Achim „Ich werde die Jungs nicht bremsen“

Können Sie eigentlich noch ruhig schlafen? Oder zählen Sie mittlerweile schon die Stunden, bis es endlich losgeht?Peter-Michael Sagajewski: Überhaupt nicht. Die Jungs sind so lange zusammen, da ist eine unheimlich große Verbundenheit vorhanden.
30.09.2016, 00:00
Lesedauer: 8 Min
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„Ich werde die Jungs nicht bremsen“
Von Malte Bürger

Können Sie eigentlich noch ruhig schlafen? Oder zählen Sie mittlerweile schon die Stunden, bis es endlich losgeht?

Peter-Michael Sagajewski: Überhaupt nicht. Die Jungs sind so lange zusammen, da ist eine unheimlich große Verbundenheit vorhanden. Wir haben über die Jahre so wenig Fluktuation gehabt und zudem jetzt aktuell eine richtig gute Vorbereitung gespielt. Auch in der Bremer ÖVB-Arena vor dem Länderspiel, wo wir vom Ergebnis her letztlich eine Klatsche bekommen haben (0:3 im Testspiel gegen den Bundesligisten SVG Lüneburg, Anm. d. Red.). Es war aber keine gefühlte, weil wir von der ersten bis zur letzten Sekunde Zähne gezeigt haben. Ich schlafe total gut. Was das Organisatorische im Hintergrund angeht, das lässt mich schon eher unruhig schlafen, weil das auf zu wenigen Schultern ruht.

Sie haben vor wenigen Wochen noch gesagt, dass der Aufwand in der Dritten Liga gar nicht so viel größer sei als zuvor. Haben Sie sich doch getäuscht?

Sagajewski: Wir wollen das Drumherum bei den Heimspielen noch besser machen. Die Auswärtsfahrten in den großen Bussen müssen zudem organisiert werden. Es ist ja nicht mehr so, dass wir einfach nur in ein Auto oder einen Kleinbus steigen und nach Aachen fahren, dort einfach ein bisschen Volleyball spielen und abends auf der Rückfahrt kurz einen Stopp im Schnellrestaurant machen.

Diese Zeiten sind also vorbei?

Sagajewski: Für diese Mannschaft sind diese Zeiten erst einmal vorbei (lacht). Und das soll auch möglichst so bleiben.

Nun geht es im ersten Spiel am 8. Oktober ausgerechnet zum Moerser SC. Das ist doch sicherlich etwas Besonderes, weil das schon ein großer Verein in der Vergangenheit war...

Sagajewski: Moers wurde 1992 Deutscher Meister mit Georg Grozer und Co., musste jedoch wegen finanzieller Dinge den Rückzug antreten. Jetzt wollen sie unbedingt zurück. Das wissen wir. Sie haben sogar dieses Jahr das Angebot erhalten, direkt in die 1. Liga zurückzugehen. Allerdings hätte dann die Mannschaft komplett ausgetauscht und die Teamsprache auf Englisch umgestellt werden müssen. Letztlich haben sie das dann nicht gemacht, aber sie wollen mit dem jetzigen jungen Team die Grundstruktur legen, um irgendwann wieder 1. oder 2. Liga zu spielen. Und das kurz- bis mittelfristig.

Bei Ihnen im TV Baden ist das dagegen eher langfristig anvisiert, oder?

Sagajewski: Bei uns eher langfristig.

Aber es ist schon ein bisschen im Hinterkopf?

Sagajewski: Was? Erste Liga?

Erst einmal die Zweite...

Sagajewski: Also, ich werde die Jungs nicht bremsen. Wir haben hier mittlerweile ein kleines, vierköpfiges Team um das Team herum, das sehr viel arbeitet. Die Jungs werden zudem immer besser, aufhalten werde ich solch einen Prozess nicht. Mit der Struktur eines TV Baden lässt sich das sicher nicht machen, aber der Förderverein im Hintergrund ist ja ziemlich aktiv.

Wenn wir in die Vergangenheit schauen: Der TV Baden war stets für seine Handballer bekannt. Was aber ist passiert, dass auch der Volleyball nun so boomt?

Sagajewski: Vor elf Jahren bin ich gefragt worden, ob ich mich nicht gesondert um ein paar Jungs kümmern könnte, die neben der Mixed- und der Damen-Mannschaft von Claudia Decker trainieren. Da war ein Han Wong (ehemals Canh Han Huynh, Anm. d. Red.) dabei, ein Erkan Kahraman, ein Björn Wellmann – und plötzlich hatten wir da zwölf Jungen in einem Alter von 17, 18 Jahren. Da habe ich mir gedacht: Okay, das mache ich mal. Ein Mal die Woche. Und daraus wurde irgendwie mehr, das flutschte gut zusammen, und wir haben abends nach dem Training immer noch etwas zusammen gemacht. Dann wurde es ein zweiter Trainingsabend, und als dann der Knoten platzte und wir aus der Bezirksklasse aufgestiegen sind, ging es ja sehr flott. Zwischendurch kam eine zweite Welle an jungen Spielern hinzu, sodass auf einmal eine Zweite Herren gegründet wurde, Werner Kernebeck kam als Trainer dazu, und dann platzte das – und wir marschierten durch die Ligen. Mit viel Glück natürlich.

Aber was haben diese Spieler mitgebracht? Warum gerade dieser kleine Kreis, der es so weit nach oben schafft? Das ist ja nicht alltäglich.

Sagajewski: Wir waren von Anfang an eine eingeschworene Gemeinschaft. Die Jungs haben unheimlich schnell einen großen Teamgeist entwickelt. Der Zusammenhalt war einfach eine Wucht.

Jan Kahrs: Mit dem richtigen Teamgeist ist auch der Wille da, sich weiterentwickeln zu wollen. Das ist der Grund, warum diese Mannschaft über Jahre hinweg wachsen konnte. Sie haben dabei auch gar nicht nach oben geguckt, sondern hatten einfach Bock zu spielen. In der Liga, in der sie waren – und das war halt ganz unten – wollten sie unbedingt gewinnen. Dabei haben sie gemerkt, dass sie sich entwickeln und stetig besser werden. Wenig später sind sie dann das erste Mal aufgestiegen. Und irgendwann kommen dann auch immer mehr interessierte Volleyballer von außerhalb hinzu.

Klaus Ostermann: Ausschlaggebend war natürlich auch unser goldener Jahrgang 97/98. Da haben sich hier in Baden ganz viele Jungs gefunden, die sich dann 2011 für die erste U14-DM qualifiziert haben. Von dem Moment an hieß es nur noch: ‚Wow, wir fahren zu Deutschen Meisterschaften.‘ Solch eine Ausnahmestellung, die hatte hier eigentlich kein anderer Verein. Das hat der Jugendarbeit noch einmal zusätzlich einen Schub gegeben.

Sagajewski: Wir hatten auch immer Spieler in den Bremer Landesauswahlen dabei, die mehrmals zum Bundespokal gefahren sind. Dort hatten sie sehr, sehr viel Erfolg, was eine sehr große spielerische Reife gegeben hat. Nutznießer sind wir jetzt.

Hat der Bremer Verband das eigentlich gern gesehen, dass plötzlich der TV Baden so weit vorne auftaucht, während die Vereine aus der Hansestadt etwas nach hinten rückten?

Sagajewski: Am Anfang war das ein harter Konkurrenzkampf mit Weyhe, dort kam die eine Fraktion her, 1860 hat da oben auch hingeschielt mit einer guten Jugendarbeit seinerzeit. Das waren natürlich Konkurrenz-Achsen, wo wir den Etablierten ein wenig ans Bein gepinkelt haben. Wenn man Lars Thiemann heutzutage hört, als ehemaligen Bremer Verbandspräsidenten und jetzigen Regional-Vorsitzenden, dann beschreit er es förmlich, dass wir die Vereine zentrieren müssen. Das Bisschen, was wir noch haben.

Im Landkreis gibt es aber keine Neider? Beispielsweise beim TV Verden, von wo jetzt Luca Ahrendt zu Ihnen gekommen ist?

Sagajewski: Die Nummer mit Luca ist unglücklich gelaufen. Eigentlich haben wir den Verdenern angeboten, dass sie komplett zu uns herüberkommen können mit ihrer Liga. Spielertrainer Thomas Heckel war eigentlich auch fast schon dafür, weil es dort personell auch aufgrund eines fehlenden Unterbaus weniger zu werden drohte. Wir hätten die Struktur komplett so gelassen, wie sie war. Das Team hätte lediglich in unseren Leibchen gespielt, und wir hätten eine Fluktuation innerhalb der Mannschaften hinkriegen können. Dann sollte es aber nicht sein, und dann kamen beide Ahrendt-Brüder (Luca und Rico, Anm. d. Red.) auf uns zu und fragten, ob sie zu uns kommen können. Das lief leider, leider parallel – und jetzt sieht es natürlich so aus, dass wir die Mannschaft nicht bekommen, dafür aber den besten Mann weggenommen haben. Dieses Bild kann ich nicht verändern. Ich kann nur sagen, dass es nicht so war.

Ostermann: Aber um es klar zu sagen: Es ist nicht unser Bestreben, nur Talente aus der Region hier zu uns zu holen und die anderen Vereine auszusaugen. Wir haben einen Förderverein gegründet und ihn bewusst ‚Förderverein Achim‘ genannt und nicht ‚Förderverein TV Baden‘, weil wir möchten, dass der Volleyball im gesamten Landkreis unterstützt wird.

Hat Luca Ahrendt denn das Zeug für die 3. Liga? Der Sprung aus der Landesliga ist ja schon ein gewaltiger.

Sagajewski: Er bringt alles mit. Den Willen, den Körper. Er hat den Nerv der Mannschaft gefunden und ist voll dabei. Ein ähnliches Beispiel ist Fynn Haverland, der einst aus der Bezirksliga kam. Ich habe sofort gesehen, dass er Talent hat. Er war damals 17 Jahre alt und nach einem halben Jahr bei uns im Stamm.

Kommen wir konkret auf die anstehende Saison zurück. Was ist sportlich für den TVB möglich?

Christina Plath: Es ist auf jeden Fall viel drin. Vom Potenzial her ist es realistisch, dass wir einen besseren Mittelfeldplatz anpeilen dürfen. Wir haben uns in der Vorbereitung gut geschlagen, letztlich müssen wir aber auch sehen, wie das mit der körperlichen Größe im Vergleich zu den anderen Mannschaften aussieht. Und dann müssen wir natürlich schauen, was so im Kopf geht.

Wie ist die 3. Liga denn genau einzuschätzen?

Plath: Das ist sehr gemischt. Bei Lüneburg II sind zum Beispiel immer Leute mit dabei, die sich anbieten wollen. Es gibt aber natürlich auch viele Mannschaften, die in dieser Konstellation schon lange zusammenspielen.

Sagajewski: Moers hat eine ganz junge Truppe, dort wird wie bei uns auf die Jugend gesetzt. Allerdings zum Teil auch auf Zukäufe, denn dort ist eine Menge Geld im Hintergrund. Lintorf ist dagegen eine ältere Mannschaft. Alt, aber eingespielt. Daher sage auch ich: Mittelfeld mit Blick nach oben.

Herr Sagajewski, Sie haben in der jüngeren Vergangenheit angedeutet, dass Sie sich nach und nach zurückziehen möchten. Ist das schon nach dieser Saison geplant?

Sagajewski: Das lasse ich mir offen. Den Zeitpunkt möchte ich bestimmen, wenn ich weiß, dass das Feld bereitet ist und ich mir sicher sein kann, dass es mit dem bisherigen Geist weitergeführt wird. Mit der Durchlässigkeit der Mannschaften, denn darüber sind wir auch sehr stark geworden. Wenn das hier weitergelebt wird, würde ich auch nicht aufhören, sondern das Management weitermachen und dort einspringen, wo es nottut. Auf lange Sicht kann man nie planen, aber ich weiß, dass ich hier immer dienen werde. Nach elf Jahren nutzt sich dennoch auch etwas ab. Ich merke, dass mein organisatorischer Anteil mittlerweile größer ist als der des Trainers in der Halle. Das ist nicht gut, vor allem für das Training nicht. Wenn ich selbst so viel Organisatorisches im Kopf habe, dann habe ich den Kopf für andere Dinge nicht frei. Ich suche seit mittlerweile zwei Jahren einen Trainerpartner und habe jetzt mit Christina endlich eine Komplizin gefunden, die das hier mit nach vorne treibt und genau die Lücke bedient, die ich lasse. Das ist eine hundertprozentige Ergänzung und Wechselwirkung. Wenn sie das dann in ein, zwei Jahren übernimmt, dann machen wir da einen Haken dran (lacht).

Frau Plath, mussten Sie denn lange überlegen, als die Anfrage aus Baden kam?

Plath: Sportlich war das für mich überhaupt keine Frage, da habe ich nicht überlegen müssen. Das war eine Ehre und ein Glücksfall, da gefragt zu werden. Ich war schließlich ein paar Jahre gar nicht großartig aktiv. Es ist eher ein zeitlicher Faktor. Ich arbeite in Vechta als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität mit Promotion. Daher bin ich da zeitlich relativ gut eingespannt. Sportlich macht es total viel Spaß. Ich kann noch viel lernen, kann aber auch total viel mit einbringen, glaube ich.

Blicken wir ein wenig in die Zukunft. Wie geht es mit dem TV Baden weiter?

Kahrs: Mittlerweile profitieren wir davon, dass die nächste Generation auch in der Halle steht. Viele Kinder von ehemaligen Spielern spielen jetzt ebenfalls Volleyball. Ohne dieses Weitergehen hätten wir keine Chance. Wenn wir nur diese eine Mannschaft hätten und dann nichts, dann würde spätestens in vier Jahren, wenn wirklich einmal zwei oder drei Spieler weggehen, hier einfach nichts mehr sein. Jetzt weiß man aber genau, dass durch die dritte, die vierte, die fünfte Mannschaft und die intensive Jugendarbeit auch in zehn Jahren noch eine Perspektive vorhanden sein wird. Spieler, die jetzt elf Jahre alt sind und da unten herangezüchtet werden, stehen in fünf Jahren genau an dieser Schwelle zum Perspektivspieler für die obere Mannschaft. Das ist ja genau das, was anderen Vereinen fehlt. Dort rauft man sich die Haare und sagt, dass es keine Jugendlichen mehr gibt – auch wegen schulischer Verpflichtungen am Nachmittag und so weiter.

Das Interview führten Malte Bürger und Florian Cordes.

Zur Person

Die Volleyballer des TV Baden sind in den vergangenen Jahren von Erfolg zu Erfolg geeilt. Nun sind sie Teil der 3. Liga. Die Saison beginnt für den TVB am Sonnabend mit einem Auswärtsspiel gegen den Moerser SC. Im Vorfeld sprechen Trainer Peter-Michael Sagajewski, Co-Trainerin Christina Plath, Team-Manager Klaus Ostermann und Physiotherapeut Jan Kahrs über die Gründe der Erfolgsgeschichte.
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