Kommentar zur Fußball-WM

Zwischen Langeweile und neuen Erkenntnissen

Gerade sind die WM-Achtelfinals vorbei. Zeit, für ein erstes Zwischenfazit - denn so kann es nicht weitergehen, sogar England kann jetzt Elfmeterschießen gewinnen. Ein Kommentar zum Turnier in Russland.
02.07.2018, 15:38
Lesedauer: 2 Min
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Zwischen Langeweile und neuen Erkenntnissen
Von Jan-Felix Jasch

Die Achtelfinals bei der Fußball-WM in Russland sind rum, durchpusten nach Tagen des Feierns, der Ekstase und des grandiosen Fußballs - auch von der deutschen Mannschaft. Das ist Wunschdenken, denn die bisherigen Spiele der WM waren kein Grund zum Feiern; grandioser Fußball wurde nur sporadisch gespielt und die deutsche Mannschaft enttäuschte kolossal. Also eine WM der Enttäuschungen. Wie erwartet. Und trotzdem fesselt sie - manchmal. Denn es gibt Lichtblicke.

Zum Ersten: Die Kleinen gibt es nicht mehr. Eine Floskel, die nicht neu ist. Trotzdem bewahrheitet sie sich - mal wieder. Vermeintlich große Nationen wie Deutschland, Spanien und Argentinien blamieren sich auch gegen kleinere Gegner, weil diese mit Herz spielen und herausragend verteidigen können, sowie einen klaren taktischen Plan verfolgen. Island begeisterte gegen Argentinien, Japan stand kurz vor einem Sieg gegen Belgien. Das sind Gründe, warum die WM toll ist.

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Zum Zweiten: Ballbesitz bringt nichts. Das haben die angesprochenen Nationen Deutschland und Spanien bewiesen. Die Iberer spielten im verlorenen WM-Achtelfinale gegen Russland 1114 Pässe. Nie gelangen einem Team mehr bei einer WM - Torgefahr kam dabei trotzdem wenig heraus. Auch Deutschland hatte viel Ballbesitz, wurde aber ein ums andere Mal grandios ausgekontert - von Gegnern, die fußballerisch vermeintlich schlechter sein mögen. Sie haben bewiesen, dass sie es nicht sind. Egal, wie ein Sieg zustande kommt. Wer gewinnt, hat sich das erarbeitet und verdient.

Zum Dritten: Der Videobeweis macht keine Querelen bei der WM. In den meisten Fällen wird er sinnvoll, transparent und zügig eingesetzt. So werden Spiele tatsächlich fairer. Das ist angesichts der Dilettanz, mit der der sogenannte VAR in der Bundesliga eingesetzt wird, überraschend. Nervig ist allerdings, dass Spieler den Einsatz immer wieder fordern. Apropos nervig: Schwalben, Theatralik und Zeitspiel waren noch nie cool. Das zeigt auch diese WM. Virtuose Einzelkönner wie Neymar sollten sich auf das Wesentliche beschränken, sonst müssen Schiedsrichter sie bestrafen. Drastischer als bisher.

Zum Vierten - und das schließt an die genannte Verrohung der Sitten an: Fair Play ist wenig. Morddrohungen gegen den Schweden Jimmy Durmaz wegen seines Fouls vor dem deutschen Siegtreffer, die Hasskommentare gegen Mesut Özil in sozialen Medien oder der Ex-Werderaner und serbische Trainer Mladen Kristajic, der den deutschen Schiedsrichter Felix Brych wegen eines nicht gegebenen Elfmeters vor das UN-Kriegsverbrechertribunal schicken wollte, belegen das eindrucksvoll. Solche Dimensionen haben im Fußball - und überhaupt nirgendwo - etwas verloren. Niemand darf vergessen, dass es sich bei Fußballern, Schiedsrichtern und Trainern um Menschen handelt, die auch immer wieder Fehler machen. Ihnen gebührt Unterstützung - so wie es das schwedische Team im Fall von Jimmy Durmaz vorgemacht hat. Es stellte sich in einem Video geschlossen hinter den türkischstämmigen Mittelfeldspieler und skandierte "Fuck Racism". Eine Aktion übrigens von der sich der DFB im Umgang der Erdogan-Affäre um Özil und Ilkay Gündogan inspirieren lassen sollte.

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