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Ein halbes Jahr mit Imke Wübbenhorst
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Sie nannten sie Coach

Nico Schnurr und Marc Hagedorn 30.06.2019 0 Kommentare

„Meine einzige Chance ist die Mannschaft. Dass die Jungs deutlich machen: Die hat was drauf.“ Heute sagt Imke Wübbenhorst: Hat doch funktioniert. Trotz des Abstiegs.
„Meine einzige Chance ist die Mannschaft. Dass die Jungs deutlich machen: Die hat was drauf.“ Heute sagt Imke Wübbenhorst: Hat doch funktioniert. Trotz des Abstiegs. (Anne Werner)

Die Beine zittern. Die Trainerin rudert mit den Armen. Imke Wübbenhorst wackelt über den Parkettboden ihrer Wohnung. Sie müht sich, das Gleichgewicht zu halten, wippt von einem Bein aufs andere, aber sicher steht sie nicht auf dem elektronischen Rollbrett. Wübbenhorst testet, ob das Gerät, ein Weihnachtsgeschenk, das sie nie benutzt hat, tatsächlich funktioniert. Sie will es verkaufen. Das merkwürdige Brett soll weg, überhaupt muss alles raus aus der Erdgeschosswohnung. Das Bett bekommt ein Spieler, die Eltern nehmen den Fernseher. Auf einem Zettel hat sie notiert, was schon verkauft ist. Wübbenhorst sortiert aus, sie will weiter.

Dieser Tag, einer der ersten, der sich wie Sommer anfühlt, wird einer ihrer letzten in Cloppenburg sein. In der niedersächsischen Kleinstadt geht eine Zeit zu Ende, von der in einer fortschrittlichen Fußballwelt niemand Notiz genommen hätte. Doch der deutsche Fußball ist nun mal ist, wie er ist. Rückständig, manche sagen: die letzte Männerdomäne. Darum galt das, was im vergangenen Dezember in Cloppenburg begonnen hat, als mittelgroße Sensation. Wübbenhorst ist zu einer Pionierin geworden, die sie nie sein wollte. Als erste Frau hat sie ein deutsches Männerteam aus den obersten fünf Ligen trainiert. Nun verlässt Wübbenhorst den BV Cloppenburg. Der WESER-KURIER hat sie begleitet. Ein halbes Jahr, das aufhört, wie es angefangen hat: mit Chaos.

Sie hat noch kein Spiel ihrer neuen Mannschaft geleitet, da liegen die Nerven schon blank. Mitte Januar, ein erster Anruf bei der, über die gerade alle reden. Imke Wübbenhorst klingt aufgekratzt, die Stimme ist heiser. Man hört einer Hadernden zu. In den Sätzen, die sie im Stakkato aneinanderreiht, steckt Frust. Irgendwann sagt sie: „Scheiße, ich will als Trainerin wahrgenommen werden. Aber es ist unmöglich. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es so schwer wird.“

Der Co-Trainer hat gekündigt. Er werde keiner Frau die Hütchen hinterhertragen. Im Klub tuschelt man, der neue Vereinschef wolle sie schon wieder loswerden. Eine Frau, die den Männern sagt, wo es lang geht? Funktioniert nicht, ein Fehler des alten Vorstands. Später will der neue Chef alles anders gemeint haben, ein Missverständnis. Und dann sind da noch die Reporter. Alle wollen mit ihr über „dieses Mann-Frau-Ding“ reden. Der „Welt am Sonntag“ hat Wübbenhorst erzählt, dass sie jemand aus dem Umfeld des Klubs gefragt habe, ob sie künftig eine Sirene auf dem Kopf tragen werde. Damit sich ihre Spieler schnell noch eine Hose anziehen können, bevor sie in die Kabine kommt. Ihre Antwort: „Natürlich nicht. Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf.“ Der letzte Satz geht um die Welt. Journalisten aus Brasilien rufen an, BBC und CNN wollen mit ihr sprechen. Wübbenhorst muss einen Mediensturm moderieren. Dabei will sie eigentlich nur einen Fußball-Fünftligisten vor dem Abstieg retten. Als wäre das allein nicht schon schwer genug.

An einem Februarabend geht es über leere Kleinstadtstraßen. Vorbei am Cloppenburger Stadion, noch einen halben Kilometer weiter, durch einen Kreisverkehr, links in eine Seitenstraße, dann steht man vor einem modernen Mehrfamilienhaus. Wübbenhorst, blonde Haare, breites Begrüßungsgrinsen, öffnet die Tür in Jogginghose. Drinnen fällt gedimmtes Wohnzimmerlicht auf eine Taktiktafel, über die Wübbenhorst nun Magneten schiebt. Es ist 22.30 Uhr, vorher findet sie gerade keine Zeit für Gespräche. Vormittags unterrichtet die Lehrerin Biologie und Sport am Gymnasium. Abends wird trainiert. Es sind noch fünf Tage bis zu ihrem ersten Ligaspiel, als der Trainerin bewusst wird, wie aussichtslos ihre Mission eigentlich ist.

Der Verein steckt in finanzieller Not. Im Januar haben die Spieler keine Gehälter bekommen. Noch ist unklar, ob der Klub die Kosten für die Rückrunde decken kann, in der Wübbenhorst mit dem Tabellenletzten mindestens sechs Punkte in zwölf Spielen aufholen muss. Oder es zumindest versuchen soll. Mit einem Kader, der viel zu klein ist, extrem jung und unerfahren. Einer Mannschaft, von der ihr Kapitän, ein 35-Jähriger, der mal kurz in der ersten niederländischen Liga gespielt hat, gerne sagt: „Auch Pep Guardiola hätte mit uns keine Chance.“

Sie schlafe schlecht, sagt Wübbenhorst. Morgens wache sie oft vor fünf Uhr auf und frage sich: Wie lässt du spielen? „Das kenne ich gar nicht von mir, aber jetzt schauen halt alle auf mich.“ Wübbenhorst fährt sich durch die Haare. Zieht wieder Magneten über die Tafel. Stürzt ein Glas Wasser hinunter. Dann malt sie sich aus, wie ihr erstes Spiel laufen könnte. „Es wird ein richtiges Debakel. Ich stehe da alleine am Spielfeldrand, Tausend Leute gucken zu.“

Immer noch auch Fußballerin: Imke Wübbenhorst trägt während der Spiele Stollenschuhe.
Immer noch auch Fußballerin: Imke Wübbenhorst trägt während der Spiele Stollenschuhe. (Anne Werner)

Die sollen sie in ihrer Funktion sehen, nicht als Frau. Aber jetzt, wo alle auf sie schauen, nach ihrem Spruch, weil sie die Erste ist, da will sie nicht als Beispiel für die taugen, die meinen, eine Frau könnte keine Männer trainieren. Wübbenhorst will keine Pionierin sein, aber die Umstände haben sie zu einer gemacht. „Ich möchte eigentlich einfach nur eine Trainerin sein, keine neue Alice Schwarzer. Aber ich will, dass in die Köpfe kommt, dass Fußballkompetenz keine Frage des Geschlechts ist.“

Nur was, wenn gleich das erste Spiel deutlich verloren geht? „Man möchte ernst genommen werden. Aber wie soll das gehen, wenn wir gleich sieben Dinger bekommen?“ Sie glaubt, dass dann keinen mehr kümmert, wie schwach der Kader ist. Dass es mit dieser Mannschaft kaum möglich ist, die Klasse zu halten. Egal ob nun eine Frau oder ein Mann an der Seite steht. „Das hier eine Chance zu nennen, das wäre nicht fair“, sagt Wübbenhorst, „das ist eine Nicht-Chance.“ Aber wen interessiert das schon? Sie ist die Trainerin, ganz einfach. Warum ausgerechnet in Cloppenburg, das wird niemand fragen. „Ich habe Angst, dass mir nach dem ersten Spiel keiner mehr zuhört.“

Als sie 16 Jahre alt ist, wechselt Wübbenhorst zu einer Frauenmannschaft. Bald spielt sie in der Bundesliga, HSV, Cloppenburg. Dann Spanien, Huelva, ein Erstligist aus Andalusien. Zurück in Cloppenburg verletzt sie sich, macht den zweithöchsten Trainerschein, wird Cheftrainerin bei den Frauen. Die Trainersache soll mehr werden als ein schlecht bezahlter Nebenjob. Wübbenhorst will mit den Besten arbeiten, unter den besten Bedingungen. Sie glaubt: Das geht nur bei den Männern. „Frauen kämpfen im Fußball nicht um Gleichberechtigung“, sagt sie. „Es geht noch immer um eine Daseinsberechtigung.“

Unterordnen? Nicht so ihr Ding

Wübbenhorst stellt sich bei Männerteams vor. Sie erzählt von taktischen Visionen. Doch die Vereine fragen sich: Wie verkraften es die Spieler, wenn eine Frau sie auf die Bank setzt. Immer wieder hört sie: Tut uns leid, eine Cheftrainerin, das würde für Unruhe sorgen, aber der Posten als Co-Trainerin ist noch frei. Wübbenhorst lehnt ab. „Ich bin kein Typ Co-Trainer.“ Unterordnen, nicht so ihr Ding. Dann lieber Cloppenburg, klammer Klub, mit dem Rücken zur Wand. Wübbenhorst weiß: Die wollen sie nicht wegen ihres Fachwissens. Die wollen sie, weil sie günstig ist.

Der Verein hat vor Jahren den Investor verloren und im Winter auch den Trainer. Wie es weitergeht, weiß niemand. Wübbenhorst ist die billigste Lösung. Sie soll verdienen, was sie schon als Trainerin der Frauen bekommen hat. 450 Euro für eine Stelle, die nicht so heißt, aber ein Vollzeitjob ist. Macht sie. Lieber so statt gar nicht. „Die haben mir nirgendwo zugetraut, dass ich mich durchsetzen kann. Jetzt zeige ich halt hier, dass ich es kann.“ So sagt sie das immer wieder. Bis zu dem Abend im Februar, als die Zweifel kommen.

Oberliga, Reich der Fußballväter

Dann Sonntag, das erste Spiel. Hinter der Wellblech-Tribüne des HSC Hannover spiegeln sich die Sonnenstrahlen in verglasten Büroriegeln. Davor spielen zwei Mädchenteams. Die Kommandos kommen von Männern. Kümmert keines der Kamerateams, die daneben ihre Stative richten. Sie bauen auf, weil es hier nachher andersrum läuft: Eine Frau coacht Männer. Drei Stunden später wird diese Frau in die Kameras sagen, sie sei froh, nun nichts zertrümmern zu müssen. Imke Wübbenhorst hat in den Tagen zuvor ein paar Sätze einstudiert. Für den Fall, dass alles so kommt, wie sie es befürchtet hat. „Damit ich euch die Kameras dann nicht in Einzelteilen zurückgeben muss.“ Sie muss nicht. Auch die geprobten Sätze kann sie sich sparen. Ihr erstes Spiel endet mit einer Überraschung: 2:2, ein Unentschieden beim Tabellenzweiten.

Ruhe? Wann hatte Imke Wübbenhorst zuletzt mal Zeit, um zu sich zu kommen? Fast gar nicht. Sie spricht von der intensivsten Zeit ihres Lebens, wenn sie auf das halbe Jahr als Cheftrainern des BV Cloppenburg zurückschaut. Und über allem wacht: ihre Hündin Baila, hier auf einem überdimensionalen Porträtfoto über dem Sofa.
Ruhe? Wann hatte Imke Wübbenhorst zuletzt mal Zeit, um zu sich zu kommen? Fast gar nicht. Sie spricht von der intensivsten Zeit ihres Lebens, wenn sie auf das halbe Jahr als Cheftrainern des BV Cloppenburg zurückschaut. Und über allem wacht: ihre Hündin Baila, hier auf einem überdimensionalen Porträtfoto über dem Sofa. (Anne Werner)

Während des Spiels brüllt Wübbenhorst pausenlos Anweisungen aufs Feld. Sie schreit, so laut und lange, bis ihre Schmirgelpapierstimme irgendwann bricht. Hustenbonbon rein, weiter. Sie fuchtelt mit den Fingern, wie eine Dirigentin, die Spieler folgen. „Imke, du hast deine Männer geleitet wie am Playstation-Controller“, wird später ein Journalist sagen. Der gegnerische Trainer wird anerkennen: „Es gibt tief stehende Gegner, und es gibt tief stehende Gegner. Das war heute die Deluxe-Version.“ Und die Zuschauer?

Ein Vater ärgert sich. Er kräht über die Ränge. Sein Sohn soll sich in den Zweikampf werfen. Doch der Junge fällt einfach um. Der Vater: „Das hat er von der Mutter. Die legt sich auch immer hin, wenn man ihr sagt, sie soll sauber machen.“ Willkommen in der Oberliga, Gelächter auf der Tribüne. Fußballväter in ihrem Element. Dann deutet einer auf die Trainerbank und sagt: „Bei der Thematik hier heute solltest du mit solchen Sprüchen besser vorsichtig sein.“

Wübbenhorst aber kann kontern und kloppt Sprüche, so derbe, wie sie nur über Fußballplätze krakeelt werden. Mitte der zweiten Hälfte ruft ein Spieler: „Ey Imke, mach mal ein Wasser rüber.“ Sie lacht, schüttelt den Kopf, hebt eine Flasche vom Boden auf und sagt: „Und ich pariere auch noch. Ich bin eine gute Frau.“ Die Fußballväter auf den Rängen hinter ihr johlen. Sie haben den Sarkasmus überhört.

 „Immer schon ein Raufbold gewesen“

Die Pressekonferenz findet vor dem Bierstand statt. Hannovers Trainer darf erklären, was taktisch gefehlt hat. Wübbenhorst soll lieber noch einmal erzählen, wie das ist, als Frau unter Männern. Haut sie wieder so einen Satz raus? Enttäuschte Gesichter bei der Antwort. „Ich bereite die Taktik nicht anders vor als früher bei den Frauen. Es gibt keinen Unterschied. Außer dass die Jungs nicht so lange beim Duschen brauchen.“

Wübbenhorst wächst in Ostfriesland auf, in einer Fußballfamilie. Der Vater ist Trainer, die Mutter spielt, später auch der Sohn und die Tochter. Beide bei den Jungen. Wenn Wübbenhorst bei den Mädchen aushelfen soll, nervt sie das. „Pillepalle“, erinnert sie sich. Sie spielen das gleiche Spiel, aber nicht so schnell und körperbetont. Also lieber gegen die Jungen. „Ellbogen raus, durchsetzen.“ Sie ist gut darin. „Ich bin immer schon ein kleiner Raufbold gewesen.“ Die Mitspieler akzeptieren sie, die Gegner nicht immer. Einmal schiebt sie den Ball durch die Beine eines Spielers, ein Tunnel, die Höchststrafe. Der Vater des Jungen stürmt aufs Feld und packt Wübbenhorst am Trikotkragen. Andere Eltern müssen ihn beruhigen. Eine Ausnahme. Meistens bleibt es bei Sprüchen. Regelmäßig hört sie vor Spielen: Die können nichts, die haben ein Mädchen dabei. „Da haben meine Jungs gleich gesagt: Vorsicht, sonst polieren wir euch die Fresse. Danach war es still.“

„Der Imke-Faktor? Was soll die denn machen?“

Ein grauer Märztag in Cloppenburg. Wübbenhorsts Heimdebüt. An der Friesoyther Straße tröpfelt Regen auf die Funktionsjacken der Wartenden. Vor dem Kassenhäuschen am Stadion hat sich eine kleine Schlange gebildet, was hier schon länger nicht mehr vorgekommen ist. Durch das Eingangstor blicken die Benieselten auf die Anlage, die mit der überdachten Tribüne und den Sitzplatzschalen in Vereinsfarben verrät, dass der Klub schon bessere Zeiten erlebt hat. Ein paar Hundert Zuschauer wollen das Spiel sehen. Auch einige Journalisten sind nach Cloppenburg gekommen, wo sie „das Epizentrum einer kickenden Emanzipationsbewegung“ („Tagesspiegel“) vermuten, aber ein langweiliges Oberligaspiel sehen.

Es braucht 26 Minuten, und man hat verstanden, woher Wübbenhorsts Sorgen kommen. Es steht 0:2. Nicht die ärgerliche Sorte Rückstand, sondern die hoffnungslose. Cloppenburg ist unterlegen, was weniger an der Trainerin als an ihren überforderten Spielern liegt. „Der Imke-Faktor? Was soll die denn machen?“ sagt ein Anhänger, als das Team nach der Pause auf den Rasen zurückkehrt. Der Gegner fehlt noch. Ein anderer Mann in der Stehtischrunde nippt am Bier und scherzt: „Jetzt anpfeifen. Dann haben wir noch eine Chance.“ Passiert nicht. Das Spiel gegen Arminia Hannover endet 0:5.

Nach der Pressekonferenz warten Kamerateams. Wübbenhorst soll noch Videointerviews geben, von einem wird sie später mehrfach berichten. „Nach welchen Kriterien haben Sie denn heute aufgestellt?“, fragt ein Reporter. „Entschuldigung, wie meinen Sie das?“, antwortet Wübbenhorst. „Na, Sie haben da doch spezielle Kriterien, nach denen Sie aufstellen, los, erzählen Sie mal!“ Der Reporter denkt an den Spruch mit den Penislängen, die Trainerin an das verpatzte Heimspiel. „Tut mir leid“, sagt sie, „ich habe keine schnelleren Spieler. Da sitzt wirklich nichts Besseres auf der Bank.“ Er wiederholt die Frage noch ein drittes Mal, jetzt überdeutlich. Dann flucht sie in die Kamera. Der Mann entschuldigt sich später. Seine Redaktion habe ihn angehalten, die Penisfrage zu stellen.

Es läuft danach besser als erwartet, aber nicht gut genug, um den Abstieg noch zu verhindern. 0:2, 1:1, 3:3. Achtbar, aber egal. Der Verein teilt Ende März mit, dass Wübbenhorst nur bis zum Saisonende bleibt. Begründung? Gibt es nicht. Nur das Nullargument: „Wir brauchen Planungssicherheit.“ Und dann weist Vorstand Jürgen Vortmann noch darauf hin, ihm sei bewusst, „dass mich viele Leute für einen Macho halten werden“. Tritt ein, was sie unbedingt vermeiden wollte? Niemand sieht die Fortschritte, nur, dass da eine Frau keine Spiele gewinnt? Wübbenhorst lässt die Fragen offen. Sie reagiert eine ganze Zeit lang nicht auf Nachrichten und Anrufe. Die Antwort gibt sie woanders.

Trainer? Trainerin? Imke?

Cloppenburg an einem Freitagabend im April. Aus der sogenannten VIP-Lounge des Stadions dringt dumpfes Hämmern. Ein enger Raum, es ist warm, Menschen dicht an dicht. Sie scheppern Biergläser im Takt auf Tische. Wimpel an der Wand, viel dunkles Holz. Fleischdunst weht vom Büffet herüber und mischt sich mit dem Geruch von nassem Rasen, Schweiß und Bier. Hier findet gleich die Pressekonferenz statt. Heisere Stimmen, einige grölen: „Der BVC ist wieder da.“ Als Imke Wübbenhorst auf einen Barhocker steigt, wird es still. Sie hat ein Mikrofon in der Hand und soll nun diesen Abend erklären. 3:2 gegen Atlas Delmenhorst, ihr erster Sieg, der beste Mann ein 18-jähriger Sorgenfall. Wie hat sie das geschafft? Wübbenhorst sagt Sätze, wie sie nur Trainern einfallen. Immer an uns geglaubt, tolle Moral, Lohn für die Arbeit, solche Sachen. Überall Nicken. Keiner, der jetzt noch mal wissen will, wie das eigentlich so ist, als Frau mit den Männern. Lieber noch ein Schluck vom Bier.

Ein halbe Stunde zuvor sind die Cloppenburger Spieler schon in der Kabine verschwunden. Nur einer hockt noch auf der Auswechselbank: Rami Kanjo, 18, ein schmächtiger Stürmer. Der Sorgenfall, sehr talentiert, aber auch sehr unreif. Selbst in der A-Jugend saß er mal auf der Bank. Jetzt sitzt er da, wo er Wübbenhorst nach seinem Ausgleichstreffer in die Arme gefallen ist. Er stiert aufs Feld, etwas ungläubig, so als würde er noch auf irgendwen warten, der ihm bestätigt, dass er eben ein Spiel entschieden hat. Ob er kurz etwas über seine Trainerin sagen möchte? Kanjo nickt.

Die Emotionen müssen raus, und die Haare fliegen. Imke Wübbenhorst kann sehr impulsiv sein. Vor allem in den ersten Spielen stand sie oft lautstark dirigierend am Spielfeldrand. Im Laufe der Wochen und Monate ist sie an der Seite aber ruhiger geworden.
Die Emotionen müssen raus, und die Haare fliegen. Imke Wübbenhorst kann sehr impulsiv sein. Vor allem in den ersten Spielen stand sie oft lautstark dirigierend am Spielfeldrand. Im Laufe der Wochen und Monate ist sie an der Seite aber ruhiger geworden. (Anne Werner)

„Als ich sie das erste Mal beim Training gesehen habe, ganz ehrlich, was soll ich sagen, da habe ich schon gedacht: Eine Frau bei uns – geht das gut?“ Es gab ja auch sofort etwas zu klären. Die Anrede. Sie wussten nicht, wie sie Wübbenhorst ansprechen sollen. Trainer? Trainerin? Imke? Sie haben sich dann für Coach entschieden. Nummer sicher. Als die Sache mit dem Namen geklärt war, der Coach ihn ein paar Mal angebrüllt und sein Stellungsspiel verbessert hatte, war Kanjo klar: „Es ist egal, ob da ein Mann oder eine Frau steht.“ Heute sagt er: „Sie hat mir sehr viel beigebracht. Es trifft mich, dass sie nicht bleibt.“

Im Mai, einen Monat später, steht Wübbenhorst in ihrem Wohnzimmer. Das Rollbrett hat sie zur Seite gelegt, jetzt schaut sie aufs Smartphone und liest eine Nachricht vor. Rami Kanjo schreibt. Ein langer Text, er möchte sich bedanken. Am Tag zuvor hat sich die Mannschaft von ihrer Trainerin verabschiedet. Sie haben ihr ein Poster mit Fotos geschenkt. Und ein selbst gemaltes Bild. Grüner Hintergrund, davor ein Fußball, gemalt mit Buntstiften im Stil eines künstlerisch unbegabten Grundschülers. Auf den weißen Stellen des Balles haben sie unterschrieben, mit Filzstift, ausnahmslos krakelig. Sie lacht. „Süß, die Jungs. Niedlich, oder?“

Italien ist erst der Anfang

Bei einem früheren Treffen hat Wübbenhorst gesagt: „Meine einzige Chance ist die Mannschaft. Dass die Jungs deutlich machen: Die hat was drauf.“ Jetzt sagt sie: Hat doch funktioniert.

Wübbenhorst packt und räumt. Vieles ist sie schon losgeworden. Wird auch Zeit. Der Nachmieter ist gefunden, die Versicherungen sind gekündigt. Wübbenhorst fliegt nach Italien, zur U21-Europameisterschaft. Dort soll sie taktische Trends beobachten. Italien ist der Anfang. Elf Monate lässt sie sich in Hennef zur Fußballlehrerin ausbilden, der Abschluss gilt als höchste Weihe für deutsche Trainer. Wer dazugehört, hat gute Karten, später einen Profiverein zu trainieren. Sie wird neben Tim Borowski und Christoph Metzelder sitzen. 25 Teilnehmer, nur eine Frau.

"Ellenbogen raus, durchsetzen. Ich bin immer schon ein kleiner Raufbold gewesen", sagt Imke Wübbenhorst. (Anne Werner)

Es drängt an diesem Tag. Der Auszug rückt näher. Und essen muss sie auch noch. Sie teilt eine Avocado, zieht Knäckebrot aus einer Tüte, kramt Käse aus dem Kühlschrank. Dann geht das Telefon, immer wieder das Telefon. Wübbenhorst huscht durchs Wohnzimmer, auf die Terrasse. Ein Journalist ist dran, der fünfte in einer Stunde. Monatelang haben sie wegen ihr angerufen, jetzt geht es um den ganzen Verein.

An diesem Maitag steht die Zukunft des Klubs auf dem Spiel. Die Sache ist kompliziert, über allem schwebt ein Streit zwischen dem Vorstand und der Frauenabteilung. Es geht um üble Nachrede und Diskriminierung. Anwälte haben das Wort. Der Vereinschef bestreitet alle Vorwürfe, auch den, die Frauensparte abschaffen zu wollen. Ein paar Tage später tritt er zurück.

Es braucht keine Details. Man muss Imke Wübbenhorst nur zuhören, wie sie draußen auf der Terrasse steht, mit einem Journalisten nach dem nächsten telefoniert und ihre Stimme immer kratziger wird, dann bekommt man ein Gefühl dafür, dass dieser Kleinstadtklub der schlechteste Ort gewesen sein könnte für ihren Start im Männerfußball. Oder die beste Vorbereitung auf das, was kommt.​


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Leserkommentare
peteris am 20.10.2019 10:00
Premier Johnson ist "persönlich dagegen"
Brexit-Verschiebung: EU-Ratschef Tusk erreichen drei Briefe

Drei Briefe? Haben die ...
elfotografo am 20.10.2019 09:56
Was bezeichnet es denn, wenn der Kultursenator auf eine ihm gestellte Frage antwortet?