Skateboarding „Ich bin das dem Skateboarden schuldig“

Der Delmenhorster Ümit Akbulut hat eine realistische Chance, 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio an den Start zu gehen. Seit 20 Jahren fährt er Skateboard und gehört zum Nationalkader der Türkei.
26.09.2018, 16:05
Lesedauer: 5 Min
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„Ich bin das dem Skateboarden schuldig“
Von Michael Kerzel

Herr Akbulut, sehen wir Sie als Teilnehmer bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio?

Ümit Akbulut: Das steht noch nicht fest, aber es gibt eine realistische Chance, dass ich dabei bin.

In welcher Sportart starten Sie?

Ich fahre seit 20 Jahren Skateboard und wurde jetzt von der Türkei für den Kader nominiert. In Tokio nehmen 20 Mannschaften teil. Im Frühjahr kommenden Jahres gehen die Qualifikationsturniere los. Wie genau die aussehen, ist noch nicht bekannt. Bisher haben rund 70 Länder Skateboardmannschaften auf die Beine gestellt. Da müssen wir uns durchsetzen, um bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Jedes Land muss drei Teil-Teams stellen: ein Herren-Streetteam, ein Damenteam und ein Bowlteam. Ich bin Streetfahrer.

Wie lief die Nominierung ab?

Ich war im Urlaub in Kuala Lumpur mit meiner Familie und da kam ein WhatsApp-Anruf von einer unbekannten, türkischen Nummer rein. Ich hab mich gewundert, wer das sein könnte und bin rangegangen. Und es war Fuat Eryilmaz, Präsident der Skateboard Föderation der Türkei. Er sagte, dass er mich gerne beim Olympia-Team der Türkei dabei hätte. Ich sollte nach Istanbul fliegen und dann weiter nach Bursa fahren. Da ist der Stützpunkt. Olympiateilnahme... Mir ist erstmal kurz schlecht geworden, als ich das hörte. Aber dann dachte ich sofort: cool. Klar fahre ich erstmal hin.

Was passierte dann in der Türkei?

Ich musste eine Dopingprobe abgeben und Medizinchecks bestehen. Dazu gehören beispielsweise ein Kurzzeit-EKG, ein großes Blutbild und ein Belastungstest auf dem Rad. Das lief alles gut. Nur mein B12-Wert war zu hoch. Ich habe Vitasprint genommen. Das darf ich jetzt nicht mehr (lacht). Danach wurde ich zu einem Essen mit den Funktionären eingeladen und die sagten „Willkommen“. Ich dachte: Alles klar, wo soll ich zeigen, dass ich fahren kann? Und die sagten nur: nene, willkommen im Team.

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Für den Moment habe ich mir erstmal Bedenkzeit erbeten. Ich wollte das mit meiner Frau besprechen. Ich bin selbstständig und kann ja nicht ein Jahr oder länger nur mit Skateboardfahren verbringen. Der türkische Verband ist mir aber sehr entgegen gekommen. Beispielsweise werde ich nicht sechs Wochen beim Trainingslager in Kanada mitmachen, sondern nur eine. Letztlich habe ich entschieden, mitzumachen. Das bin ich dem Skateboarden einfach schuldig.

Wie meinen Sie das?

Ich habe dem Skateboarden vieles, vielleicht sogar alles zu verdanken. Meine Eltern hatten kaum finanzielle Mittel, durch das Skateboarden konnte ich in viele Länder reisen, viele interessante Menschen kennenlernen, Freundschaften schließen. Skateboarden hat mich geformt, mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin.

Wie ist das türkische Komitee überhaupt auf Sie aufmerksam geworden?

Jürgen Horvath hat mich empfohlen. Er war früher mein Trainer und hat mich bei den deutschen Meisterschaften Anfang des Jahres gesehen.

Wie stark ist das türkische Team?

Noch ist die Mannschaft nicht komplett, neben mir wird das Team vor allem aus türkischen Skate-Pros bestehen. Einer aus der Schweiz ist dabei. Der spricht kein türkisch, sondern nur schwyzerdütsch. Da versuche ich dann zu übersetzen, aber ich verstehe den auch kaum (lacht). Ich bin nicht nur als Fahrer da, sondern in gewisser Weise auch als Trainer, beziehungsweise Motivator für die jüngeren Fahrer. Jeder hat verschiedene Stärken und Schwächen.

Klar ist: Um zu den 20 startberechtigten Teams in Tokio zu gehören, müssen wir uns sehr anstrengen. Aber ich bin Optimist. Und selbst wenn es nicht klappt, ist es toll, im Vorfeld sowas wie olympische Luft zu schnuppern. Wir gehören zu den Pionieren, Skateboarding ist ja erstmals bei Olympia dabei. Es ist ein Stück weit ein gelebter Traum, den ich gerade erlebe. Olympia war für mich als Skateboarder ja nie präsent und jetzt ist es geil, zu den ersten zu gehören, die die Chance darauf haben.

Sie sind Delmenhorster. Wieso starten Sie für die Türkei?

Ich habe einen deutschen und einen türkischen Pass. Die deutsche Mannschaft ist bereits vollständig und da ist das Niveau auch höher. Hier gibt es ganz andere Möglichkeiten als in der Türkei. Ich hoffe, dass sich durch eine mögliche türkische Olympiateilnahme im Skateboarden die Szene dort weiterentwickeln kann.

Ist die aktuelle politische Lage in der Türkei um den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ein Problem für Sie?

Zur Politik in der Türkei möchte ich mich nicht äußern.

Was bedeutet es für Sie, für die Türkei zu starten?

Ich lerne das Land meiner Vorfahren jetzt neu kennen. Gerade kulturell. Bisher war ich eher im Urlaub dort.

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Was verändert sich für Sie in der Vorbereitungszeit auf die Olympischen Spiele konkret?

Ich habe einen Trainingsplan bekommen. Ich muss einmal in der Woche 30 Minuten Schwimmen, zweimal 20 Kilometer Radfahren und einen Tag Skateboarden. Ich hasse Schwimmen. Anfangs bin ich nach zehn Minuten aus dem Wasser raus, mittlerweile bin ich bei 15 Minuten. Dafür fahre ich ein paar Kilometer mehr Rad. Ich musste mir dafür erstmal ein Rad kaufen. Ich werde tatsächlich fitter, gerade die Oberschenkelmuskulatur baut sich auf. Dazu habe ich meine Ernährung auf Intervallfasten umgestellt. Ich esse nur zwischen 12 und 19 Uhr und sonst nichts. Ich trinke keinen grünen Tee mehr und mache eine Darmkur mit kompletter Entgiftung. Und ich habe nicht wieder mit dem Rauchen angefangen. Das Ziel Olympische Spiele ist körperlich das beste, was mir passieren konnte.

Wo liegen Ihre Stärken beim Skateboarden?

Das Fliegen ist meins. Für mich gilt immer volles Tempo: möglichst schnell und möglichst hoch. Ich bin nicht so der Techniker.

Sie sind nicht mehr der Jüngste. Können Sie noch mithalten?

Auf jeden Fall. Ich bin voll motiviert und bin jetzt wieder voll dabei. Zuletzt war ich eher so der Skate-Opa, der bei den Deutschen Meisterschaften oder Contests nur noch mitgefahren ist. Aber jetzt greife ich wieder an. Ich habe richtig Bock.

Wie sieht der Zeitplan für die kommenden Wochen und Monate aus?

Im Oktober fliege ich nach Ankara für vier Tage. Da geht es dann darum, alle notwendigen Lizenzen zu bekommen und zu unterschreiben. Auch weitere Fitnesschecks stehen da an. Im Januar steht ein Trainingslager in Brasilien an. Und ich suche weiter nach Sponsoren. Das ganze Projekt ist nicht billig. Einer der Kunden meines Friseursalons, der Steuerberater Stefan Poelmann aus Stuhr, unterstützt mich bis zu den Olympischen Spielen finanziell, sonst könnte ich mir Flüge, Unterkunft, Mietwagen und so weiter gar nicht leisten. Dazu bin ich Teamfahrer beim Dogtown-Skateshop in Oldenburg, von denen bekomme ich beispielsweise Boards. 15 bis 20 Stück habe ich in den letzten drei Monaten etwa verbraucht.

Das Interview führte Michael Kerzel.

Info

Zur Person

Ümit Akbulut (33) fährt seit zwei Jahrzehnten Skateboard und gehört zum Nationalkader der Türkei, der sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifizieren will. Der Friseurmeister ist verheiratet, hat drei Kinder und ist Inhaber der „Haarwerkstatt“ in Delmenhorst.

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