EM 2012 vor dem Anpfiff So will Löw den Titel gewinnen

Danzig . Immer schneller, offensiver, variabler: So lässt sich die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft in der Ära Joachim Löw beschreiben. Platz 2 sprang bei der EM 2008 heraus, jetzt soll der Titel her. Marc Hagedorn über Chancen und Potenz
08.06.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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So will Löw den Titel gewinnen
Von Marc Hagedorn

Danzig . Seit Joachim Löw 2006 Bundestrainer geworden ist, hat die deutsche Nationalmannschaft ihr Spiel von Turnier zu Turnier weiterentwickelt. Immer schneller, immer offensiver, immer variabler. Nach Platz zwei bei der EM 2008 und Platz drei bei der WM 2010 soll jetzt bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine der Titel her. So wünschen es sich die Fans und auch die Spieler und Trainer. Eine Einschätzung.

Der Weg in die Werkstatt für schönen Fußball führt durch idyllisches Gelände, vorbei an Wiesen in sattem Grün und Bäumen in voller Blüte. "Tal der Freude" heißt diese bei den Danzigern so beliebte Gegend im Bezirk Oliwa. Hier kommt im Moment aber nur hin, wer eine Erlaubnis dafür besitzt. Polizisten haben Straßensperren errichtet, Sicherheitsleute kontrollieren Zulassungen und patrouillieren entlang des frisch gepflasterten Fußweges, der direkt zum Trainingsgelände der deutschen Nationalmannschaft führt. Hier, auf einem eigens für den DFB neu angelegten Fußballplatz, bittet der Bundestrainer jeden Tag zur Übungseinheit.

Die Spieler radeln mit ihren Mountain-Bikes hierher, direkt aus dem Nobelhotel Dwor Oliwski, zu deutsch Olivenhof. Die Zeit reicht gerade, um aufzusteigen, ein paar Mal kräftig in die Pedale zu treten und wieder abzusteigen, keine drei Minuten später sind Mesut Özil, Per Mertesacker (vorschriftsmäßig mit Sturzhelm) und Lukas Podolski (ohne Helm) am Ziel. Der Rasenplatz ist mit einem Gitterzaun gesichert, Folie in der EM-Farbe Lila schützt Mannschaft und Trainer vor neugierigen Blicken von außen. Medienvertreter dürfen eine Viertelstunde lang beim Training zuschauen, dann müssen auch sie die Anlage verlassen. Allein die Giraffen im angrenzenden Gehege des Danziger Zoos könnten etwas erspähen, wenn sie ihre Hälse nur ein Stückchen höher reckten.

Das ist der Anspruch: schöner und erfolgreicher Fußball

Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, wenn Joachim Löw auf dem top gepflegten Rasen Pass- und Laufwege, Varianten zur Spieleröffnung und das Verschieben einstudieren lässt. Die Details bleiben im Verborgenen, aber das große Ziel ist ja bekannt: Schönen und erfolgreichen Fußball soll die deutsche Mannschaft in Polen und der Ukraine bieten. Und bei Löw heißt schön: schön schnell, schön direkt, schön nach vorne. "Das garantiert zwar keinen Erfolg", sagt Löw, "macht ihn aber wahrscheinlicher." Vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika hat das zu zwei Siegen gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) geführt, die ihren Platz in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs sicher haben, weil diese Spiele eine deutsche Mannschaft zeigten, die so anders war als alle vor ihr. Die aktuelle Auswahl soll diese Idee in Polen und der Ukraine zur Vollendung führen.

"Der Pulsschlag einer neuen Generation", heißt eine aufwendige Kampagne des DFB-Generalsponsors Mercedes-Benz pünktlich zur Europameisterschaft. Riesenposter zeigen Manuel Neuer, Mats Hummels, Mario Gomez, Mario Götze und Mesut Özil in heldenhafter Pose. Ihre Herzfrequenz müsste – in Anlehnung an die Werbebotschaft – rasend schnell sein. Löw fordert von seinen Stars ab sofort noch früheres Stören, noch schärferes Attackieren, noch mehr Vorwärtsverteidigung. Der Bundestrainer weiß: So einladend freie Räume, wie sie die Engländer und Argentinier 2010 gelassen haben, wird es diesmal nicht mehr geben. Eine clevere Kontertaktik allein wird 2012 nicht ausreichen, um womöglich tatsächlich den Titel zu gewinnen. Özil, Podolski und Co. müssen jetzt mehr tun, um im Spiel ihre Chancen zu bekommen. Das hat seit der Weltmeisterschaft in Südafrika gegen Brasilien (3:2) und Holland (3:0) überragend geklappt, in anderen Begegnungen allerdings überhaupt nicht; dummerweise ausgerechnet auch in den drei einzigen Länderspielen dieses Jahres nicht, als es Niederlagen gegen Frankreich und die Schweiz und zuletzt einen eher farblosen 2:0-Sieg über Israel gab.

Konkurrenz sieht Deutschland als Favorit

Die Konkurrenz in Europa hat Deutschland trotzdem weit oben auf dem Zettel. Iker Casillas, der großartige Torwart von Welt- und Europameister Spanien, glaubt sogar: "Das deutsche Team wird mit der Art und Weise, wie es Fußball spielt, das Bild bei dieser EM bestimmen." Sein Trainer, Vicente Del Bosque, sagte schon vor einem halben Jahr voraus: "Es wird jeden Tag schwieriger, gegen Deutschland zu gewinnen."

Unschlagbar sein, zumindest für ein Turnier lang, das ist Löws Masterplan, an dem er akribisch arbeiten lässt. So wenig wie möglich überlässt der Bundestrainer dem Zufall. 50 Studenten der Sporthochschule Köln haben im Vorfeld der EM die möglichen Gegner analysiert, Daten gesammelt, Videos studiert. Allein eine 16-köpfige Gruppe beschäftigt sich mit Portugal, dem deutschen Auftaktgegner morgen Abend. Trotzdem lässt sich Löw nicht verleiten, den Titel zu versprechen. Er weiß zu gut, wie abhängig der Erfolg von Kleinigkeiten ist. "Der Verteidiger grätscht daneben, trifft nicht den Ball, der Gegner macht ein Elfmetertor", hat er kürzlich gesagt. In solchen Momenten werden die schönsten Pläne zerstört.

Einige Fragezeichen bleiben

Miroslav Klose, seit über zehn Jahren Mitglied der Nationalmannschaft, sagt zwar, dass er noch nie mit so guten Fußballern zusammengespielt habe wie in den vergangenen zwei Jahren. Trotzdem gibt es Fragezeichen. Wie gut funktioniert die neue Taktik, dieses gesamtmannschaftliche Verteidigen, das tief in der Hälfte des Gegners beginnen soll? Wie sicher steht Jerome Boateng hinten rechts, wie stabil Per Mertesacker in der Mitte, wie Bastian Schweinsteiger davor?

Immerhin eine Diskussion ist Löw durch die mäßigen Testspielleistungen losgeworden. Die Forderung, dass gefälligst mehr Spieler vom Deutschen Meister Borussia Dortmund in der Nationalelf zu stehen haben, kommt inzwischen nur noch aus Dortmund. Beim 3:5 gegen die Schweiz überzeugte keiner der Doublegewinner in der Startaufstellung, nicht Mats Hummels, nicht Mario Götze, nicht Marcel Schmelzer. So wird es doch ein Block aus Bayern-Spielern richten müssen. Das kommt Löws System gelegen, das auf feiner Abstimmung fußt. Sechs Münchner werden morgen voraussichtlich in der deutschen Startelf stehen.

Fans mit großen Erwartungen

Die Erwartungshaltung der deutschen Fans ist immens. Je nach Umfrage gehen mal 40 Prozent, mal 60 Prozent davon aus, dass Deutschland Europameister wird. Löw selbst hat das Ziel Titelgewinn vor einiger Zeit offiziell ausgegeben, seinen Spielern aber jetzt, so kurz vor dem Eröffnungsspiel, empfohlen, nicht mehr so weit nach vorne zu blicken. "Wer zwei oder drei Schritte vorausdenkt, der stolpert", sagte Löw gestern. Beispiele dafür gibt es reichlich, gerade aus deutscher Sicht. Im vergangenen Sommer, als die Frauenfußball-WM in Deutschland stattfand, erwarteten Millionen Fernsehzuschauer nicht weniger als eine Neuauflage des Sommermärchens von 2006. Und erst vor wenigen Wochen rüstete sich eine ganze Stadt, nämlich München, zur großen Champions-League-Sause – wie die Sache ausging, ist bekannt. Das soll Joachim Löw nicht passieren.

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