Sein erstes Tor für Werder hat für Florian Kainz wenig verändert – das konnte und musste es aber auch nicht Immer weitermachen

Bremen. Ein Tor im Bundesliga-Spiel gegen RB Leipzig, eine Vorlage im Testspiel gegen den VfB Oldenburg – die vergangenen Tage waren die schönsten in dem Dreivierteljahr, das Florian Kainz inzwischen bei Werder ist. „Es war eine gute Woche für mich“, sagt der Offensivspieler.
24.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Nikolai Fritzsche

Bremen. Ein Tor im Bundesliga-Spiel gegen RB Leipzig, eine Vorlage im Testspiel gegen den VfB Oldenburg – die vergangenen Tage waren die schönsten in dem Dreivierteljahr, das Florian Kainz inzwischen bei Werder ist. „Es war eine gute Woche für mich“, sagt der Offensivspieler. Ein „sehr schönes Gefühl“ sei das gewesen, als er sein erstes Tor für Werder erzielt habe, „etwas ganz Besonderes, noch dazu vor eigenem Publikum“. Es gibt aber auch Zahlen, die unmittelbar deutlich machen, dass es viel zu früh ist, von einem Durchbruch des 24-Jährigen zu sprechen: Die 90 Minuten, die Kainz beim Testspiel gegen Oldenburg auf dem Platz stand, sind mehr als seine gesamte bisherige Spielzeit in der Bundesliga. Kainz ist zwar schon siebenmal eingewechselt worden, hat dabei insgesamt aber erst 67 Minuten gespielt.

An seiner Joker-Rolle wird das Tor nichts ändern. Kainz sieht das ganz realistisch. In erster Linie sei der Treffer wichtig für ihn selbst gewesen, das heißt: für sein Gefühl, für sein Selbstvertrauen. Aber er weiß selbst, dass es seine Chancen auf Startelf-Einsätze nicht entscheidend vergrößert hat. Man dürfe nicht vergessen, dass er „riesige Konkurrenz“ habe. Seine Einsatzchancen hingen stark davon ab, ob Serge Gnabry fit sei. „Das weiß ich auch, aber ich versuche einfach, meine Leistung zu optimieren und alles dafür zu tun, dass ich von Anfang an spiele.“ Er sei „bereit“, sagt Kainz.

Bereit sein – das ist derzeit seine Aufgabe bei Werder. Und diese Aufgabe erfüllt Kainz seit einigen Wochen deutlich besser als noch zu Anfang seiner Zeit in Bremen. Der Österreicher akzeptiert seine Rolle: „Wenn ich von Anfang an spiele, freue ich mich und gebe mein Bestes. Wenn ich von der Bank komme, gebe ich auch mein Bestes.“ Denn dass er das darf, von der Bank kommen, ist für Kainz schon ein Fortschritt. Nach dem Wechsel von Rapid Wien zu Werder stand er in der Hinrunde oft nicht einmal im Kader. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es für mich so schlecht läuft, wie es im Herbst der Fall war“, sagt er.

Inzwischen wird er regelmäßig eingewechselt, und man merkt ihm an, wie gut es ihm tut: dieses Gefühl, wirklich zur Mannschaft zu gehören, zumindest zu den 18 Profis, deren Namen auf dem Spielberichtsbogen auftauchen. „Ich bin viel näher an die Mannschaft rangerückt“, sagt Kainz. „Ich habe das Gefühl, dass ich auch ziemlich nah an der Startelf bin“. Bei einem anderen Spieler könnte man diesen Satz als Kampfansage deuten. Bei Florian Kainz nicht. Er meint damit nicht, dass er drauf und dran ist, in die erste Elf zu rutschen. Sondern dass er inzwischen die erste Wahl ist, wenn ein Einwechselspieler für das offensive Mittelfeld gesucht wird.

Bei früheren Gesprächen konnte man den Eindruck bekommen, dass Kainz ein bisschen unsicher ist. Weil er leise spricht, vor seinen Antworten öfter mal ein bisschen überlegt. Nun, da er sich Schritt für Schritt herangekämpft hat, drängt sich der Eindruck auf, dass das, was wie Unsicherheit wirkte, vielleicht eher Unaufgeregtheit war. Trainer Alexander Nouri habe ihm gesagt, dass er gut trainiere und „noch ein bisschen Geduld haben muss“. Dass Kainz diese Geduld aufgebracht hat und auch jetzt aufbringt, zeugt von einer bescheidenen, aber auch sehr beharrlichen Persönlichkeit.

„Wenn es nicht gut läuft, muss man ruhig bleiben“, sagt Kainz. „Das ist mir ganz gut gelungen.“ Natürlich sei er enttäuscht gewesen, als er nicht eingesetzt wurde. „Aber dann ist am nächsten Tag wieder Training und dann muss man sich wieder beweisen. So sehe ich das – und ich glaube, das ist die richtige Einstellung.“ Jeder Spieler müsse selbst wissen, wie er mit schwierigen Situationen umgehe. „Für mich gibt es da nur den Ansatz, dass ich weiter trainiere und auf meine Chance warte.“ So hätten es ihm auch die erfahrenen Mitspieler geraten, mit denen er oft das Gespräch suche: „Immer weitermachen.“

Einer, mit dem Kainz besonders viel spricht, ist Zlatko Junuzovic. „Er ist auf jeden Fall ein Vorbild für mich.“ Auch Junuzovic habe nach seinem Wechsel aus Österreich zu Werder eine schwierige Zeit gehabt, auch wenn er von Anfang an regelmäßig spielte. Bei Kainz’ Wechsel nach Bremen habe Junuzovic zwar keine Rolle gespielt, inzwischen hätten die beiden aber viel Kontakt: „Er ist ein Freund von mir geworden.“ Nach seinem ersten Treffer für Grün-Weiß erlebte Kainz auch etwas, was für Junuzovic normal ist: „Nach dem Tor sind einige Interview-Anfragen gekommen, auch aus der Heimat.“ Vorher sei das Interesse an ihm nicht so groß gewesen: „Es gab ja noch nicht viel zu schreiben.“

Es wäre untertrieben, zu sagen, dass Kainz nach seinem ersten Tor für Werder auf dem Boden geblieben ist. Er wirkt zwar ein kleines bisschen lockerer als noch vor einigen Wochen, er sagt: „Jetzt, nach einem Tor, ist es natürlich einfacher, Interviews zu geben.“ Aber Kainz, der auf dem Platz mutig nach vorn drängt, bleibt im Gespräch extrem zurückhaltend. Er geht nicht einmal so weit, einem Reporter zuzustimmen, der Kainz’ lange Eingewöhnungsphase bei Werder jetzt, nach seinem ersten Treffer, für beendet erklärt. „Mit Aussagen bin ich immer vorsichtig“, sagt er. Nur so viel: „Ich versuche, den positiven Schwung und das Selbstvertrauen mitzunehmen“.

So, wie Kainz es sieht, ist dieses Tor, mit dem er gegen RB Leipzig kurz vor dem Abpfiff das 3:0 erzielt hat, also nur der nächste kleine Fortschritt auf seinem langen Weg vom Stammspieler in Wien zum Stammspieler bei Werder. Wann die kleinen Fortschritte zum großen Fortschritt, dem Sprung in die Startelf, führen, ist für Kainz nicht so wichtig. Jedenfalls sagt er das: „Ich habe mir keine Frist gesetzt, wann es soweit sein muss.“ Für den Moment scheint ihm das Gefühl zu genügen, dass es – wenn auch langsam – vorangeht.

„Wenn es nicht gut läuft, muss man ruhig bleiben. Das ist mir gelungen.“ Florian Kainz
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