 1. FC Kaiserslautern noch die Kurve.

Was beide Teams vereint: Sie kämpften oder wurschtelten sich nicht glücklich unten raus, sondern spielten auf einmal beeindruckenden Offensivfußball. Und da kommt der VfB Stuttgart wieder ins Spiel. Er zählte in der Schlussphase der vergangenen Saison zu den spielstärksten Teams in der Bundesliga und gewann die wichtigen direkten Duelle im Abstiegskampf. Wo Gladbach und Hoffenheim nach ihren Katastrophen-Saisons stehen, ist bekannt. Ben Binkle

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