Fußball

In einer größeren Fußballwelt

Im Sommer verließ Dennis Offermann den Brinkumer SV, um beim VfB Oldenburg in der Regionalliga Nord Co-Trainer zu werden. Ein Schritt, der sich für ihn ausgezahlt hat, wie er verrät.
18.01.2020, 00:49
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup
In einer größeren Fußballwelt

Gibt an der Seitenlinie alles für den VfB Oldenburg: Dennis Offermann. Im Hintergrund Cheftrainer Alexander Kiene.

Fabian Speckmann

Bremen/Oldenburg. Über den Jahreswechsel gönnte sich Dennis Offermann Urlaub. Einfach mal raus. „Familienzeit kommt ja doch ein bisschen kurz“, sagt der 39-Jährige. Seit er im vergangenen Sommer vom Fußball-Bremen-Ligisten Brinkumer SV zum Regionalligisten VfB Oldenburg gewechselt ist, um dort an der Seite von Alexander Kiene Co-Trainer zu werden, gilt das sogar noch ein bisschen mehr. Fünfmal pro Woche trainiert der VfB, am Mittwoch und am Sonnabend auch vormittags. Dazu kommen die Spiele am Wochenende, die bei Reisen wie nach Flensburg schon mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Fußball nimmt einen noch größeren Teil in Offermanns Leben ein. So groß, dass er auf den ersten Blick nicht zu beneiden ist, wenn er von der Arbeit als Projektleiter bei einer Bremer Werbeagentur ins Auto steigt und direkt nach Oldenburg fährt, um pünktlich um 18 Uhr auf dem Trainingsplatz zu stehen. Doch Offermann ist weit davon entfernt zu jammern. „Ich wollte es ja so“, sagt er – und kann für sich nach dem ersten Halbjahr beim Traditionsklub aus der Huntestadt festhalten: „Für mein Trainerdasein ist es absolut die richtige Entscheidung gewesen.“

Offermanns Abgang in Brinkum kam im Juni plötzlich und wegen seiner Zusage, in der neuen Saison zu bleiben, vor allem überraschend. „Das war sicher nicht vorbildlich“, gibt der Trainer zu. „Aber es gab auch den einen oder anderen, der es verstanden hat.“ Denn spätestens auf den zweiten Blick wird klar: Der VfB ist eine ganz andere Nummer als der Brinkumer SV, aber auch als der TSV Etelsen oder der TB Uphusen – die Klubs, bei denen Offermann zuvor als Coach gearbeitet hat. Oldenburg ist eine Chance für ihn. „Es gibt andere Bedingungen, andere Voraussetzungen, andere Stadien. Fast alles ist größer. Wir machen zum Beispiel zweimal in der Woche Videoanalysen in der Nachbesprechung des letzten Spiels und in der Vorbereitung auf das nächste. Die Art der Arbeit ist auf einem anderen Niveau – und das ist in keinem Fall despektierlich gegenüber Brinkum, Uphusen oder Etelsen gemeint. Ich darf jetzt andere Blickwinkel und Herangehensweisen kennenlernen. Für meine persönliche Entwicklung ist das wichtig. Das bringt mich weiter“, sagt der DFB-Elite-Jugend-Lizenzinhaber, der alsbald die A-Lizenz in Angriff nehmen will.

Alles andere als ein Hütchenaufsteller

Zum ersten Mal ist Offermann nicht Chef-, sondern Co-Trainer. Die Arbeit in erster Reihe, da ist er sich sicher, könnte man mit einem Vollzeitjob, wie er ihn hat, gar nicht erfüllen. Seinen Partner Kiene, ehemaliger Trainer des BSV Rehden und TSV Havelse sowie Hospitant bei Werder Bremen, schätzt er sehr. Beide kennen sich seit Jahren. 2008 stiegen sie mit der Spielvereinigung Preußen Hameln in die Oberliga auf – Kiene als Coach, Offermann als Mannschaftskapitän. Beim VfB bilden beide nun wieder ein Duo. „Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend. Was den Fußballgedanken angeht und unsere taktischen Ideen, sind wir auf einer Ebene.“ In der externen Kommunikation und vor der Mannschaft aber sei Kiene, der Fußballlehrer, der Chef. Als Mann der zweiten Reihe fühlt sich „Offer“, der als Spieler an die Tür zum Profitum klopfte, aber nicht. „Nur als Hütchenaufsteller wäre ich auch nicht zum VfB gegangen“, fordert er auch als Co-Trainer einen gewissen Gestaltungsspielraum ein. Und den gewährt ihm Kiene. „Er hört meine Meinung, wir diskutieren auf Augenhöhe. Ich bin komplett in die Trainingsarbeit integriert und kann eigene Ideen einbringen. Das macht einfach Spaß.“ Die Verbindung zwischen den Trainern stimmt. „Je höher man kommt und je professioneller es wird, desto wichtiger ist das Vertrauen untereinander“, weiß Offermann.

Ein Verein voller Tradition

Desto größer sind aber auch der Druck und die Erwartungshaltung. Auch in dieser Hinsicht ist der VfB, ist aber auch die Regionalliga im Allgemeinen ganz anders als das, was Offermann aus Brinkum, Etelsen und Uphusen kennt. Das Auswärtsspiel beim VfB Lübeck im September lief montags zur Primetime im Free-TV bei Sport1. Bundesweit konnten Fußballfans die Arbeit von Kiene und Offermann beobachten. „Das ist eine ganz andere Erfahrung, die aber Spaß macht“, sagt der 39-Jährige. Ihm hat sich mit seinem Wechsel die Tür zu einer etwas anderen, größeren Fußballwelt geöffnet. Schließlich kennt in Norddeutschland wohl jeder Fan den VfB Oldenburg: In den 90er Jahren spielten die Huntestädter mehrere Jahre in der 2. Bundesliga, Trainer war unter anderem der Ex-Werderaner Wolfgang Sidka, an seiner Seite der legendäre Manager Rudi Assauer. Auf dem Platz standen in dieser Zeit zum Beispiel Mirko Votava und Torwart Hans Jörg Butt. Große Namen, die rund um den VfB niemand vergessen hat. Die Zweitliga-Zeiten sind jedoch nicht nur ein Teil der Historie des Klubs. Sie schüren auch die Erwartungen und Hoffnungen. Der Geist der Vergangenheit umgibt das Marschweg-Stadion. „Das spürt man natürlich. Der VfB Oldenburg ist ein Traditionsverein. Wir haben bei jedem Heimspiel mindestens 1000 Fans. Das ist schon beeindruckend“, schwärmt Offermann. Läuft es gut, ist Oldenburg eine Stadt, die eine große Fußballbegeisterung entwickeln kann. Läuft es nicht, fällt die Kritik umso lauter aus. In sportlich zuletzt enttäuschenden Spielzeiten, die die Oldenburger bestenfalls als Achter abschlossen, hielten sich nicht viele Trainer allzu lange. Die Geduld mit Coaches ist auch in der vierten Liga endlich.

Den VfB nach vorn bringen

31 Punkte haben Kiene und Offermann mit ihrem Team in 22 Spielen gesammelt, auch die Heimbilanz mit sechs Siegen aus zehn Begegnungen ist ansprechend. „Wir haben schon etwas bewegt“, findet Offermann – zumal die Bedingungen aufgrund der späten Verpflichtung des Trainerteams und darüber hinaus auch einiger Spieler nicht die einfachsten waren. „Unser Weg ist zu erkennen: Wir richten uns wenig nach dem Gegner aus, auch nicht nach Spitzenmannschaften wie Lübeck oder Wolfsburg II. Wir wollen unsere Idee durchziehen, aus eigenem Ballbesitz schnell in die Tiefe spielen und das Spiel aktiv gestalten. Die Art und Weise, wie wir spielen, kann viele begeistern“, sagt Offermann. Trotzdem sei Platz zehn, auf dem die Huntestädter überwintern, „von außen betrachtet, nicht das, was wir wollen“. Der Rückstand auf das obere Drittel, das mit der zweiten Mannschaft des SV Werder Bremen auf Rang sechs beginnt, beträgt allerdings nur vier Punkte. In Abstiegsnöte kann der VfB dagegen kaum noch geraten. Und so richtet sich der Blick des Vereins und der Offermanns nach vorn. „Wir wollen uns dauerhaft in Richtung oberes Drittel orientieren“, bekräftigt Letzterer. Leicht werde das nicht. „Allein die zweiten Mannschaften der Bundesligisten trainieren auf Profiniveau. Die anderen Vereine müssen einen großen Aufwand betreiben, um da mithalten zu können. Wir wollen eine Basis schaffen, um den Verein nach vorn zu bringen.“

Brinkums Aufschwung überrascht „Offer“ nicht

Dafür, dass es mit dem VfB Oldenburg vorangeht, arbeiten Kiene und Offermann eng zusammen. „Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht telefonieren, meistens sogar häufiger als einmal“, glühen die Leitungen auch abseits des Trainingsbetriebs. Beide wollen langfristig zusammenarbeiten und es als Duo in den Profifußball schaffen. Was bei seinen ehemaligen Vereinen passiert, kann Offermann bei dem großen Pensum meist nur aus der Ferne verfolgen. Mit seinem Brinkumer Nachfolger Mike Gabel aber telefoniert er noch regelmäßig. Vor Ort ist er dagegen nur selten. Immerhin besuchte er die Spiele beim Bremer SV und gegen die SG Aumund-Vegesack. Der Aufwärtstrend der Elf vom Brunnenweg wundert ihn nicht, „weil Mike sehr akribisch arbeitet und ein super Netzwerk hat. Dank ihm hat die Mannschaft qualitativ im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Der Umbruch hätte mit mir wahrscheinlich nicht in der Kürze der Zeit stattgefunden.“ So könnten vielleicht auch die Brinkumer seinem Abgang im Sommer etwas abgewinnen. In erster Linie gelten Offermanns sportliche Gedanken aber dem VfB. Dort warten eine arbeitsreiche Vorbereitung und Rückserie auf ihn. Es gilt, die Resultate der Vorrunde zu bestätigen – mindestens. Offermanns fußballerische Zukunft bleibt also intensiv. Jammern wird er deswegen auch weiterhin nicht. Im Gegenteil: Genau das hatte er sich gewünscht.

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