Wolfsburgs Trainer Felix Magath im Interview "Zu Hause gehst du deinen eigenen Weg"

Wolfsburg. Wie Werder Bremen hat sich auch der VfL Wolfsburg im DFB-Pokal blamiert. Im Interview spricht Trainer Felix Magath über den Saisonstart, die Ziele der Mannschaft und den aussortierten Spielmacher Diego.
03.08.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste

Nach dem schnellen Wechsel von Schalke zurück zum VfL Wolfsburg war es Trainer Felix Magath gelungen, den Abstieg zu vermeiden. Die neue Saison hat mit dem Aus in der ersten Pokalrunde nicht gerade erfolgversprechend begonnen. Christian Otto sprach mit Felix Magath über seine Ziele und Vorstellungen für die neue Bundesligasaison.

Herr Magath. Bleibt es dabei: Sind Fitness und Disziplin für Sie die unabdingbare Grundlage für Erfolg im Profifußball?

Felix Magath:Das habe ich in meiner Trainer-Karriere von Anfang an gesagt. Und ich habe meine Meinung dazu nicht geändert. Ordnung, Disziplin und körperliche Fitness sind Grundvoraussetzungen, um im Mannschaftssport Erfolg zu haben. Davon bin ich fest überzeugt.

Hasan Salihamidzic, der in Wolfsburg wieder unter Ihnen trainiert, findet, dass Sie sich verändert haben. Dass Sie mehr mit den Spielern sprechen. Stimmt das?

Ich hoffe, dass ich mich immer weiterentwickle. Ich möchte nicht stehen bleiben. Veränderungen merkt man selbst nicht, das wird eher vom Umfeld festgestellt. Aber ich denke, dass ich mich auch jetzt noch verändere und weiterentwickle.

Zur Weiterentwicklung in der Fußball-Bundesliga gehören auch Trainingsmethoden. Ihr Kollege Mirko Slomka lässt seine Spieler bei Hannover 96 mit einem über Satelliten gesteuerten GPS-System kontrollieren. Ist das auch etwas für Sie?

Das muss jeder Trainer für sich beantworten. Ich habe vor Jahrzehnten schon gesagt: Fußball ist das schwierigste Spiel. Viel schwieriger als Schach. Weil es so komplex ist und weil es zu viele Faktoren gibt, die das Spiel beeinflussen, nicht nur physische. Die Trainer haben alle eine ähnliche Ausbildung. Trotzdem sieht jeder Trainer das Fußballspiel anders und gewichtet anders. Mit modernen Methoden habe ich mich schon vor zehn Jahren beschäftigt. Ich habe mir das Spiel auch von einer Firma aufnehmen lassen. Nach meinen Vorstellungen. Aber ich brauche keine Laufstrecken und Abmessungen. Ich lege halt auf andere Dinge wert.

Fühlen Sie sich ungerecht dargestellt? Medizinball, Treppe rauf, Treppe runter - darauf wird Ihre Trainingsarbeit in der Öffentlichkeit meistens reduziert.

Ungerecht, das Wort würde ich dafür nicht benutzen. Leider ist es in unserer Zeit so, dass die Dinge meist sehr oberflächlich betrachtet werden. Jeder meint, er kann über jedes Thema reden. Das ist ja nicht nur im Fußball so, das gilt für unsere ganze Gesellschaft. Insofern ist es schwierig geworden, weil mehr Stimmung gemacht wird, als dass Tatsachen erkannt werden. Ich wundere mich immer, wer alles meine Arbeit beurteilt. Es gibt Leute, die haben noch nicht mal ein Training von mir gesehen, aber können beurteilen, was ich mache. Ich war vor zwölf, 15 Jahren auch, um mich weiterzubilden, bei Alex Ferguson in Manchester, bei Gerard Houllier in Liverpool und in London bei Arsene Wenger und habe dann festgestellt: Das bringt mir alles gar nichts, wenn ich da zwei, drei Trainingseinheiten sehe. Ich kann das nicht beurteilen. Also habe ich meine Sachen gepackt und gesagt, fährst du wieder nach Hause. Denn zu Hause ist es auch ganz schön, und da gehst du deinen eigenen Weg. Und das ist, glaube ich, auch das Richtige.

Erfolg macht zufrieden. Stimmt das auch im Fall von Felix Magath?

Ich bin ein Freund des Satzes,Disziplin bringt Erfolg, Erfolg zerstört Disziplin'. Deshalb achte ich mit Argusaugen darauf, dass die Disziplin hoch bleibt.

Sind Sie nach Ihrer Zeit bei Schalke mit Wut nach Wolfsburg gewechselt?

Nein, nicht mit Wut. Meine Trainer-Karriere hat sich nach den Gesetzen des Fußball-Geschäftes entwickelt. Die sportlich Verantwortlichen sind in den letzten zehn Jahren immer schneller ausgetauscht worden. Nicht weil es die beste Lösung war, was natürlich dummes Zeug ist, sondern weil es die bequemste Lösung für die Vereine und deren Vertreter ist. Aber Vereine wie der SC Freiburg, Mainz 05 und Werder Bremen, die anders gehandelt und nicht bei jedem Problem einen neuen Trainer geholt haben, stehen am Ende eigentlich besser da. Drei Jahre am Stück als Trainer bei einem Verein, das ist heute doch schon viel. Ich habe es gelernt, mich nach einem Engagement, wenn es beendet ist, sofort wieder neu zu orientieren.

Ihre Entscheidung, den in Ungnade gefallenen Diego nicht mehr spielen zu lassen, ist konsequent. Aber haben Sie damit nicht Ihre eigene Personalpolitik blockiert?

Ich bin dem VfL Wolfsburg gegenüber verpflichtet, diesen Spieler zu trainieren. Durch seine ausgesprochen engagierte Teilnahme wird Diego nicht schlechter, sondern steigert eher seinen Wert. Das bin ich dem Verein schuldig.

Aber gibt es wirklich kein Zurück für Diego, obwohl Sie keinen anderen Spielmacher haben? Ihre Entscheidung kann man als konsequent oder auch als stur auslegen.

Das kann jeder auslegen, wie er will. Aber ich treffe meine Entscheidungen auf Grundlage der Mannschaft. Komischerweise wird mir immer wieder vorgeworfen, dass ich auf Distanz zu meinen Spielern gehe. Ich habe das immer so gemacht, damit ich möglichst objektiv entscheiden kann. Genau das verhilft mir jetzt zu meiner Sichtweise, dass ich einen solchen Spieler durchaus mit im Training dabei haben kann, ohne dass er bei den Spielen Berücksichtigung findet. Der Verein und ich sind uns einig, dass Diego nicht spielen muss und verkauft werden soll. Und in der Not können wir ihn auch behalten, ohne ihn spielen zu lassen.

Wolfsburg wäre in der vergangenen Saison um ein Haar abgestiegen. Wird die neue Saison ähnlich turbulent?

Ausreißer gibt es immer. Der VfL Wolfsburg hat auch mal überraschend die Meisterschaft gewonnen. Jetzt hatte Dortmund niemand auf dem Plan. Hannover und Mainz waren auch Überraschungsteams. Mit Schalke, Bremen, Stuttgart und Wolfsburg haben sich einige Klubs unten wiedergefunden, die nie daran geglaubt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jede Saison so geht. Aber es bestätigt meine These, dass die Bundesliga die interessanteste Liga der Welt ist und dass hier vieles möglich ist. Wir arbeiten in Deutschland auch wirtschaftlich besser als jede andere Liga. Die Stärken unseres Fußballs in Deutschland werden aber nicht genug gewürdigt. Damit meine ich nicht nur die Medien. Die im Fußball Tätigen sind auch selbst schuld daran. Das geht beim Verband los, und das geht bei den Trainern los. Wir Trainer machen uns doch gegenseitig schlecht, anstatt dass wir uns gegenseitig stützen und unterstützen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+