WM-Tagebuch vom 3. Juli 2014 Wir Torhüter

In seinem WM-Tagebuch berichtet WESER-KURIER-Sportchef Marc Hagedorn täglich von der Endrunde in Brasilien. Heute geht es um Torhüter.
03.07.2014, 16:09
Lesedauer: 2 Min
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Wir Torhüter
Von Marc Hagedorn

In seinem WM-Tagebuch berichtet WESER-KURIER-Sportchef Marc Hagedorn täglich von der Endrunde in Brasilien. Heute geht es um Torhüter.

Als Torwart hat man es in Brasilien nicht leicht. Früher wollten hier alle Kinder werden wie Pele und Didi, später wie Zico, Falcao, Romario und Ronaldo. Heute wimmelt es hier nur so von kleinen Neymars. Wer kennt schon Leao, Carlos oder Waldir Peres? (Tipp: Das sind nicht die brasilianischen Tick, Trick und Track. Das waren mal brasilianische WM-Torhüter).

Ich befürchte, es läuft überall auf der Welt ähnlich, sogar in der großen Torwartnation Deutschland. Auch bei uns findet ein natürlicher Ausleseprozess statt. Ich weiß, wovon ich spreche. Zu meiner Zeit wurden die Großen, Dicken und Langsamen ins Tor gestellt.

In Momenten der ungeschminkten Selbstreflexion muss ich mir eingestehen, dass meine 1,70 Meter Körpergröße und meine 100-m-Zeit von 15,9 Sekunden meinem damaligen D-Jugend-Trainer gute Argumente an die Hand gegeben haben, um aus dem elfjährigen offensiven Mittelfeldspieler Marc Hagedorn den Torwart Marc Hagedorn zu machen. Weil ich kontinuierlich weiter gewachsen bin, hatte ich die nächsten Jahre wenigstens immer einen Stammplatz sicher.

In Brasilien ist ein Stammplatz im Tor für manche nicht mal ein Trostpflaster. Moacyr Barbosa, dem armen Kerl, der 1950 das Pech hatte im Tor der Selecao zu stehen, als Uruguay in Maracana Weltmeister wurde, spielte die Öffentlichkeit ganz übel mit. Das Volk der Edeltechniker, Mittelfeldstrategen und Torjäger kannte nur einen Schuldigen: Senhor Barbosa, von dem folgender Satz überliefert ist: „Für jedes Verbrechen gibt es eine Gefängnisstrafe, die irgendwann abläuft. Meine Strafe ist lebenslänglich.“

Inzwischen wird es zwar etwas besser. Seinen Elfmeterhelden Julio Cesar hat das Land (für den Moment) ins Herz geschlossen. Auch Manuel Neuer findet man toll, den Mexikaner Ochoa phänomenal. Aber an der Basis dauert der Wandel länger. Hier ist es immer noch so, dass die Mannschaften bei Freizeitkicks am Strand oder im Park niemanden finden, der sich freiwillig in ein Fußballtor stellt.

Ein paar ganz pfiffige Typen haben daraus eine Geschäftsidee entwickelt: Sie bieten sich für ein entsprechendes Entgelt in den Straßen und Hinterhöfen als Miet-Torhüter an. Wenn man weiß, dass in den großen Städten mitunter 14, 15 Stunden lang nonstop gekickt wird, kann da schon ein erkleckliches Sümmchen zusammenkommen.

Also wenn ich mich entscheiden sollte, eines Tages mit meiner Familie nach Brasilien auszuwandern – einen Job hätte ich schon sicher.

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