Vor der Handball-WM der Männer

Im Interview: Der Bremer Finn Lemke und seine Chancen

„Ich habe ein gutes Gefühl“, sagt der 26-Jährige, der bei der HSG Schwanewede/Neuenkirchen das Handballspielen erlernt hat und nun hofft, zum endgültigen WM-Kader zu gehören. Am Sonntag fällt die Entscheidung.
03.01.2019, 18:54
Lesedauer: 3 Min
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Im Interview: Der Bremer Finn Lemke und seine Chancen
Von Jörg Niemeyer
Im Interview: Der Bremer Finn Lemke und seine Chancen

Ist seit genau fünf Jahren Nationalspieler: Finn Lemke (links), hier in einem Bundesligaspiel "seiner" MT Melsungen gegen die SG Flensburg/Handewitt mit Lasse Svan.

Sippel/Eibner

Ist der 3. Januar für Sie ein besonderer Tag?

Finn Lemke (nach längerer Bedenkzeit): Nee. Warum?

Am 3. Januar 2014 haben Sie gegen Österreich Ihr Länderspieldebüt gefeiert.

Das war der 3. Januar? Kommt hin.

Inzwischen haben Sie 66 Länderspiele auf dem Buckel und sind 2016 Europameister geworden. Was sagen Sie über Ihre Karriere?

Es lief mit Tiefen und Höhen bisher sehr gut für mich. Hoffentlich kommen noch einige Länderspiele dazu.

Aber mit fünf Jahren Länderspielerfahrung kann man wohl von keiner Eintagsfliege mehr sprechen, oder?

Ich sehe mich schon, im Vergleich zum ersten Jahr, als Teil der Nationalmannschaft.

Nun wollen mehr als 10 000 Zuschauer in Hannover das WM-Testspiel gegen Tschechien sehen. Wie groß ist die WM-Euphorie im Team?

Seitdem die Bundesliga Pause hat, liegt der Fokus klar auf der WM. Alle freuen sich, jetzt noch mal ein bisschen Vor-WM-Stimmung aufzuschnappen.

Und wie ist die Stimmung des einzigen Bremers im Kader?

Super! Ich freue mich riesig, zu spielen. Bremen wäre noch schöner gewesen, aber Hannover ist auch relativ nahe dran für meine Familie aus Bremen und meine Frau aus Kassel.

Ein gutes Stichwort: Inzwischen haben Sie in Kassel eine eigene Familie. Sie haben geheiratet und sind seit sechs Monaten auch Vater eines Sohnes.

Ja, und ich freue mich immer, vor ihren Augen zu spielen.

Was bedeutet Ihnen die WM im eigenen Land?

Ganz viel. Als Deutschland den WM-Zuschlag erhielt, hat man als Spieler ja schon auf die Teilnahme geschielt. Das letzte Jahr lehrt mich aber auch, so lange zu warten, bis der endgültige Kader bekannt gegeben wird.

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Bei der EM waren Sie zunächst nicht dabei.

Ja, genau. Nun gilt es für mich, die letzten Testspiele noch möglichst gut zu bestreiten.

Bundestrainer Christian Prokop wird noch zwei Spieler aus dem aktuellen 18er-Kader streichen. Wie groß sind die Chancen, dass Sie bei der Heim-WM dabei sind?

Ohne überheblich wirken zu wollen: Ich habe ein gutes Gefühl. Aber ich muss noch gute Trainingseinheiten und Testspiele zeigen.

Die EM 2018 war aus deutscher Sicht eine einzige Enttäuschung, das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft war angespannt. Der Trainer hat Fehler eingeräumt, es hat Aussprachen gegeben. Wie ist das Verhältnis jetzt?

Deutlich besser. Ich bin aber auch ein Fan davon, eine Talfahrt gemeinsam durchzustehen und sich da rauszukämpfen. Wir haben im vergangenen Jahr alle sehr sehr viel gelernt und können beim Turnier darauf zurückgreifen.

Was macht der neue Christian Prokop jetzt besser als der alte?

Was geblieben ist, ist seine Akribie. Das hat er vorher schon überragend gemacht, Gegner und auch uns zu analysieren. Ich glaube, dass beim Trainer die Anspannung weg ist, die beim Antritt eines neuen Postens normal ist.

Der Bundestrainer betrachtet die WM für sich als zweite Chance. Sieht die Mannschaft das für sich nach der EM 2018 auch so?

Ich sehe das nicht als zweite, sondern als Riesenchance, die wir für den Handball in Deutschland nutzen können. Wir wollen erfolgreich sein, aber ich messe Erfolge nicht nur daran, ob wir punkten.

Aber letztlich zählen doch nur die Punkte.

Ja, aber für mich zählt auch, wie wir Handball spielen und wie wir uns präsentieren.

Das Erreichen des Halbfinales in Hamburg wäre doch ein schönes Ziel, oder?

Klar. Aber mein Ziel ist, dass wir zu jedem Zeitpunkt des Turniers unseren bestmöglichen Handball spielen.

Wie ist das zu verstehen?

Wenn wir erstens ein gutes Torwartspiel in Verbindung mit der Abwehr zeigen, zweitens wenig technische Fehler im Angriff machen und drittens mehr Tempotore als der Gegner erzielen, stellen sich Erfolge automatisch ein.

Wie viel Rückenwind gibt der Heimvorteil?

Sehr viel. Das Publikum trägt uns, wenn wir gut spielen und eine gute Körpersprache haben. Aber ganz wichtig ist auch die Anwesenheit der Familie. Der Blick zu Frau und Kind spornt mich, wenn es nötig ist, wieder an.

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Das lenkt nicht ab, sondern motiviert eher?

Ja, so kenne ich das von unseren Heimspielen mit der MT Melsungen.

Ihr Team startet in der Gruppe A am 10. Januar gegen Korea. Der zweite Gegner heißt Brasilien, erst danach kommen Russland, Frankreich und Serbien. Ein Spielplan, um gut ins Turnier hineinzukommen?

Korea ist als Gegner schwer einzuschätzen, aber ein Sieg sollte für uns Pflicht sein. Danach kommen die Teams, die unserem Spielstil ähnlicher sind. Grundsätzlich ist mir die Reihenfolge aber egal.

Das hätte ich nicht gedacht.

Schlagen muss man sowieso alle – zum Anfang oder zum Ende. Um sich als Team zu finden, dienen die Vorbereitung und Testspiele.

Wer sind für Sie die Topfavoriten auf den Titel?

Frankreich, Spanien und Dänemark.

Und Deutschland?

Gehört zum erweiterten Kandidaten-Kreis.

Die Fragen stellte Jörg Niemeyer.

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Zur Person

Finn Lemke (26)

hat das Handballspielen bei der HSG Schwanewede/Neuenkirchen erlernt und gehört nach Bundesliga-Stationen beim TBV Lemgo (2011-2015) und beim SC Magdeburg (2015-2017) in der zweiten Saison zum Team der MT Melsungen. Der 2,10 Meter große, linke Rückraumangreifer Lemke gilt als einer der besten Abwehrspieler Deutschlands.

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