DFB-Teamarzt Tim Meyer erklärt Warum es sinnvoll ist, sich minutenlang in die Eistonne zu hocken

Im Interview erklärt Tim Meyer, Teamarzt des DFB, wieso Eistonnen helfen und warum er Low-Carb-Diäten im Spitzensport für problematisch hält.
09.06.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jan Christian Müller

Im Interview erklärt Tim Meyer, Teamarzt des DFB, wieso Eistonnen helfen und warum er Low-Carb-Diäten im Spitzensport für problematisch hält.

Sie sind schon 2002 mit der deutschen Mannschaft beim sehr anstrengenden WM-Turnier in Japan und Südkorea dabei gewesen. Sind die Spieler schon damals von Ihnen in die Eistonne gezwungen worden?

Tim Meyer: Nein, die gab es seinerzeit noch nicht.

Warum nicht?

Die Wissenschaft war noch kaum daran interessiert. Die Forschung ist erst danach verstärkt worden und erst in den vergangenen Jahren geradezu explodiert.

Was haben Sie seinerzeit gemacht? Die Spiele fanden ja teilweise in großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit statt.

Wir haben schon damals sehr auf die Ernährung und die Flüssigkeitszufuhr geachtet. Das ist regenerativ noch immer wichtiger als alles andere. Auch wichtiger als die Eistonne.

Es gibt mittlerweile Sportlerdiäten ohne Zucker, ohne Weißmehl und ohne Getreide, manche verzichten auf Kuhmilch und viele tierische Produkte. Etliche Experten sehen das kritisch. Wie sehen Sie es?

Die Kardinalfrage lautet: Was verbraucht ein Spieler während des Spiels? Genau damit sollte dieser Spieler möglichst gut aufgeladen in ein Spiel hineingehen, und genau das sollte dann unmittelbar nach dem Spiel ersetzt werden.

Also Kohlenhydrate?

Ganz genau, ein Spieler verbrennt während eines Spiels ganz vorwiegend Kohlenhydrate, gut und gern 200 Gramm. Und er benötigt Flüssigkeit. Also kümmern wir uns nach dem Training und nach dem Spiel vor allem um Zufuhr von Kohlehydrate, Flüssigkeit und Kochsalz, damit die Flüssigkeit im Körper bleibt.

Was gibt es bei der Nationalmannschaft dann zu essen?

Wir versuchen natürlich, auch den individuellen Wünschen der Spieler gerecht zu werden. Es kann in der Kabine zum Beispiel nach dem Duschen eine Portion Vollkornnudeln mit Gemüse geben. Low-Carb-Diäten im Hochleistungssport halte ich für problematisch – auf jeden Fall in einer Wettkampfphase und in Sportarten mit hohem Energieumsatz.

Und was genau bewirkt eigentlich die Eistonne?

Man kann damit gute Ergebnisse in der Regeneration erreichen. Wasser überträgt Kälte viel besser auf den Körper als Luft. Das sehen Sie ja schon daran, dass man die Luft auf unter minus 100° C kühlen muss, während man gut mit 12° C kaltem Wasser arbeiten kann. Wasser sorgt gleichzeitig noch für eine leichte Kompression, also einen Druck auf das eingetauchte Gewebe.

Wie lange soll ein Nationalspieler am besten in der Tonne hocken?

Wenn Sie die wissenschaftliche Literatur berücksichtigen: zehn bis zwölf Minuten.

Wie bitte? Das hält doch kein Mensch aus!

Das ist sicher nicht immer zu gewährleisten, und das persönliche Wohlbefinden muss auch eine Rolle spielen. Aber es gibt einzelne Sportler, die auch zwölf Minuten schaffen. Bei uns steht niemand daneben und misst die Zeit. Es ist ja nicht so, dass kürzere Verweilzeiten im Eiswasser zwangsläufig ohne Effekt sind.

Ist die Eistonne vorgeschrieben vom strengen Doktor Meyer oder handelt es sich dabei nur um eine Kann-Bestimmung?

Es ist eine Kann-Bestimmung. Denn das sollte man ehrlicherweise zugeben: Der Effekt ist zwar da, aber er ist im Durchschnitt klein. Beim einen wirkt es besser, beim anderen weniger, bei manchen gar nicht. Insoweit zwingen wir auch niemanden dazu, sondern bieten es nur an.

Das klingt sehr einfühlsam.

Wir sprechen hier über erwachsene Leute. Bei uns steht keiner mit dem Knüppel da und gibt ultimative Anweisungen. Das ist ja auch eine Frage der Menschenführung. Joachim Löw legt viel Wert auf Überzeugungsarbeit. So machen wir das dann auch.

Wann wurde die Eistonne beim DFB eingeführt?

Das war 2006, Jürgen Klinsmann hat das Verfahren mitgebracht, weil es im amerikanischen Profisport damals schon verbreiteter war als in Deutschland. Meine Mitarbeiter Faude, Wegmann, Hecksteden und ich haben dann 2008-2009 für das Bundesinstitut für Sportwissenschaft eine umfangreiche Expertise dazu erstellt, die übrigens auch als Buch erschienen ist.

Herr Meyer, darf die Flüssigkeitsversorgung nach dem Spiel auch in einem oder mehreren Bierchen münden?

Das ist keine rein medizinische Entscheidung. Man sollt mit Augenmaß vorgehen. Natürlich ist Alkohol nicht förderlich für die Regeneration. Aber gruppendynamische Prozesse haben im Fußball natürlich auch eine Bedeutung. Deshalb würde ich persönlich nie sagen, dass ein Bier nach einem Sieg grundsätzlich verboten sein muss, aber größere Alkoholmengen sind natürlich mit einer schnellen Erholung nicht vereinbar.

Müssen Sie da Acht geben, sagen wir, nach einem 7:1 gegen Brasilien? Da bietet sich ein solcher gruppendynamischer Prozess ja geradezu an. Und eine wirklich schöne Bar gab es im Campo Bahia ja auch.

Nach meiner Wahrnehmung spielt der Alkohol für die Spieler keine so große Rolle – auch nicht nach dem 7:1. Feiern können sie auch unabhängig vom Alkohol. Und alle miteinander haben damals in Brasilien gemerkt: Wir können das diesmal gemeinsam packen. Ich glaube, das hatte eine unausgesprochene Wirkung.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.

Zur Person

Tim Meyer begleitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft seit 2001 als Teamarzt. Der Professor für Sport- und Präventivmedizin an der Universität Saarbrücken ist dabei der Experte für alle nicht-orthopädischen Probleme. Besonders gefordert ist der 48-Jährige in den Fragen der Regeneration und Ernährung.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+