Bremen im WM-Fieber

Zwei Herzen in einer Brust

Bremen. Die Vorfreude auf Spiel Deutschland gegen Ghana steigt auch in Bremen. Doch Ester Maruschke, Inhaberin der Friseursalons "Afroblack-Beauty", stürzt die die Partie in einen kleinen Zwiespalt.
21.06.2014, 10:33
Lesedauer: 3 Min
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Zwei Herzen in einer Brust
Von Ralf Michel

Deutschland spielt gegen Ghana, und in einem Friseursalon in Walle ist das nicht zu übersehen. Große Flaggen – ghanaische und deutsche – schmücken den Eingang zum Geschäft. Drinnen herrscht Vorfreude auf das Spiel, fröhlich und lautstark. Nur Inhaberin Ester Maruschke hat ein Problem: Wem die Daumen drücken am Abend – ihrem Geburtsland oder ihrer neuen Heimat?

Klare Sache für Gifty Odonkor. Das Orakel hat gesprochen. Das Flaggenorakel. Mit breitem Grinsen zeigt die junge Frau auf die beiden Fahnen am Eingang des Friseursalons „Afroblack-Beauty“ in Walle. Die von Ghana sitzt akkurat an Ort und Stelle, doch bei der deutschen hat sich einer der Klebestreifen gelöst. Schlaff und kraftlos hängt sie herunter. Das muss ein Zeichen sein, ist die Afrikanerin überzeugt. Und schiebt ihren Tipp für das Fußball-WM-Spiel gleich hinterher: „Ghana gewinnt Drei zu Null!“

Die Vorfreude auf das Spiel steigt im Friseursalon von Ester Maruschke. Dass die Inhaberin des Geschäfts die ghanaische und die deutsche Flagge hisst, kommt nicht von ungefähr. Ghana ist ihre Heimat und wird es natürlich immer bleiben, sagt die 42-Jährige. Aber längst ist auch Deutschland ihre Heimat. Seit 24 Jahren lebt sie in Bremen.

Traum von Selbstständigkeit erfüllt

Anfang der 1990er-Jahre ist sie nach Bremen gekommen. Eigentlich nur zu Besuch, erzählt die Friseurin. Dann aber hat sie ihren Mann kennengelernt, einen Deutschen, und ist geblieben.

Ihr Handwerk habe sie aber schon in Ghana gelernt, betont Ester Maruschke. Doch in Deutschland als Friseurin zu arbeiten, noch dazu mit einem eigenen Laden, sei nicht so einfach gewesen. „Meine Ausbildung wurde hier erst nicht anerkannt.“

Es hat eine Weile gedauert, aber am Ende konnte sich die Mutter von vier Kindern den Traum von der Selbstständigkeit doch erfüllen. Den Weg frei dafür machte eine Prüfung vor der Handelskammer. „Die wollten wissen, ob ich meinen Beruf wirklich kann“, erklärt sie.

Die Antwort hierauf ist am Waller Ring 131 zu finden, und das schon seit acht Jahren. „Afroblack-Beauty“ habe viele afrikanische Kunden, aber genauso viele deutsche, freut sich Maruschke. „Die Leute kennen mich inzwischen gut.“

Ihre Spezialität seien Frisuren für Afrikanerinnen. Und zu ihren Kunden gehörten auch viele Kinder aus deutsch-ghanaischen Ehen. „Deren Haar ist anders als das europäische. Damit kann nicht jeder Friseur umgehen.“

Aber das ist der Beruf, im Moment steht in ihrem Betrieb etwas ganz anderes im Mittelpunkt – Ghana spielt gegen Deutschland, und das sorgt durchaus für Diskussionen. Die Mehrheit hält es mit Gifty Odonkor. Ghana gewinnt! Und wenn dem nicht so sein sollte – an mangelnder Lautstärke der Fangesänge in dem Friseursalon kann es nicht gelegen haben.

Aber es gibt auch andere Tipps. „Deutschland Vier, Ghana Null – wir holen den Cup nach Hause“, sagt Odi („einfach nur Odi. Odi aus Tenever“). Auch er lebt schon länger in Bremen, und wen er meint, wenn er von „wir“ spricht, ist auch an seiner Kopfbedeckung abzulesen, die deutlich aus den rot-gelb-grünen Nationalfarben Ghanas heraussticht, die den Salon dominieren – Odi trägt einen Schlapphut in schwarz-rot-gold.

Schwere Entscheidung

Ester Maruschke dagegen trägt rot-gelb-grün. Keinen Hut, sondern eine Perücke, schließlich ist die Frau Friseurin. So viel Berufsethos muss sein. Obwohl sie eigentlich gar kein so großer Fußballfan ist, wie sie verrät. „Aber wenn Ghana oder Deutschland bei der Weltmeisterschaft spielen, bin ich natürlich dabei.“

Wem sie am Abend die Daumen drücken wird, wenn sie, ein paar Hundert Meter weiter im Ghana-Verein, alle gemeinsam das Spiel schauen? Schwer zu entscheiden. „Ghana ist mein Geburtsland, aber ich bin gerne in Deutschland. Das ist meine zweite Heimat.“ Sie versucht es diplomatisch: „Wer besser spielt, soll gewinnen.“ Und wagt dann doch einen Tipp. Nicht national geprägt, sondern vom fußballerischen Sachverstand her abgeleitet. „Ich glaube, Deutschland gewinnt. Die waren so stark gegen Portugal. Ghana gegen USA war dagegen, ehrlich gesagt, nicht so doll.“

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