Wynton Rufer über die U 20-WM

„Wir sind jetzt drei Wochen im Fußballparadies“

Wynton Rufer ist derzeit als Botschafter für U 20-Weltmeisterschaft unterwegs. Im Interview spricht der ehemalige Werder-Spieler unter anderem über das Turnier und den Verzicht von Davie Selke.
31.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste

Ein wenig muss sich Wynton Rufer momentan wie Franz Beckenbauer während der WM 2006 vorkommen. Als Botschafter der U 20-Weltmeisterschaft, die am Sonnabend in seiner Heimat Neuseeland begann und noch bis zum 20. Juni läuft, wird er in den kommenden drei Wochen reichlich Flugmeilen sammeln, um möglichst viele Spiele zu sehen. Worauf sich der frühere Werder-Stürmer besonders freut und warum es ihn wurmt, einen anderen ehemaligen Bremer nicht in Neuseeland begrüßen zu können, verrät er im Interview mit Kai Schwörer.

Herr Rufer, ist Neuseeland für die U 20-WM gerüstet?

Wynton Rufer:

Wir haben bei der Cricket-Weltmeisterschaft im Februar und März bewiesen, dass wir gute Events veranstalten können. Außerdem haben wir 1999 die U 17-WM veranstaltet, 2008 dann die U 17-WM für Mädels. Doch dieses Turnier hier, das ist ein Riesending für unser Land. Allerdings kriegt der überwiegende Teil meiner Landsleute gar nicht mit, was das für eine große Geschichte ist.

Wie meinen Sie das?

Die Neuseeländer sind sehr sportbegeistert, aber der Fußball muss sich immer noch hinter Rugby und Cricket anstellen. Daher haben die meisten hier nicht allzu viel Ahnung von Fußball. Dass ein Spieler wie Paul Pogba vor zwei Jahren bei der U 20-WM gespielt hat, Lionel Messi vor zehn Jahren – das wissen nur die wenigsten. Als Spieler musst du nach Europa gehen, um den großen Fußball zu erleben.

Was bedeutet es Ihnen, dass er der große Fußball nun zumindest kurzfristig in Ihre Heimat kommt?

Wir Fußballverrückten freuen uns unglaublich, die großen Nationen wie Deutschland, Portugal, Argentinien, Brasilien, Ghana und Nigeria begrüßen zu können. Wir sind jetzt drei Wochen im Fußballparadies. Das ist ein Traum, einfach sensationell.

Können Sie das Turnier voll auskosten?

Ja, absolut. Ich werde in allen sieben Austragungsorten Spiele anschauen. Am Ende habe ich bestimmt 20 von 52 Partien gesehen. Die Deutschen sehe ich übrigens am letzten Gruppenspieltag gegen Honduras.

Wie schätzen Sie den deutschen Auftaktgegner Fidschi ein?

Ich kenne sie gut, weil ich in der Qualifikation mit Papua-Neuguinea gegen sie gespielt habe. Und außerdem ist ein sehr guter Freund von mir ihr Trainer: Frank Farina, ein Australier, der früher in Brügge gespielt hat. Allerdings sieht es nicht gerade rosig für seine Mannschaft aus. Die Teams aus Ozeanien haben aus Geldmangel wenig Möglichkeiten. Neuseeland hat aus meiner Sicht schon eine schlechte Vorbereitung gespielt – aber Fidschi war noch viel schlimmer. Und jetzt müssen sie direkt gegen Deutschland ran. Ich denke, dass das DFB-Team locker 6:0, 7:0 gewinnen wird.

Wie bewerten Sie, dass ausgerechnet der bisherige Bremer Angreifer Davie Selke nicht für Deutschland zur Verfügung steht?

Wenn man den Spieler unter vier Augen fragen könnte, dann würde er garantiert sagen, dass er gerne mitgekommen wäre. Aber die Jungs sind einfach zu leicht beeinflussbar. Dass sein neuer Verein RB Leipzig auf den Millionenvertrag pocht und diesen Einfluss ausübt, ist eine Frechheit. Selke hat Deutschland im letzten Jahr zum EM-Titel bei der U 19 geschossen. Jetzt hätte er mit seinen Kumpels Weltmeister werden können. Das wäre ein tolles Erlebnis. Dass er darauf freiwillig verzichtet, kann mir niemand sagen – oder er ist bescheuert! In jedem Fall ist es schade, weil er ein toller Spieler ist. Da ist es mir doch viel lieber, wie Thomas Schaaf es gemacht hat.

Was hat er denn gemacht?

Als er noch Trainer in Frankfurt war, sagte er, dass es selbstverständlich ist, seinen Stammspieler Marc Stendera zur U20-WM gehen zu lassen. Das ist schließlich eine ganz wichtige Erfahrung, die ihm in seinem weiteren Leben helfen wird. So sollten es alle Trainer sehen.

Lesen Sie auch

Wer sind für Sie die Favoriten?

Die Großen: Argentinien, Brasilien, Deutschland, vielleicht auch Portugal und die Afrikaner, dazu Mexiko. Einer aus diesem Kreis wird es bestimmt.

Was trauen Sie der neuseeländischen U 20-Auswahl bei der WM zu?

Gleich sechs Spieler aus meiner Fußballschule stehen im Kader – auch mein Neffe Alex. Moses Dyer könnte sogar in zwei Jahren noch einmal spielen, weil er ein 97er-Jahrgang ist. Er hat vielleicht die Möglichkeit, bei Norwich City einen Profivertrag zu unterschreiben. Bei mir haben sich auch schon einige Scouts gemeldet, um sich über die Talente zu informieren, zum Beispiel Lutz Pfannenstiel von 1899 Hoffenheim. Aber ganz ehrlich: Die Vorbereitung ist ziemlich schlecht für Neuseeland gelaufen. Allerdings haben sie das Publikum hinter sich – und mit so vielen Menschen im Rücken kann man Berge versetzen.

Werden Sie am Rande des Turniers auch alte Bekannte treffen?

Sicherlich – aber vor allem mache ich neue Bekanntschaften. Beim Testspiel zwischen Neuseeland und Österreich habe ich den Österreicher Florian Grillitsch kennengelernt, der für Werder Bremen II spielt. Und am Flughafen habe ich zufällig die Argentinier getroffen: Giovanni Simeone, der Sohn von Diego Simeone, ist der einzige aus der Mannschaft, der Englisch spricht. Als ihm ein Offizieller erklärt hat, dass ich in der Saison 1993/94 Torschützenkönig der Champions League war, zeigte er mir seinen Arm. Darauf hat er sich das Logo der Champions League tätowiert und sagte mir: „Dort will ich eines Tages auch spielen.“ So eine Leidenschaft gibt es nur im Fußball.

Könnte er der Star des Turniers werden?

Er hat einen super Eindruck auf mich gemacht, ist ein ganz netter und kluger Junge. Vielleicht wird er es. Aber es gibt so viele interessante Spieler, zum Beispiel Uruguays Diego Poyet, der Sohn von Gustavo Poyet. Er hat schon für West Ham United in der Premier League gespielt. Oder der Österreicher Philipp Lienhart, der bei Real Madrid unter Vertrag steht. Es gibt viele hoffnungsvolle Talente – und wir werden sie alle sehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+