Handball

„Die weitere Entwicklung ist nicht absehbar“

Handball-Funktionär Jens Schoof erklärt die Spielpause bis Ende des Jahres und setzt zumindest auf die Austragung einer Halbserie
02.11.2020, 11:46
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens Pillnick
„Die weitere Entwicklung ist nicht absehbar“
Frank Thomas Koch

Frage: Herr Schoof, die Corona-Krise wirbelt den Handballsport seit dem Frühjahr dieses Jahres kräftig durcheinander. Jetzt steht der Spielbetrieb sogar bis Ende dieses Jahres komplett still. Wie viele Nerven hat Sie das als Vizepräsident Spieltechnik in diesem Jahr gekostet?

Jens Schoof: Das war und ist sehr anstrengend, sowohl für meine beiden Spieltechnik-Teams in Bremen und Niedersachsen, als auch für mich. Es gab in den vergangenen Wochen unzählige Anfragen, nicht alle waren freundlich oder sachlich formuliert. Unsere Entscheidungen stehen selbstverständlich im Fokus aller Handballer, das ist normal, das sind wir auch gewohnt. Aber der Druck, der da manchmal aufgebaut wurde, auch anonym vorgebracht, der war schon grenzwertig. Da kam schon mal die Frage auf, ob man sich das eigentlich so antun will. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir hier vor einer Situation stehen, die es vorher noch nie gab und deren weitere Entwicklung nicht absehbar ist.

Wie zeitintensiv schätzen Sie die Mehrarbeit durch Corona ein?

Ein Vielfaches von dem, was es vorher war. Auch von dem, was über ein Ehrenamt hinausgeht. Das möchte ich in Zahlen gar nicht ausdrücken. Es ist ein gewaltiges Pfund neben dem Beruf, der Familie und der Freizeit. Habe ich abends gegen 22 Uhr alle Anfragen abgearbeitet, liegen mir morgens schon wieder 20 neue Mails vor. Außerdem wurde so manche Vorbereitung ja auch durch die rasante Entwicklung wieder hinfällig.

Sie canceln die Möglichkeit der freiwilligen Spielabsetzung durch die Vereine und lassen dafür den Spielbetrieb bis zum Ende des Jahres pausieren. Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?

Am dem Wochenende, an dem wir den Vereinen das Spielen aufgrund der Corona-Lage freigestellt haben, hatten nur etwa 20 Prozent des Spielbetriebs stattgefunden, außerdem sind die Corona-Fallzahlen zuletzt in allen Regionen rasant gestiegen. Da am vergangenen Wochenende auch noch die Jugend in den Spielbetrieb eingestiegen wäre, haben wir uns in der Task Force gesagt, dass wir etwas tun müssen. Deshalb haben wir uns einstimmig zu einem Cut entschlossen. Die Kritik an unserem vorherigen Beschluss hat zusätzlich mit dazu beigetragen.

Wer sind die Mitglieder der eben erwähnten Task Force?

Beim HVN der Präsident Stefan Hüdepohl, die beiden aktuellen Geschäftsführer Gerald Glöde und Markus Ernst, der Vizepräsident Recht Stefan Schieb und ich als Vizepräsident Spieltechnik. Beim BHV ist es das Präsidium.

Die Spielpause gilt bis zum 31. Dezember dieses Jahres, bis dahin fallen viele Partien aus. Können diese überhaupt wieder aufgeholt werden?

Das muss man trennen. Bei den Senioren gibt es in der Oberliga der Frauen sowie der Landesliga der Frauen und Männer verkleinerte Staffeln, das wäre möglich. Bei der Oberliga und der Verbandsliga der Männer wird es sehr, sehr schwer werden. Bei der Jugend gehen wir fest davon aus, dass wir die Oberliga-Vorrunde nicht schaffen werden. Hier müssen wir Alternativen finden und sie anwenden. Die Bremer Spielklassen passen wir an, wenn wir wissen, wann wir wieder starten dürfen. Da hier die Wege kürzer sind, werden Alternativlösungen sicherlich einfacher zu finden sein.

Wie geht es mit den Punktspielen weiter?

Wir müssen die Entwicklung der Corona-Fallzahlen abwarten. Wichtig ist auf jeden Fall, dass alle schnellstmöglich wieder zum Trainieren und dann auch wieder zum Spielen kommen.

Welche Denkmodelle liegen bereits hinsichtlich der Punktspiele vor?

Da ich nicht jetzt schon eine Diskussion lostreten will, möchte ich mich dazu nicht äußern. Wir sollten das zunächst in unseren Gremien besprechen. Wichtig ist, dass wir den Spielbetrieb so zeitnah wie möglich wieder aufnehmen und zumindest eine Runde spielen sollten, wenn es geht. Das Spieljahr lässt uns ja ein Zeitfenster bis jeweils zum 30. Juni, das wir nutzen können.

Helge-Olaf Käding, Rechtsanwalt und Kenner des Handballrechts, spricht sogar von einem Zeitfenster bis zum 31. Juli eines jeden Jahres, das genutzt werden kann.

Ja, dazu besteht in der Tat die Möglichkeit. Die Frage ist, ob das unser Ziel sein sollte. Viel wird auf jeden Fall von den höheren Spielklassen ab der dritten Liga aufwärts abhängen, wie es dort aus- beziehungsweise weitergeht.

Werden die bereits erzielten Ergebnisse in den Punktspielen Bestand haben? Die meisten höheren Ligen haben ja schon angefangen.

Wenn wir uns entscheiden, eine Halbserie zu spielen, läuft sie weiter. Wir haben sie ja nur unterbrochen. Es kann aber auch sein, dass wir Ligen noch teilen. Zurzeit haben wir noch kein Lösungskonzept.

Wird die Saison dieses Mal mit Auf- und Absteigern enden?

Das hängt davon ab, ob die Saison so stattfinden kann, wie sie es muss. Also ob zumindest eine Halbserie gespielt werden kann. Entscheidend ist auch, was in den höheren Spielklassen hinsichtlich der Auf- und Abstiege passiert. Das Ziel ist es, irgendwann wieder zu normalen Ligen zurückzukehren, dazu sind auch Absteiger nötig. Auch in den unteren Spielklassen gibt es Mannschaften mit Zielen, die man ihnen nicht nehmen kann.

Welche Auswirkungen hat das bundesweite Trainingsverbot auf den Handball?

Ganz, ganz große. Ich befürchte, dass uns der erneute Stopp noch mehr Mitglieder kostet. Für mich wäre es jetzt schon ein Erfolg, wenn wir die Zahl der Mitglieder halten können. Dazu ist das Training super wichtig. Die Leute lechzen nach sozialen Kontakten, und die sind gerade bei Mannschaftssportarten wie dem Handball enorm wichtig. Da zählt der Gemeinschaftssinn. Danach können wir uns um die Neugewinnung kümmern. Alles immer in Zusammenarbeit mit den Vereinen, denn dort findet die eigentliche Arbeit statt.

Gibt es für die Neugewinnung von Handballern schon Ideen oder sogar Konzepte?

Diese Frage ist besser bei den Spezialisten für die Mitgliederentwicklung aufgehoben.

Das Gespräch führte Olaf Kowalzik

Info

Zur Person

Jens Schoof ist der Vizepräsident Spieltechnik der Handballverbände Bremen (BHV) und Niedersachsen (HVN). Er gehört dem Präsidium des BHV seit 2010 und des HVN seit 2016 an. Er ist 58 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Mädchen.

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