Olympiasieger im Interview „Ich muss der Läufer bleiben“

Olympiasieger Dieter Baumann spricht im Interview über die Zahnpasta-Affäre, seine zweite Karriere als Kleinkünstler und einen Auftritt in Bremen.
04.09.2019, 21:23
Lesedauer: 6 Min
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„Ich muss der Läufer bleiben“
Von Olaf Dorow

Herr Baumann, finden Sie es eigentlich unfair, dass Sie – zum Beispiel im „Stern“ – einer für die Was-macht-eigentlich-Rubrik sind?

Dieter Baumann: Nö, was heißt unfair? Gott im Himmel, ist einfach so. Das ist halt der Zeitgeist der Medien, dass man sich sagt: Oh, da gab‘s doch mal so Einen, lebt der überhaupt noch?

Dieter Baumann war mal ein Gesicht des Sports. Olympiasieger. Sehr bekannt, sehr eloquent. Man stellt ihn sich als Verbandschef vor, oder wenigstens als Bundestrainer.

Ach, nee. Da bin ich eigentlich ganz froh, dass der Kelch an mir vorbeigegangen ist.

Warum?

Ich mache das, was mir Spaß macht. Wie auch immer: Das Schicksal hat mich irgendwie auf diese Kleinkunst-Bühne getrieben. Ich fühle mich da wohl. Ich brauche auch nicht mehr. Ich bewerte meinen Werdegang nicht. Ob der gut oder schlecht ist.

Zu diesem Lauf des Schicksals zählt ja auch die Zahnpasta-Affäre. Inklusive maximaler Aufmerksamkeit, Dopingsperre und offenem Ende. Ist die Zahnpasta-Nummer letztlich Schuld, dass Sie Kabarettist wurden?

Würde ich nicht so sagen. Man kann sagen: Wegen dieser Zahnpasta-Geschichte ist danach praktisch vieles gar nicht möglich gewesen. Auch das finde ich weder positiv noch negativ. Ich habe versucht, daraus zu gestalten. Und ich finde, das ist in den letzten zehn Jahren ganz gut gelungen.

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Tut die Zahnpasta-Affäre trotzdem noch weh? Oder war sie andersherum hilfreich?

Das tut überhaupt nicht weh. So blicke ich nicht zurück. Es ist wunderbar, wie es ist. Innerhalb eines Verbandes möchte ich gar nicht sein heutzutage. Ich beobachte es momentan bei meinen Kindern (die Tochter und der Sohn streben über 400 Meter Hürden bzw. 3000 Meter Hindernis der nationalen Spitze entgegen, d. Red.). Da kriege ich die Strukturen ja mit. Der Job eines Bundestrainers ist richtig schwierig. Ich beneide keinen im Verband.

Wie unterscheidet sich das Leben als Spitzensportler von dem eines Kabarettisten? Oder ist Ihnen „Kleinkünstler“ lieber?

Kleinkünstler ist schöner. Das ist größer gefasst. Der Kabarettist engt das allein auf eine Nummer ein. Der Kleinkünstler darf vieles machen. Das Leben? Unterscheidet sich kaum von dem eines Athleten.

Früher Tingelei durch die Stadien, heute durch die Bühnen der Republik?

Genau. Insofern habe ich mir das ausgesucht, wo ich mich am wenigsten verändern muss. Ich habe trainiert und bin zum Wettkampf gegangen. Heute übe ich für ein Stück, und dann spiele ich es. Das ist im Grunde derselbe Ablauf.

Inklusive des Adrenalin-Kicks beim Wettkampf oder Auftritt?

Ja. Allerdings muss ich sagen: Ich merke schon das Alter. Die Rumreiserei wird anstrengender. Ich muss das besser dosieren als früher. Einfach auch, um mir den Spaß zu erhalten.

Und nimmt das jeweilige Lampenfieber eher zu oder ab?

Mal so, mal so. Das hängt auch von der Location ab. Auch wie früher im Wettkampf. Wenn sie ein bisschen holprig ist, wenn ich merke: ‚Boah, heute muss ich kämpfen hier‘, dann steigt das Lampenfieber. Ich spüre schon, wenn ich die Location sehe, ob das ein gelungener Abend wird.

Wenn Sie das Schnürschuh-Theater in Bremen sehen …

… dann denke ich: Das kenne ich ja. Da war ich schon mal mit meinem Olympia-Programm. Das ist ein wunderbares kleines Theater. Da freue ich mich, weil ich weiß: Das wird ein toller Abend.

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Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, ein Laufband auf die Bühne zu stellen und leicht hechelnd das Publikum zu unterhalten?

Schon bei meinem ersten Programm (vor circa zehn Jahren mit „Körner, Currywurst, Kenia“, d. Red.) habe ich gedacht: Ich würde mal gern etwas machen, wo ich nicht nur übers Laufen erzähle. Sondern es mache. Es zeige. Hat lange gedauert, bis ich das umgesetzt bekommen habe. Bis ich eine Dramaturgie und einen roten Faden hatte. Weil, sind wir mal ehrlich: Laufen ist ja langweilig. Wenn einer auf der Bühne läuft und nur läuft, dann ist das erst mal nix, oder?

Fällt mir gerade kein Gegenargument ein.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Es ist sogar einschläfernd. Wenn ich in einen Trott komme, ist das fürs Laufen toll. Aber der Zuschauer, der schläft ein. Er wird quasi hypnotisiert. Das darf nicht passieren, und ich habe lange überlegt, wie ich das auflösen kann. Ich glaube, es ist wirklich was Schönes herausgekommen. Ein schönes Storyboard.

Was für ein Feedback aus dem Publikum hatten Sie bisher?

Wenn es nicht funktionieren würde, wäre ich nicht nach Bremen gekommen. Ich spiele das schon anderthalb Jahre. Wenn ein Programm so lange läuft, dann kann man schon sagen, dass es gut läuft. Andernfalls spielt man das höchstens ein halbes Jahr. Das Feedback mit dem aktuellen Programm ist immer gut. Ich habe noch nie erlebt, dass einer rausgeht und sagt: Was ist das denn? Ich würde schon sagen: Das ist das Beste, was ich bisher aufgelegt habe.

Leistungssportler sind darauf gepolt, sich mit der Konkurrenz zu messen. Ertappen Sie sich dabei, dass Sie sich mit anderen Comedians vergleichen?

Eigentlich gar nicht. Das Genre ist so vielfältig. Mein Thema ist Laufen. Es gibt niemanden in Deutschland, der das auf der Bühne macht. Ich habe mir da quasi eine kleine Nische erspielt. Ich gucke mir zwar an, was die Anderen machen. Jedes Mal merke ich: Das kann man gar nicht vergleichen. Insofern ist das dann auch mal schön für mich, und tatsächlich ein Unterschied zu den Wettkämpfen von früher.

Sie machen keine Rankings? Sportler machen das. Sportreporter im Übrigen auch oft. Wer hat den besseren Artikel geschrieben, und so.

Wenn Sie einen Artikel schreiben, dann ist das ja in gewisser Weise auch sehr subjektiv und somit schwer vergleichbar. Sie schreiben, was Sie sehen und erleben. Da würde ich mich als Reporter gar nicht so rein pressen lassen in Vergleiche.

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Oh, danke für den Tipp …

… ja, wirklich! Ich gehe so auch an die Kleinkunst heran. Welchen Parameter nehme ich da? Für mich ist der Parameter: die Leute, die kommen. Wenn ich da merke, wow, das funktioniert, wenn die glücklich heimgehen, dann ist es gelungen. Da zählen dann auch die Kritiken für mich nicht, die es gibt oder nicht gibt.

Denken Sie manchmal: Kleinkünstler? Ist schon komisch. Hätte ich früher im Leben nicht dran gedacht?

Puh, darüber habe ich mir eigentlich noch nie Gedanken gemacht.

Könnten Sie es jetzt mal machen?

Ich würde das anders formulieren. Ja, ich definiere mich ein Stück weit als Künstler. Aber Laufen spielt die zentrale Rolle. Nicht so sehr die Bühne. Eigentlich ist es ja so: Ich bin ein Läufer, und suche mir ein Medium, um übers Laufen zu sprechen. Das Medium ist jetzt die Bühne. Das kann in fünf Jahren etwas ganz anderes sein. Das ist, glaube ich, das, was die Leute merken, wenn ich auf der Bühne bin: Ich bin kein Schauspieler. Wenn ich das sein möchte, wird das Stück um Klassen schlechter. Ich muss der Läufer bleiben, damit das Stück gut wird.

Und wenn Sie nicht der Läufer Baumann wären, der mit Olympiasieg und Zahnpasta, hätten Sie es dann schwerer als Künstler?

Ist ja logisch, dass ich davon profitiere. Aber dafür kann ich nix, ich muss mich dafür ja nicht entschuldigen. Ich bin, was ich bin. Die Leute kennen mich, okay. Manchmal ist das auch gar nicht so schön, dass das so ist.

Inwiefern?

Wenn ich wie jetzt im Urlaub in Kroatien meine Ruhe haben will, erkennen mich Leute.

Und wollen Selfies machen?

Dann sage ich auch mal: Tut mir leid, der Baumann hat gerade Urlaub, geht nicht. Ich bin ja auch eine Person. Ein Mensch, der das jetzt mal nicht will.

Herr Baumann, wir können nicht aus dem Gespräch gehen, ohne über Bremen gesprochen zu haben. Allein die Differenz im Dialekt: Ist Bremen etwas Exotisches für Sie?

Andersherum: Ich bin für Bremen was Exotisches mit meinem Schwäbisch.

Okay, das ist uns bewusst hier.

Das ist ja super. Das funktioniert in ganz Deutschland. Wenn ich versuchen würde, angestrengt Hochdeutsch zu reden, wäre das total gestellt und nicht die Erwartungshaltung: schwäbische Exotik in Bremen sozusagen.

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Und hinterher versuchen Sie sich mal an Bremer Knipp?

Bremer Knipp?

Etwa im Rang von Spätzle aus Schwaben.

Dann gibt‘s das auf jeden Fall. Erst mal ein gutes Bremer Bier. Und dann das lokale Essen. Da bin ich skrupellos.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Dieter Baumann (55) war 1992 Olympiasieger über 5000 Meter und stand 1999 im Mittelpunkt der Zahnpasta-Affäre. Seine Zahnpasta war mit einem Dopingmittel manipuliert, der Verursacher konnte jedoch nie ermittelt werden. Seit rund zehn Jahren tritt Baumann als Kleinkünstler auf.

Info

Zur Sache

Am Sonntag im Schnürschuh-Theater

„Dieter Baumann läuft halt (weil, singen kann er nicht).“ So heißt das neue Programm von Dieter Baumann, mit dem er am Sonntag, 8. September, um 18 Uhr im Schnürschuh-Theater in Bremen auftritt. „Der laufende Kabarettist“, so kündigen die Veranstalter an, „erzählt witzige Geschichten – auf einem Laufband. Und ja, er tanzt sogar, an Stellen, an denen es scheinbar nichts zu tanzen gibt.“ Karten gibt es im Schnürschuh-Theater (Buntentorsteinweg 145) oder unter www.schnuerschuh-theater.de.

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