Interview über Behindertensport „Ich will kein Mitleid für die Sportler“

Verbandschef Friedhelm Julius Beucher spricht über strukturelle Probleme des Behindertensports, hinderliche Datenschutzbestimmungen und den deutschen Staat, der zu wenig Unterstützung leistet.
28.12.2019, 21:31
Lesedauer: 7 Min
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„Ich will kein Mitleid für die Sportler“
Von Jörg Niemeyer
Herr Beucher, in Dubai lief vor einigen Wochen die WM in der Para-Leichtathletik, in Berlin fand im November mit Bremer Beteiligung die B-WM im Para-Eishockey statt. Wie wichtig sind derartige Veranstaltungen für den Behindertensport?

Friedhelm Julius Beucher: Sie sind die Aushängeschilder, die einer breiten Öffentlichkeit zeigen, zu welch exorbitant starker Leistung Menschen mit körperlicher Einschränkung in der Lage sind. Wenn das dann noch auf Topniveau wie bei den angesprochenen Veranstaltungen betrieben wird, sagt man einfach nur: Was sind das für faszinierende Sportarten!

Sind Sie mit der medialen Aufmerksamkeit bei Para-Großveranstaltungen zufrieden?

Das ist noch ausbaufähig. Sie ist auf einem stetigen Weg nach oben, für mich aber zu langsam. Das hängt vielleicht auch mit meinem Alter zusammen, jetzt will ich schneller etwas bewegen. Ich erinnere mich an 1992, als ich als Bundestagsabgeordneter bei den Paralympics in Barcelona war. Ich kam mit Eindrücken von vollen Stadien und vielen Reportern nach Hause zurück, und meine Frau sagte mir: Ich habe nichts gesehen. Darüber wurde damals 30 Minuten in einer Gesundheitssendung des ZDF berichtet. Jetzt erwarten wir bei ARD und ZDF eine Sendezeit von über 60 Stunden live aus Tokio – ein gewaltiger Sprung.

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In den olympischen Sportarten sind Vorbilder insbesondere für die Nachwuchsgewinnung wichtig. In welchem Maße braucht der paralympische Sport Vorbilder?

Wir brauchen sie genauso wie im olympischen Sport. Aber die meisten von unseren Sportlern haben noch nicht einmal Autogrammkarten. Das müssen wir auch als Verband vorantreiben. Wir müssen Sponsoren finden. Das ist umso wichtiger, da wir Probleme haben, Nachwuchs zu finden. Es gibt viele junge Menschen mit Behinderung, auf die wir aber nicht mehr so zugreifen können wie früher, als sie in Sonder- oder Förderschulen unterrichtet wurden. Es ist ja gut, dass viele von ihnen inzwischen auf eine Regelschule gehen, aber der Datenschutz verhindert für uns den Zugang zu den jungen Menschen.

Der Datenschutz bremst Sie also aus?

Ja, am Datenschutz scheitern wir eigentlich immer. Wer uns Namen weitergibt, muss eigentlich vorher die Eltern gefragt haben. Da bleibt einiges auf der Strecke. Deswegen sage ich seit 2009, seitdem ich DBS-Präsident bin, den Sportministern der Länder immer wieder: Sprecht mit den Kultusministern, denn wir machen Inklusion nur halbherzig. Das geht auf Kosten der Schüler ohne und mit Behinderung, weil nicht genügend Personal bereitgestellt wird.

Und wie kommen Sie an Nachwuchs heran?

Solange wir keine aktiven Trainer oder Verbände vor Ort haben und wir von Sportlehrern keinen Tipp bekommen, dass es einen talentierten Sportler beispielsweise mit Prothese gibt, funktioniert das bislang leider eher nach dem Zufallsprinzip.

Keine schöne Situation.

Nein. Deshalb gibt es in einigen Landesverbänden Nachwuchsscouts. Das wünsche ich mir schnellstmöglich bundesweit.

Wer sind diese Scouts?

Das sind meistens sehr junge Übungsleiter mit Trainerlizenz, die aber wissen, worauf es im Behindertensport ankommt.

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Sichten die Scouts denn auch in den Schulen?

Das ist unterschiedlich. Leider ist der Rollstuhlfahrer in der Regelschule meistens der Riegenführer. Er hat seinen Tisch ja dabei und ist deshalb der Schreiber – auch weil es kaum Unterrichtsmodelle für inklusiven Sportunterricht gibt. Erst allmählich findet die Inklusion in der Sportlehrerausbildung Berücksichtigung.

In Anlehnung an das olympische Team Deutschland hat sich die Deutsche Paralympische Mannschaft Ende August umbenannt in Team Deutschland Paralympics. Warum?

Es geht um ein einheitliches Auftreten der Sportler, die Deutschland vertreten – egal ob olympisch oder paralympisch. Deshalb haben beide Teams das gleiche Team-D-Logo, zum Unterscheiden einmal mit den Olympischen Ringen und einmal mit dem Symbol des Internationalen Paralympischen Komitees.

Gab es da auch werbestrategische Überlegungen?

Ja, der Wunsch kam auch von den Sponsoren, aber noch stärker von den Athleten selbst.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Behindertensport stark davon profitieren würde, wenn in einer Sportart WM und Para-WM zeitgleich ausgetragen würden. Was halten Sie von gemeinsamen Veranstaltungen?

Beispielsweise im Kanu, Rudern, Badminton oder Reiten gab es bereits gemeinsame Welt- und Europameisterschaften. Mit Blick auf Olympia und Paralympics sage ich: Gemeinsam und am gleichen Ort ja, aber hintereinander und nicht zeitgleich. Denn kein Land dieser Welt wäre in der Lage, Spiele über vier bis fünf Wochen auszutragen.

Warum nicht?

Da würde nicht nur ein Veranstalter an seine Grenzen kommen, sondern auch die Sportverbände, die die Aktiven begleiten müssten. Die professionellen Trainer können nicht all die ehrenamtlich oder auf Honorarbasis tätigen ersetzen. Ich bin froh, dass bis 2032 geregelt ist, dass die Ausrichterstadt für Olympia und Paralympics die gleiche ist. Die Trennung sichert uns zum einen ausreichend behindertengerechte Hotels und Sportstätten und zum anderen die Exklusivität unserer Veranstaltung sowie mediale Aufmerksamkeit.

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Obwohl die Leistungen von Behindertensportlern im Breiten- und im Leistungssport denen der nicht behinderten Sportler kaum nachstehen, hält sich das Zuschauerinteresse oft in engen Grenzen. Woran liegt das?

Wer Behindertensport auf Leistungsniveau einmal gesehen hat, will ihn immer wieder sehen. Aber wir kommen leider, wie erwähnt, noch nicht häufig genug in der Berichterstattung vor. Ich will aber gar keine eigene Fernsehübertragung. Für uns ist es viel besser, wenn wir als Beispiel in einer Biathlon-Übertragung mit Millionenpublikum zehn Minuten Sendezeit bekommen. Das wird zum Glück von ARD und ZDF immer mehr so praktiziert, aber leider berichten die privaten Sender kaum noch über uns. Die halten sich auffällig zurück.

Ich gestehe, dass auch in unserer Zeitung und unserem Internet-Auftritt der Behindertensport nur eine eher kleine Rolle spielt. Sie können jetzt gern mal Dampf ablassen.

Er findet zu wenig, jedoch immer mal wieder statt – auch jetzt mit diesem Interview. Aber es stimmt: Wir fallen leider oft durchs Rost. Trotzdem höre ich nicht auf, für den Behindertensport zu werben. Ich will kein Mitleid, sondern Respekt für die Leistung der Sportler. Aber Teilhabe und Inklusion sind nicht nur Aufgabe der Behindertensportverbände, sondern der gesamten Gesellschaft. Die Teilhabe will ich erkämpfen. Doch wenn ich sehe, dass fast die Hälfte der Menschen mit Behinderung keinen Sport betreibt, muss ich feststellen, dass unsere Leuchtturm-Veranstaltungen auch nach innen nicht stark genug leuchten.

Deutschlandweit hatte der DBS Ende 2018 in 6367 Vereinen gut 560 000 Mitglieder. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Bremens. Gleichwohl muss ein Bremer, der beispielsweise Rollstuhl-Basketball spielen möchte, ins benachbarte Achim fahren. Wie sehr leidet der DBS-Präsident darunter, dass es im Behindertensport nur sehr eingeschränkte Betätigungsmöglichkeiten für die Sportler gibt?

Das fängt schon an mit der überwiegend fehlenden Barrierefreiheit in den Sportstätten. Der Aufwand für Menschen mit Behinderung, Sport zu treiben, ist ungleich höher als für Menschen ohne Behinderung. Dieser Mangel erklärt sich auch dadurch, dass es nicht so viele Menschen mit Behinderung gibt. Daher ist es gar nicht möglich, in Deutschland flächendeckend geeignete Sportstätten vorzuhalten.

Aber ein paar mehr könnten es doch sein...

Manche Para-Eishockeyspieler fahren bis zu 400 Kilometer, um vernünftig trainieren zu können. Die Rollstuhl-Basketballer des TV Kleinwiedenest in meiner Heimatstadt Bergneustadt stammen aus einem Umkreis von 60 Kilometern. Wo es nicht genügend Menschen gibt, gibt es auch keinen Sportverein. Da sollten sich Regelsportvereine mehr den Strukturen des Behindertensports öffnen

Kann denn jeder Sportverein Angebote für Behinderte machen?

Die Landessportbünde regeln eine Doppelmitgliedschaft in LSB und DBS. Aber das Entscheidende ist die Übungsleiterfrage. Der Trainer im Behindertensport benötigt eine Zusatzausbildung. Das Problem: Bundesweit fehlt es entweder an der geeigneten Sportstätte oder am geeigneten Übungsleiter.

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Wie lässt sich diese Situation verbessern?

Neubauten werden ja inzwischen behindertengerecht gebaut. Aber die Kommunen müssten kurzfristig bestehende Hallen umbauen. Das ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, denn wir haben in Deutschland eine nicht zu verantwortend hohe Zahl von Menschen mit Behinderung, die keinen Sport machen. Der Mensch mit Behinderung, der keinen Sport treibt, hat in aller Regel größere gesundheitliche Probleme als derjenige ohne Behinderung. Da sehe ich die Gesamtverantwortung des Staates, da muss er Abhilfe schaffen.

Die überwiegende Trennung von Sport- und Behindertensportvereinen macht die Situation aber nicht einfacher.

Sport muss auch für Menschen mit Behinderung ortsnah und vielfältig angeboten werden, das darf nicht an unterschiedlichen Strukturen scheitern. Regelsportvereine haben eine viel größere Dichte, mit ihnen müssen wir mehr Kooperationen eingehen.

Die Fragen stellte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Friedhelm Julius Beucher (73) ist seit 2009 Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS). Der ehemalige Lehrer und Schuldirektor aus dem Oberbergischen Kreis war von 1990 bis 2002 für die SPD Mitglied im Deutschen Bundestag.

Info

Zur Sache

Die Geschichte der Paralympischen Spiele

Im Wettkampf- und Leistungssport wurde früher in verschiedenen Klassen nach der Art der Behinderung unterschieden, heute nach der funktionellen Auswirkung der beteiligten Sportler. Analog zu den Olympischen Spielen gibt es für Sportler mit körperlichen Behinderungen die Paralympischen Spiele, die jeweils nach den Olympischen Spielen stattfinden. Der Begriff Paralympics war zuerst eine Zusammenführung aus den englischen Wörtern Paraplegic (gelähmt) und Olympic. Damit auch Menschen mit anderen Behinderungen an den Spielen teilnehmen konnten, wurde die Wortbildung neu definiert und wird jetzt auf die griechischen Worte Para (neben) und Olympics zurückgeführt, um die Nähe zur olympischen Bewegung auszudrücken. 1960 fanden die ersten „Weltspiele der Gelähmten“ in Rom statt, allerdings erst nach den Olympischen Sommerspielen. 400 Athleten aus 21 Nationen, zumeist Rollstuhlsportler, nahmen teil. Seitdem finden die Paralympics alle vier Jahre kurz nach den Olympischen Spielen statt. Die Teilnehmer werden in denselben Unterkünften wie die Olympioniken untergebracht, auch die Wettkämpfe finden an denselben Wettkampfstätten statt.

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