Handball

Das Ende und seine Folgen

Für die HSG Stuhr bedeutet der Saisonabbruch Grund zur Freude, die HSG Phoenix muss ihre Landesliga-Zukunft noch klären.
10.04.2020, 16:22
Lesedauer: 9 Min
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Von Thorin Mentrup
Das Ende und seine Folgen

Der Ball wird nicht mehr fliegen in dieser Saison: Die Handball-Spielzeit ist beendet. Der Handballverband Niedersachsen hat sich mit diesem Entschluss einer Empfehlung des Deutschen Handballbundes abgeschlossen. In seinen Spielklassen wird es keine Absteiger geben, Aufsteiger dagegen schon.

Thorin Mentrup

Landkreis Diepholz. Diese Entscheidung war keine Überraschung mehr. Nicht seit vergangener Woche, als sich der Deutsche Handballbund dafür aussprach, die Spielzeit in der Landesverbänden abzubrechen. Er hat ein klares Signal gesendet. Der Empfehlung ist der Handballverband Niedersachsen (HVN) jetzt gefolgt. Am Mittwochabend erklärte er die Saison für beendet.

Darauf verständigten sich laut einer Mitteilung des Verbandes die Mitglieder des Präsidiums während einer Telefonkonferenz. Einstimmig sei das Votum ausgefallen, erklärt Präsident Stefan Hüdepohl. Mit dieser Entscheidung hatten die meisten Verantwortlichen aus der Region gerechnet. „Das ist auch vollkommen richtig so“, sagt zum Beispiel Andreas Schnichels, Trainer der Landesklasse-Handballerinnen der HSG Bruchhausen-Vilsen. Für Spieler und Verantwortliche war eher die Frage, wie es weitergeht: Wie wird der Verband mit Blick auf Auf- und Abstieg entscheiden? Auch hier folgt der HVN der Empfehlung des Bundesverbandes und lässt in seinen Spielklassen keinen Klub absteigen. Das freut die Landesligisten HSG Stuhr und HSG Phoenix.

Aufsteiger dagegen wird es geben. Diese Teams werden über die Quotientenregelung ermittelt. Dabei wird ein Quotient aus den erspielten Pluspunkten und der Anzahl der bis zum Saisonabbruch absolvierten Pflichtspiele gebildet. Sprich: Es zählen die Punkte pro Spiel. Bei gleichem Quotienten zählt der direkte Vergleich. Spätestens in der Woche nach Ostern sollen die Abschlusstabellen feststehen. Die Quotientenregelung gelte unter den Mitgliedern des Präsidiums als „fairste Regelung”. Unter den Handballsportlern war in den vergangenen Tagen über weitere Modelle gemutmaßt worden, zum Beispiel die Tabelle nach der Hinrunde heranzuziehen. „Eine faire Lösung gibt es nur, wenn eine Saison auch zu Ende gespielt wird“, weiß auch Schnichels. Sein Team hat Glück: Es ist in der Landesklasse zwar Dritter, aber durch kein Rechenmodell auf einen Aufstiegsplatz zu hieven. Dafür müssten andere Klubs auf ihr Aufstiegsrecht verzichten.

Redebedarf bei Phoenix

Doch wie trifft das Saisonende die Teams der hiesigen Region? Die beiden Landesligisten HSG Phoenix bei den Frauen und HSG Stuhr bei den Männern sind auf dem Papier Profiteure der Regelung. Ein bisschen habe er schon geschmunzelt, gibt Jens Monsees, Trainer der HSG Phoenix, zu. Zum zweiten Mal in Folge könnte sich die Spielgemeinschaft retten, obwohl sie sportlich abgestiegen ist. Nachdem im Vorjahr der Staffelwechsel in den Weser-Ems-Bereich den Gang in die Landesklasse verhinderte, hat sich nun durch den Verbandsbeschluss eine Tür geöffnet, um in der Landesliga zu bleiben. Dabei hatte diese sich vor der Corona-Pandemie durch den bereits feststehenden Abstieg eigentlich geschlossen. Generell finde er die Regelung ohne Absteiger gut, sagt Monsees.

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Wo wird die HSG Phoenix spielen? Weiter in der Landesliga, oder gehen Mareen Kunze und Co. den Schritt zurück in die Landesklasse?

Foto: MIchael Braunschädel

Für die HSG bringt die Entscheidung nun aber neuen Redebedarf mit sich: Will Phoenix überhaupt in der Landesliga bleiben oder einen Neustart in der Landesklasse unternehmen – dann aber mit der Gefahr, nach dessen Aus am Ende der kommenden Saison noch einmal runter zu müssen? „Darüber müssen wir uns unterhalten“, sagt Monsees, ohne eine genaue Prognose anzustellen. Schließlich habe der Verein bereits die Planungen für die Landesklasse begonnen. Auch personelle Entscheidungen müssen her, wobei Monsees in dieser Angelegenheit recht zuversichtlich ist. Auch dank der A-Jugend und drei Neuzugängen mit Potenzial aus der zweiten Mannschaft habe man neue Möglichkeiten.

Und wenn man erst einmal ein Erfolgserlebnis gefeiert habe, könne sich auch eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Aber da gelte es, sich das Votum der Mannschaft anzuhören. „Aber weil die Frauen immer mitgezogen und nie aufgegeben haben, wäre es eine schöne Sache, es noch einmal zu probieren“, hätte sich seine Mannschaft für ihre Moral den Klassenerhalt durchaus verdient, findet Monsees. Erst einmal wolle er nun Gespräche mit dem Vorstand abwarten. Denn eines ist auch klar: Alleine entscheiden kann er nicht über die Phoenix-Flugroute. Den Meldeschluss für die kommende Saison wird der HVN laut Mitteilung voraussichtlich auf den 15. Mai festsetzen. Der Spielgemeinschaft bleibt also noch mehr als ein Monat Zeit.

Stuhrs Rettung

Ganz fest mit der Landesliga plant die HSG Stuhr. „Ich war erleichtert, aber ich habe auch eine Träne verdrückt“, sagt Sven Engelmann. Am Mittwochabend war seine Zeit als Trainer der HSG Stuhr, Schlusslicht der Landesliga Bremen, auf einen Schlag vorbei. Ohne ein letztes Punktspiel, acht Partien vor dem eigentlichen Saisonende, ohne Party. „Eine komische Situation, aber damit habe ich gerechnet“, sagt er. Deshalb die eine Träne. Doch es gab für Engelmann auch Grund zur Freude. „Es ist einfach schön, dass wir nicht abgestiegen sind“, sagt der Coach, der nach 14 Jahren an der Seitenlinie in Brinkum längst zu einem Gesicht des Handballsports geworden ist. Er geht als Trainer eines Landesligisten. Das zählt für ihn.

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Leiser Abschied – zumindest vorerst für Stuhrs Trainer Sven Engelmann.

Foto: Braunschädel

Vor allem habe er sich für „Owo“ gefreut, erklärt Engelmann. „Owo“, das ist Mike Owsianowski, bislang Co-Trainer und Nachfolger Engelmanns als Chefcoach. „Ich bin froh, dass er mit einer vernünftigen Mannschaft in einer vernünftigen Klasse starten kann.“ In der Landesklasse wäre der Neuaufbau schwieriger geworden. „Jetzt dürfte es ihm leichter fallen, neue Spieler zu akquirieren.“ Die HSG ist mit einem blauen Auge davongekommen. „Deshalb war die Erleichterung auch in unserer Whatsapp-Gruppe groß. Alle waren froh, dass Klarheit herrscht“, verrät Engelmann.

Er hofft, dass die Mannschaft nun die richtigen Schlüsse aus der schwierigen Saison zieht. „Die Jungs müssen verstehen, dass sie noch mehr Leistung bringen müssen“, sagt Engelmann. Für ihn wird es dagegen ein vorerst leiser Abschied. „Aber da wird bestimmt noch etwas kommen“, fügt er hinzu und schmunzelt. Denn eines scheint auch klar zu sein: Nach weit mehr als einem Jahrzehnt als Trainer wird der Verein Engelmann nicht einfach ziehen lassen – auch wenn die große Sause erst mal warten muss. „Da laufen auch schon die Vorbereitungen“, verrät Owsianowski.

Auch er ist erleichtert, dass Klarheit herrscht. „Wir haben endlich Planungssicherheit“, sagt der Engelmann-Nachfolger. Für ihn bedeutete das, dass er direkt zum Telefon greifen konnte, um potenzielle Neuzugänge anzurufen. „Es war vorher schwierig, jemanden zu überzeugen, wenn man nicht weiß, in welcher Liga man spielt.“ Er selbst sei zwar nach wie vor überzeugt davon, „dass wir den Klassenerhalt zur Not auch über die Relegation geschafft hätten“. Aber viele Akteure, zu denen er Kontakt aufgenommen hatte, warteten erst einmal ab. „Viele wollen nicht in die Landesklasse“, weiß Owsianowski, wie wichtig der Landesliga-Verbleib ist. Er ist ein Pfund, mit dem er jetzt wuchern kann. „Das macht die Gespräche einfacher“, erwartet er bald die ersten Zusagen – auch wenn Probetrainingseinheiten im Moment nicht möglich sind. Das Ziel bleibt dennoch, dass der Kader so schnell wie möglich steht. Er spreche mit Spielern auf allen Positionen, verrät Owsianowski, der das Aufgebot verjüngen will.

Oyten steigt auf

Für Stuhr und Phoenix als Schlusslichter ihrer jeweiligen Ligen hat die Quotientenregelung keinen Einfluss auf die Platzierung. Ganz so einfach stellt sich die Situation aber nicht immer dar. Auch nicht in den beiden Landesligen der Spielgemeinschaften. Hier gibt es sogar einschneidende Veränderungen, und zwar an der Tabellenspitze. Bei den Männern schiebt sich der TV Oyten von Rang zwei auf den Top-Platz vor und darf als Meister aufsteigen. Der Quotient des TVO liegt nach 31 Zählern aus 18 Saisonspielen bei einem Wert von 1,72. Der TV Schiffdorf, im Klassement zum Zeitpunkt des Abbruchs vorn, kommt bei 32 Punkten aus 20 Spielen auf 1,6 und muss damit sogar noch die HSG Grüppenbühren/Bookholzberg (31 Punkte in 19 Spielen, Quotient: 1,63) passieren lassen. Kurios ebenfalls: Der VfL Fredenbeck III und die HSG Bützfleth/Drochtersen weisen nicht nur denselben Quotienten auf, sondern haben sich auch im direkten Vergleich unentschieden getrennt. Das Hinspiel endete 27:27, das Rückspiel findet nicht mehr statt. Beide sind also genau gleichauf. Wegen des besseren Torverhältnisses bleibt Fredenbeck in diesem Fall vorn, wie Jens Schoof, Vizepräsident Spieltechnik im HVN, erläuterte. Ganz eng geht es auch in der Landesliga Weser-Ems der Frauen zu – und auch hier ist das Team, das zum Zeitpunkt des Abbruchs an der Spitze geführt wurde, nun nicht mehr vorn. GW Mühlen und die SG Neuenhaus/Uelsen haben in 17 Spielen jeweils 26 Zähler geholt und liegen beim Quotienten jeweils bei einem Wert von 1,53. Also entscheidet auch hier der direkte Vergleich. Und der geht an Neuenhaus/Uelsen: Die SG gewann das Aufeinandertreffen im November in eigener Halle mit 28:26. Das Rückspiel hätte eigentlich am 14. März stattfinden sollen – am ersten Wochenende der Spielbetriebspause. Bitterer geht es kaum. Auch der Kampf um Platz drei wurde über den direkten Vergleich entschieden. Hier hat der TV Cloppenburg gegenüber dem SV Vorwärts Nordhorn die Nase vorn (Hinspiel: 28:32; Rückspiel: 33:25).

Die Region wird wohl nachziehen

Der Großteil des hiesigen Handballsports spielt sich in der Landesklasse und auf Regionsebene ab. Auch dort wird nicht mehr gespielt. Doch wie wird es in Sachen Auf- und Abstieg weitergehen? Der HVN hat in dieser Hinsicht ein klares Votum abgegeben. Hüdepohl: „Wir empfehlen jetzt unseren selbstständigen Regionen, genauso vorzugehen.“ Sprich: Aufsteiger ja, Absteiger nein. Für Steffen Mundt, den Vorsitzenden der Handballregion Mitte-Niedersachsen, der die Spielgemeinschaften Phoenix, Stuhr, Bruchhausen-Vilsen und auch der TSV Schwarme angehören, spricht nichts dagegen, dieser Empfehlung zu folgen. „Alles andere würde mich schon überraschen“, sagt der Funktionär aus Winkelsett (Samtgemeinde Harpstedt). Kontakt mit seinen Vorstandskollegen hatte er bereits. „Wir halten sehr viel von der Regelung, die der HVN getroffen hat“, gewährt er einen Einblick in die Gespräche. „Es ergibt Sinn, wenn alle das einheitlich lösen.“

Sein Votum muss in diesem Fall auch der erweiterte Vorstand abgeben. Entsprechende Unterlagen werden nun an alle Mitglieder verschickt. Diese müssen sich bis zum 16. April äußern. Wenige Tage später wird auch in der Region alles abgewickelt sein. Denn Schwierigkeiten erwartet Mundt nicht.

Das Vorstandsteam der Handballregion Mitte-Niedersachsen hat schnell gehandelt. Die Quotienten für alle Mannschaften in den Senioren- und den Jugendligen sind bereits errechnet worden. Vor Veröffentlichung werde alles noch einmal genau geprüft, erklärt Mundt. Da setzen die Handballer auf das Vier-Augen-Prinzip.

Kontakt werde man nicht nur zu den Meistern aufnehmen, sondern auch zu denjenigen Teams, die relativ chancenlos waren und ganz unten stehen. „Da werden wir Empfehlungen abgeben. Warum sollte man mit einem Quotienten von 0,33 in der Liga bleiben?“, macht Mundt deutlich, dass es auch Gespräche über freiwillige Rückzüge in eine tiefere Spielklasse geben wird. Einen Abstiegszwang aber gibt es nicht. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass mit Überhang gespielt wird in der kommenden Saison. Die Sollstärken werden die Ligen dann über die sogenannte „gleitende Skala“ erreichen. Sprich: Es wird eine erhöhte Anzahl Absteiger geben.

Info

Zur Sache

Chronologie des Abbruchs

11. März: Das Präsidium des Handballverbandes Niedersachsen (HVN) veröffentlicht Handlungsempfehlungen zum Umgang mit dem Coronavirus. Ein Abbruch der Saison scheint noch ein Stück weit entfernt zu sein: „Aktuell gibt es keine Informationen, ob sich die Ausbreitung des Coronavirus auf den Spielbetrieb der Landesverbände des Deutschen Handballbundes auswirkt”, sagt HVN-Präsident Stefan Hüdepohl. Der Spielbetrieb laufe normal weiter, man könne aber auch kurzfristig reagieren.

12. März: Das Präsidium des HVN setzt den Spielbetrieb aus. Darüber informieren Präsident Stefan Hüdepohl und Geschäftsführer Gerald Glöde die Mitgliedsvereine. Laut Mitteilung des Präsidiums soll der Spielbetrieb ab dem 13. März zunächst bis einschließlich 19. April ruhen. Bis Ostern soll eine Entscheidung fallen, ob die Saison fortgesetzt wird. In Vilsen findet am selben Abend noch das Landesklassen-Punktspiel zwischen der HSG Bruchhausen-Vilsen und der SG Achim/Baden III statt.

20. März: Der 8. April wird zum Tag der Entscheidung. Dann wollen die Mitglieder des HVN-Präsidiums in einer Online-Konferenz über verschiedene Szenarien der Fortsetzung, der weiteren Aussetzung beziehungsweise einer vorzeitigen Beendigung des Spielbetriebs beraten. Dem Vorstoß des Hessischen Handball-Verbandes, der seine Saison am 13. März bereits abgebrochen hat, will sich Präsident Hüdepohl noch nicht anschließen.

3. April: Der Deutsche Handballbund empfiehlt seinen Landesverbänden, die Saison zu beenden. Unterhalb der 3. Liga soll der Spielbetrieb nicht wieder aufgenommen werden. Mit der Handball-Bundesliga und der Handball-Bundesliga Frauen verständigt sich der Verband darauf, dass es keine Absteiger, sondern lediglich Aufsteiger geben soll. Diese Regelung sollen auch die Landesverbände übernehmen.

8. April: Der HVN bricht die Saison 2019/20 ab. In seinen Klassen wird es keine Absteiger, dafür aber Aufsteiger geben, die durch die Quotientenregelung ermittelt werden. Den Meldeschluss für die Saison 2020/2021 setze der Handball-Verband Niedersachsen voraussichtlich auf den 15. Mai fest, heißt es in der Mitteilung. Den Termin für den Beginn der Qualifikation im Jugendbereich werde auf die Zeit nach den Sommerferien verschoben.

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