Kaum noch Spitzensport Hamburg: Vom Aufstieg und Fall einer Sportstadt

Nach dem Aus des Eishockey-Erstligisten Freezers hat Hamburg außer Fußball kaum noch Spitzensport zu bieten.
22.05.2016, 00:00
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Nach dem Aus des Eishockey-Erstligisten Freezers hat Hamburg außer Fußball kaum noch Spitzensport zu bieten.

Der Hamburger Volkspark ist das vielleicht größte Krisengebiet, das der deutsche Sport zu bieten hat, und das schon seit Jahren. Der Hamburger SV ist von einem europaweit geachteten Klub geschrumpft zu einem hochverschuldeten Chaos-Betrieb und konnte den Abstieg in die zweite Bundesliga in den vergangenen beiden Jahren erst in letzter Sekunde verhindern. Auch wenn dem Verein in dieser Saison die Relegation erspart geblieben ist, ist nicht abzusehen, wie er dem ständigen Kampf um den Klassenerhalt entkommen soll.

Der HSV ist dauerhaft im Notstand, aber immerhin: Es gibt ihn noch. Er wird auch in der kommenden Spielzeit die Massen in den Volkspark ziehen, anders als die Nachbarn des Klubs.

Gegenüber des HSV-Stadions liegt die Sporthalle, die maximal 16.000 Zuschauern Platz bietet und seit ihrer Eröffnung im November 2002 die Namen verschiedener Sponsoren trug. Sie bot den Handballern des HSV Hamburg und den Eishockey-Profis der Hamburg Freezers eine Heimat, doch damit ist es vorbei. Die Handballer, die mit dem traditionsreichen Fußballklub übrigens nur das Namenskürzel und das Wappen gemeinsam hatten, meldeten im Januar Insolvenz an.

Und in dieser Woche verkündeten die Eigentümer der Freezers, die Anschutz Entertainment Group, völlig überraschend, dass zur neuen Saison keine Lizenz beantragt werde. Der US-Konzern will sich nur noch ein Team im deutschen Eishockey leisten, die erfolgreicheren Eisbären Berlin.

Und so gehen im Hamburger Sport so langsam die Lichter aus, das ist der Eindruck von außen und auch von innen. „Tschüs, Sportstadt Hamburg“, kommentiert die örtliche Presse. Oder: „So stirbt die Sportstadt Hamburg“. Oder: „Die Sportstadt Hamburg ist tot“. Die zweitgrößte Stadt Deutschlands, die so sehr von sich selbst überzeugt ist, die stolz ist auf ihren Wohlstand, auf den Hafen und auf ihren Status als Tor zur Welt, verkommt zur sportlichen Diaspora.

Eishockey, Handball, Volleyball, Radsport, Tennis, Basketball

Die Freezers? Vom Eigner fallen gelassen. Die HSV-Handballer? Nicht wirtschaftlich, trotz sportlicher Erfolge. Die Volleyballerinnen von VT Aurubis? Meldeten sich Anfang April aus der Bundesliga ab, nachdem sie zwei Jahre lang ohne Erfolg nach einem Sponsor gesucht hatten. Die Cyclassics, das traditionsreiche Hamburger Radrennen? Steht vor dem Aus, weil der Namenssponsor abgesprungen ist. Das Tennisturnier am Rothenbaum? Ist längst in der Drittklassigkeit verschwunden und hat ständig Probleme mit Sponsoren. Die Zweitliga-Basketballer der Hamburg Towers? Kommen nicht so richtig vom Fleck und sind eher ein Stadtteilprojekt als ein Klub für ganz Hamburg.

Über allem steht der geplatzte Traum von Olympia. Das Aus der Bewerbung für die Sommerspiele 2024 beim Referendum im November sei ein Signal an Politik und Wirtschaft gewesen, dass Hamburgs Einwohner kein Interesse an Spitzensport haben, sagen einige. Doch so einfach ist es nicht.

In Hamburg zeigt sich in dramatischer Zuspitzung, wie abhängig der Profisport abseits des Fußballs von einzelnen Mäzenen und Investoren ist, und dass es ganz schnell eng wird, wenn die Mäzene und Investoren die Lust verlieren. Die HSV-Handballer waren sportlich erfolgreich, deutscher Meister 2011, Champions-League-Sieger 2013, auch die aktuelle Saison lief gut. Doch der Klub warf keinen Gewinn ab. Geldgeber Andreas Rudolph hat in den vergangenen Jahren elf Jahren angeblich bis zu 50 Millionen Euro in den Klub gesteckt. Doch er war es am Ende leid, die Handballer immer und immer wieder zu retten. Er drehte den Geldhahn zu. Vier Millionen Schulden und ein Loch von zwei Millionen im laufenden Etat bedeuteten das Aus.

Die Bundesliga-Volleyballerinnen fanden keinen Nachfolger für Hauptsponsor und Namensgeber Aurubis. Der Spielbetrieb in der ersten Liga war nicht zu finanzieren. Zur neuen Saison startet das Team in der zweiten Liga, Präsident Volker Stuhrmann steuert selbst 50.000 Euro bei.

Die Anschutz-Gruppe hatte sich 14 Jahre lang bei den Freezers in Hamburg engagiert, versuchte nach eigenen Angaben aber schon seit 2011 einen neuen Eigentümer zu finden. Ohne Erfolg. Nach dem Ausstieg des US-Konzerns ist der Klub auf der Suche nach einem Geldgeber, der die Lizenzgebühr von 800.000 Euro und den Etat von angeblich rund 7,5 Millionen Euro aufbringt.

Stichtag für die Lizenzierung ist der kommende Dienstag. Die Chance, so kurzfristig einen Retter zu finden, taxiert Geschäftsführer Uwe Frommhold auf ein Prozent. Angesichts dieser Abhängigkeit von einzelnen Sponsoren sehen viele Fans der HSV-Fußballer mit Sorge, dass sich auch ihr Klub immer weiter in die Hände des Logistik-Unternehmers Klaus-Michael Kühne begibt.

Die Hamburger Verwaltung kann nicht helfen und verweist auf das Europarecht. „Die Stadt darf den Profisport nicht sponsern und bezuschussen. Wir haben keinen Staatssport – das ist auch gut so“, sagte Sport-Staatsrat Christoph Holstein im März dem NDR.

Investiert werden soll in den Breitensport. Bis zu 50 Millionen Euro will die Stadt in barrierefreie Hallen, sogenannte Bewegungsinseln in Parks und in Joggingstrecken stecken. „Die ganze Stadt ist eine Sportfläche“, sagt Innen- und Sportsenator Andy Grote. Für den Profisport gilt das aber immer weniger.

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