Die Bundesligisten (4): Wie RB Leipzig seine erste Saison in der Champions League angehen will

Hausaufgaben für die Dreifachbelastung

Ralph Hasenhüttl mochte nach dem Training am Mittwochvormittag gar nicht viel Aufhebens um seinen 50. Geburtstag machen.
10.08.2017, 00:00
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Von Ullrich Krömer
Hausaufgaben für die Dreifachbelastung

Der Neue und der Etablierte: Sowohl vom Neuzugang Bruma (links) als auch von Angreifer Emil Forsberg erwartet man sich eine ganze Menge bei RB Leipzig.

Hendrik Schmidt, dpa

Ralph Hasenhüttl mochte nach dem Training am Mittwochvormittag gar nicht viel Aufhebens um seinen 50. Geburtstag machen. Geduldig hörte er sich die Ständchen von Fans und Mannschaft an, nahm ein Sträußchen Blumen geschenkt und schrieb Autogramme. „Ich habe einen Job, bei dem man nicht auf Geburtstage Rücksicht nehmen muss, sondern darauf, was für die Mannschaft das Beste ist”, sagte der Trainer von RB Leipzig. „Dass ich an meinem Geburtstag zweimal auf dem Platz stehen darf, ist schon okay so.”

RB Leipzigs geerdeter Sympathieträger weiß, dass bis zum Bundesligaauftakt auf Schalke noch genug zu tun ist. Bei der
Generalprobe gegen Stoke City (1:2) war zu sehen, dass dem Vize-Meister noch Präzision und „Tiefgang” (Hasenhüttl) im Spielaufbau fehlten, sowie Effektivität im Torabschluss. So übte der Österreicher vor der Pflichtaufgabe gegen Sechstliga-Aufsteiger Sportfreunde Dorfmerkingen im DFB-Pokal an diesem Sonntag vor allem das schnelle und klare Auflösen in die Spitze nach Balleroberungen im Mittelfeld, „um hoffentlich schnelle Tore schießen zu können”. Wichtige Automatismen, die in der vergangenen Saison das Fundament für Leipzigs Höhenflug auf Rang zwei bildeten.

So gehen sie die zweite Saison im Oberhaus ­– und die erste in der Champions League – zwar mit geschärften Sinnen, aber gut vorbereitet an. Dabei hätte es in der langen Sommerpause durchaus ungemütlich werden können für RB Leipzig. Die Stars Naby Keita und vor allem Emil Forsberg flirteten heftig mit europäischen Topklubs, die Uefa zweifelte an der Zulassung für die Champions-League. Das im Rahmen des
Financial Fair Plays mögliche Transferbudget von etwa 40 Millionen Euro musste
angesichts horrender Preisentwicklungen auf dem Transfermarkt auch erst einmal sinnvoll investiert werden.

Doch wie es derzeit scheint, haben sie auch vor dieser Spielzeit vieles richtig gemacht beim neuen Bundesliga-Spitzenklub. Sportdirektor Ralf Rangnick pochte hartleibig auf die Verträge seiner Ballkünstler und musste keinen einzigen Leistungsträger abgeben. Die Uefa erteilte ihren Segen für die Champions League, weil Leipziger und Salzburger Fußballdependance des Getränkeriesen ihre Unabhängigkeit voneinander glaubhaft machen konnten. Und was die
Zugänge angeht, haben die RB-Scouts unter dem früheren Hoffenheimer Johannes Spors ganze Arbeit geleistet. „Die, die gekommen sind, passen perfekt in unsere Mannschaft”, lobte Hasenhüttl. „Sie haben sehr schnell gezeigt, dass sie uns besser machen.”

So sind die Topzugänge Bruma (Ablöse: 12,5 plus maximal drei Millionen Euro
Zulagen), der mehr als nur Forsberg-Ersatz werden wird, und Stürmer Jean-Kévin
Augustin (13 Millionen Euro) bereits in der Hinrunde Kandidaten für die A-Elf. Auch die Kicker aus der vermeintlichen zweiten Reihe dürfen sich Hoffnungen auf Einsätze machen. Denn die große Frage lautet: Wie meistert RB die Dreifachbelastung? „Die Champions League ist für meinen Stab und mich völliges Neuland”, gibt Hasenhüttl zu. „Es ist für uns also learning by doing. Aber das schärft die Sinne.” So geht es nahezu allen im Klub. Doch Hasenhüttl ist mit seinem Team dabei, Antworten zu finden. Erstens: Rotation. „Wir werden nicht sehr oft zweimal hintereinander mit der gleichen Startelf auflaufen”, sagte der Chefcoach. „Wir haben keine erste Elf, sondern eine erste Sechzehn oder Siebzehn.”

Zweitens: ökonomischeres Spiel. „Wir sind auf der Suche nach einem Plan, der es uns ermöglicht, mit etwas weniger Aufwand
Ergebnisse über die Runden zu bringen und trotzdem unseren Tempofußball beizubehalten”, sagt der Trainer. So feilte das Team im Trainingslager in Tirol an ballbesitzorientierterem Fußball, um mehr Ruhepausen einzubauen. Sportdirektor Rangnick, der sich immer wieder Trainingseinheiten aus nächster Nähe anschaut, betonte hingegen: „Ich bin kein Freund davon, Gas rauszunehmen. Wenn wir mit dieser Mannschaft Spiele
gewinnen wollen – egal, ob in der Liga, im Pokal oder in der Champions League –, müssen wir unser Spiel durchbringen und an unserem absoluten Leistungslimit spielen.” Und drittens: Belastungssteuerung und
Regeneration, wofür DFB-Athletikcoach Nicklas Dietrich verantwortlich zeichnet,
rücken bei RB noch stärker in den Fokus, um die Kicker auf den Punkt hin fit zu
machen.

Gefragt nach dem Saisonziel hatte Rangnick Leicester City als Vorbild genannt. Das Viertelfinale in der Champions League und ein Mittelfeldplatz in der Liga würden RB glücklich machen. Doch wer die ehrgeizigen Macher und das Potenzial des abermals jüngsten Kaders des Klassements kennt, weiß, dass Rangnick, Hasenhüttl & Co. erneut einen Champions-League-Startplatz belegen wollen und müssen, um ihre
begehrten Kicker zu halten. Um groß
Geburtstag zu feiern, bleibt da keine Zeit.

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