HSG Grüppenbühren/Bookholzberg Gemeinsam in das Abenteuer

Auf die A-Junioren wartet mit der Handball-Bundeliga eine Reise ins Unbekannte. Doch alle aus dem Verein sind von der Mannschaft überzeugt.
02.08.2017, 18:49
Lesedauer: 5 Min
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Von Nico Nadig

Bookholzberg. Vereinzelt ist noch das dumpfe Aufklatschen eines Balles auf den Hallenboden zu hören, ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Stefan Buß hat seine Mannschaft zu sich gerufen, sie versammelt sich um ihn herum. Er steht etwas mittig, blickt in die Runde, dann fängt er mit ruhiger Stimme an zu sprechen: „Ausreden gelten nicht mehr. Jetzt ist die Zeit, in der es losgeht.“ Bevor er weiterredet, macht er eine kurze Pause, schaut seine Spieler noch mal an. Sie alle hören ihm zu, keiner quatscht dazwischen. Buß: „Ich will von jedem nun etwas sehen. Jeder Einzelne von euch will doch auf dem Feld stehen, oder?“ Es ist nicht mehr als eine rhetorische Frage, denn die Antwort kennt der Trainer der Handball-A-Junioren der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg genau.

Den 28. Mai dieses Jahres werden Buß und sein Team – ja, sogar der ganze Verein – wohl nicht so schnell vergessen. An jenem Sonntag machte die HSG Grüppenbühren/Bookholzberg das Wunder perfekt: Dank des 17:15-Sieges gegen den BSV 93 Magdeburg bei der zweiten Qualifikationsrunde zur Bundesliga der A-Junioren tütete sie den Aufstieg in das Oberhaus ein. „Wir hätten nicht gedacht, dass wir das mit nur drei Minuspunkten schaffen. Wir waren mit dem TV Oyten als Außenseiter in die Relegation gestartet. Doch alle aus dem Team haben 100 Prozent und mehr gegeben, waren immer bissig“, erinnert sich Buß zurück an jenen Tag, während er seinen Spielern beim Warmmachen zuschaut. Die Euphorie bei der HSG ist bis heute noch immer ungebrochen. Schon beim Training wird das deutlich: Natürlich wird gelacht oder mal ein Scherz gemacht, doch allesamt sind sie konzentriert und fokussiert bei der Sache. „Die Vorfreude ist riesig. Jeder träumt doch von der Bundesliga“, sagt HSG-Torhüter Simon Schreiner.

Selbstverständlich fiebert der gesamte Verein dem Saisonstart entgegen, doch Stefan Buß weiß auch, dass es eine Reise ins Unbekannte ist – ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Ein Grund dafür, dass er das Training nun anzieht. In den vergangenen Wochen bat er seine Spieler viermal pro Woche zu Übungseinheiten. „Zusätzlich ging es für sie noch ins Fitnessstudio“, berichtet Buß. Am Anfang der Vorbereitung habe er vor allem an der Kondition, Schnelligkeit und Spritzigkeit seiner Spieler gearbeitet. Sommerferien und trockene Fitnesseinheiten – sonderlich viele Akteure dürften wohl nicht den Weg zum Training gefunden haben. Falsch, eher das Gegenteil war der Fall. Wie Buß berichtet, seien immer zwölf Spieler da gewesen. „Das ist erstaunlich und einzigartig. Es zeigt aber auch den Charakter der Mannschaft. Nun, wo die Ferien vorbei sind, habe ich den kompletten Kader da. Also 17 Spieler.“

Noch immer machen sich die Akteure der HSG warm: Ein Ball nach dem anderen prasselt auf den Torhüter Torben Knop ein. Mit großen Ausfallschritten oder ausgebreiteten Armen pariert er einige, andere muss er dagegen aus dem Netz fischen und seinem Mitspieler wieder übergeben. Währenddessen steht Stefan Buß einige Meter entfernt, beobachtet das Geschehen genau. Ihm sei bewusst, dass die HSG als großer Außenseiter in die Bundesliga-Saison geht. Denn die Namen in der Nord-Staffel der Liga sind groß: THW Kiel, Füchse Berlin, SG Flensburg, um nur ein paar zu nennen. Alles Mannschaften, bei denen andere, professionellere Bedingungen vorherrschen. Alles Mannschaften, die vermutlich den einen oder anderen zukünftigen Handball-Nationalspieler in ihren Reihen beherbergen. Was hat die HSG Grüppenbühren/Bookholzberg da entgegenzusetzen? Buß überlegt einen Moment, schaut noch mal zu seinen Spielern und antwortet: „Es wird eine schwierige Saison, aber wir können auch viel lernen. Bei uns hat einfach jeder Bock, außerdem kennen wir uns schon länger, sind also eine eingespielte Truppe.“

Das allein wird aber kaum reichen, um im Konzert der Großen mitzuspielen und vor allem auch mithalten zu können. Spielerisch muss und will sich die HSG noch bis zu der ersten Liga-Partie am 9. September beim TSV Sieverstedt weiterentwickeln – eine Woche später steht das erste Heimspiel gegen THW Kiel an. Buß hat sich gemeinsam mit seinem Trainerkollegen Andreas Müller darüber auch schon Gedanken gemacht. Einige Änderungen schwebten ihm bereits im Kopf. Nach seinen Worten soll das System um die starke 6:0-Abwehr zwar nicht umgestellt werden, aber er lässt bereits eine 5:1-Abwehr als Variante trainieren. Buß: „Im Angriff wollen wir über Tempogegenstöße zu einfachen Toren kommen. Wir gehören in der Bundesliga zu den jüngsten Teams, körperlich könnten wir es daher schwer haben. Deshalb brauchen wir einfache Tore.“ Zudem werde er die kommenden Gegner der HSG genauestens analysieren. Dafür muss sich der Coach aber nicht ins Auto setzen und Tausende Kilometer herunterspulen. Ein Laptop und eine Internetverbindung reichen bereits aus, wie er erzählt. Schließlich ist jedes Team der A-Junioren-Bundesliga dazu verpflichtet, seine Spiele aufzunehmen und online zu stellen.

Eine Videoanalyse braucht er aber nicht, um zu wissen, dass sein Team auf körperlich stärkere Gegner als noch in der Oberliga treffen wird. Und damit sich seine Mannschaft schon mal auf die härtere Gangart in der Bundesliga einstellen kann, stehen bei diesem Training keine Systemübungen auf dem Plan, sondern ein Testspiel gegen die eigene Erste Herren – dreimal zwanzig Minuten. Der Spaß und die Spielfreude sind den A-Junioren anzumerken, wenn sie den Ball durch die eigenen Reihen laufen lassen. Allerdings wird auch schnell klar, wo noch Verbesserungsbedarf herrscht. Denn sobald das Herren-Team der HSG in der Verteidigung steht, beißen sich die Jugendlichen die Zähne aus – zu groß sind noch die körperlichen Unterschiede. Doch Buß und seine Spieler sind davon überzeugt, dass sie bis zum Saisonstart bestens gerüstet sein werden. „Wir machen einfach mehr, weil wir wissen, dass wir es machen müssen. Jeder von uns hat Lust auf die Bundesliga“, sagt HSG-Spieler Carsten Jüchter.

Apropos mehr machen: Der Aufstieg bedeutet für den Verein auch eine gewisse Zusatzbelastung. Allein die Fahrtkosten steigen angesichts der mehr als 5000 zu absolvierenden Kilometer. „Finanziell ist das jedoch alles abgesichert. An einem Sonnabend spielen wir gegen Potsdam, am Tag danach in Berlin. Daraus machen wir dann eine Wochenendfahrt, das minimiert die Kosten auch noch mal. Außerdem stärkt es unseren Zusammenhalt und den Teamcharakter“, erklärt Buß, der den ganzen Verein und die Eltern der Spieler für ihre Mithilfe lobt.

Übrigens: Dass die Mannschaft Lust auf die Bundesliga hat, zeigte sich noch vor dem Training. Eigentlich sollte in Heide geübt werden, doch die Halle war belegt. Statt das Training ausfallen zu lassen, suchten die Spieler nach einer Alternative, die sie letztlich nach Ganderkesee führte. Alle, keiner ging deshalb nach Hause, fanden eine Mitfahrgelegenheit. Aus den Autos tönte währenddessen Musik, auf dem Parkplatz wurde gescherzt, doch als die Spieler die Halle betraten, gehörte ihre Aufmerksamkeit einzig und allein dem Sport. Sofort nahmen sie ihre Bälle, warfen auf das Tor, bis ihr Trainer sie in den Kreis rief…

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