Boxen Henning Berends: Der Vorboxer

Der Boxring 46 Kirchweyhe hat mit Henning Berends einen jungen Trainer in seinen Reihen. Der 33-Jährige, der auf den ersten Blick eher wie ein Basketballer aussieht, folgt mit dieser Rolle seiner Leidenschaft.
22.02.2019, 18:30
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Thorin Mentrup

Leeste. Nein, wie ein typischer Boxer sieht Henning Berends wirklich nicht aus: Sein dunkelblauer Trainingsanzug mit den hellblauen Akzenten und neonfarbenen Applikationen fällt locker an ihm herab, ein breites Kreuz und muskelbepackte Oberarme zeichnen sich unter dem Stoff nicht ab. Und dennoch steht hier in der Turnhalle der Grundschule Leeste ein mehrfacher niedersächsischer Vizemeister mit Stoppuhr und Trillerpfeife in der Hand und gibt als Trainer des Boxrings 46 Kirchweyhe die Kommandos.

Der äußerliche Eindruck trügt also. Denn Berends hat einiges auf dem Kasten – besonders wenn es ums Boxen geht. Breitbeinig hat sich der 2,03-Meter-Mann im Mittelkreis positioniert, die Trainingsgruppe, manche Mitglieder noch im Grundschulalter, andere auf dem besten Weg in den Ruhestand, dreht ihre Runden durch die Halle. Berends beobachtet sie eine Zeit lang, dann macht er die nächste Übung vor: Er läuft auf der Stelle, hält die Deckung oben und führt mit beiden Fäusten abwechselnd gerade Schläge nach vorn aus. „Macht mit, los, los!“, fordert er, und die Gruppe tut es ihm nach. Berends kehrt in die Rolle als Beobachter zurück. Er strahlt eine ruhige Souveränität aus, die ihm auch als Hand- oder Basketballer gut zu Gesicht gestanden hätte. Es sind eher diese Sportarten, auf die sein Äußeres schließen lassen. „Aber ich fühle mich schon immer mit Boxhandschuhen wohler“, sagt er und grinst.

Einmal in der Woche fährt Berends, der mittlerweile in Grasberg wohnt, für eine Trainingseinheit beim Boxring in seine alte Heimat, in der seine Eltern noch immer wohnen. An diesem Abend ist er ausnahmsweise spät dran. Dabei ist er selbst ein Verfechter von Pünktlichkeit. „Nach einer Viertelstunde ist die Tür zu. Danach kommt keiner mehr dazu“, setzt er auf die Disziplin der Trainierenden. Dementsprechend flott und ohne Umschweife übernimmt er das Kommando, als er die Halle betritt.

Immer wissbegierig

Während Berends weiter durch das Aufwärmprogramm führt, hat Boxring-Chef Rüdiger Förster ein paar ruhigere Minuten. „Die kann ich mir dank Henning gönnen“, weiß er um den großen Wert eines weiteren Coaches im Verein. „Trainer kann man ohnehin nie genug haben. Man ist einfach nur froh, wenn man jemanden hat, der Verantwortung übernimmt“, kennt er das Grundproblem vieler Vereine, das auch vor seinem Klub nicht haltmacht. An die erste Zeit des damals jugendlichen Berends’ kann er sich noch gut erinnern. Da habe sich bereits abgezeichnet, dass sein Schüler das Zeug zum Trainer habe. „Henning war immer sehr wissbegierig. Schon damals war er beim Training voll motiviert und brauchte Aufgaben, die ihn gefordert haben.“ Berends fiel mit seiner schnellen Auffassungsgabe genauso auf wie mit seiner Statur. „Henning war bestimmt der größte Mittelgewichtler Deutschlands“, lacht Förster. In der Klasse bis 75 Kilogramm nutzte sein Zögling vor allem seine Reichweitenvorteile. „Die lange linke und rechte Gerade waren seine Stärke“, erinnert sich der Boxring-Vorsitzende. Berends hielt seine Gegner auf Abstand. Die Gruppe, mit der er arbeitet, seit er vor fünf Jahren seinen Trainerschein gemacht hat, dagegen holt er ganz nah an sich heran, um sein Wissen zu vermitteln. Beim Techniktraining verfolgt er die Bewegungen seiner Sportler ganz genau, geht dazwischen, wenn er einen Fehler sieht, gibt Tipps, wo es noch etwas zu verbessern gibt. Fast wirkt es so, als hätte sich der 33-jährige Linksausleger das Jürgen-Klinsmann-Motto zum Vorbild genommen, jeden Tag jeden Sportler etwas besser machen zu wollen – mit dem entscheidenden Unterschied, dass ihm dafür beim Boxring nur ein Tag pro Woche bleibt.

Aus dieser einen Einheit will Berends so viel wie möglich herausholen. „Ich bin ein Ganz-oder-gar-nicht-Typ“, kam es für ihn nicht infrage, sich nur mit halber Kraft einer Aufgabe zu widmen. Förster fragte ihn damals, ob er nicht Lust habe, den Trainerschein zu machen. Berends sagte zu, einerseits aus Liebe zum Boxsport, wie er erklärt, andererseits weil ihm die Arbeit mit den Jugendlichen sehr viel Spaß mache. Begeisterung und Fachwissen machen ihn zu einem Lehrer, dem alle zuhören. „Man darf auch mal lauter werden“, weiß Berends, wie wichtig die Ansprache ist – beim Kampf besonders, beim Training aber auch. „60 Prozent eines Kampfes sind Kopfsache“, meint er. Unter anderem das hat er beim Trainerlehrgang gelernt. Einer seiner Lehrmeister war David Hoppstock, Bundestrainer der Frauen beim Deutschen Boxsportverband. „Von ihm konnte ich jede Menge mitnehmen“, freut sich Berends, dass eine echte Koryphäe ihn unterrichtete. „Er wollte mich sogar in seinem Team haben“, verrät er.

Mit Kopf und Kondition

Zu Beginn seiner Trainerlaufbahn bereitete sich Berends lange auf die Einheiten vor. „Mittlerweile geht das etwas schneller, weil man schon Erfahrungen gemacht hat“, erklärt er. Doch es gebe auch nach einigen Jahren noch immer spezielle Herausforderungen, „zum Beispiel, wenn wir Boxer auf einen Kampf vorbereiten“. Dann nimmt sich Berends noch mehr Zeit, erarbeitet einen Trainingsplan, dokumentiert die Fortschritte. Das nimmt Stunden in Anspruch, „aber das macht diese Aufgabe aus“, findet der 33-Jährige, der die Sparringseinheiten auf Video festhält, um sie besser analysieren zu können. Eine gute Kondition sieht er als Grundlage für einen erfolgreichen Kampf an. Er selbst sei ein „Konditionstier“ und auch deshalb ein unangenehmer Gegner gewesen. Auf körperliche Fitness legt Berends auch als Trainer viel wert. „Wer müde ist, ist ein leichtes Opfer“, weiß er.

Die Arbeit an der Fitness ist schweißtreibend, die an der Technik aber auch. Doch sie ist elementar. Und so nimmt sie in Berends’ Einheiten einen wichtigen Raum ein. Nach dem Aufwärmen bittet er also zum Tanz. Zumindest sieht es so aus, als sich insgesamt acht Paare zusammenfinden: Die Partner bauen sich voreinander auf, nehmen die Grundstellung ein, hüpfen auf den Fußballen vor und zurück und schlagen dabei knapp am Gegenüber vorbei. „Es geht darum, das Gefühl für die Distanz zu bekommen“, erklärt Berends. Alle Übungen macht er selbst vor. Er ist kein Prediger, kein Trainer des Wortes, sondern ein Vorboxer. Auf diese Art und Weise spendet er Identifikation. Henning Berends ist zu einem Gesicht des Boxrings geworden. Schließlich vertritt er ihn unter anderem auch auf Kampftagen so wie zuletzt, als er Rico Schwarz zu den Bezirksmeisterschaften ins ostfriesische Norden begleitete. Sein Schützling war seinem Gegner unterlegen, Berends warf das Handtuch. „Das fällt einem nie leicht, aber wir haben auch eine Verantwortung und eine Fürsorgepflicht“, erklärt der Servicetechniker für Baumaschinen, der allein im vergangenen Jahr rund 3200 Kilometer im Zeichen des Boxsports zurückgelegt hat.

Alle für den Sport begeistern

Beim Training nimmt er sich dennoch nicht nur Schwarz an. „Natürlich hat man die Boxer, die kämpfen, immer im Auge. Es ist vor allem toll, dass Rico wiedergekommen ist. Das ist das Wichtigste für mich. Er will lernen und sich verbessern“, registriert Berends zufrieden. Doch er weiß auch, dass im Amateurbereich auf lokaler Ebene etwas anderes zählt als nur der Weg in den Ring. „Dazu können wir ohnehin niemanden zwingen. Ich versuche, allen in der Gruppe gerecht zu werden. Da muss ich zum Beispiel mit Kindern spielerischer ans Training herangehen als mit den Älteren. Für mich ist es wichtig, dass alle in der nächsten Woche wieder dabei sind.“ Und danach sieht es aus: Am Ende der Trainingseinheit verabschiedet sich jeder Sportler per Handschlag von Berends. Ein Zeichen des Respekts, aber auch der Wertschätzung. Der Coach stellt jedem dieselbe Frage: „Sehen wir uns nächste Woche?“ Die Antwort sieht jedes Mal ähnlich aus: ein kurzes Nicken, ein deutliches „Klar doch“ oder einfach nur ein Lächeln. Genau das huscht in diesen Momenten auch über Försters Gesicht. Leise sagt er: „Henning kann man nur jeden Abend in sein Gebet mit einschließen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+