„Es fehlt das Selbstvertrauen“

Interview mit der Trainerin von Werders 1. Frauenmannschaft

Carmen Roth trainiert die 1. Frauenmannschaft von Werder Bremen. Jüngst gab es eine 0:4 Heimspielniederlage gegen Potsdam. Dennoch bescheinigt die Trainerin ihrem Team eine Leistungssteigerung.
27.10.2018, 21:12
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Freye

Carmen Roth, trotz der jüngsten 0:4-Heimpleite gegen Potsdam bescheinigen Sie ihrem Team eine Leistungssteigerung. Wie frustrierend muss die Saison verlaufen, wenn Sie nach einem solchen Spiel Fortschritte ausmachen?

Carmen Roth: Natürlich sind wir nicht zufrieden. Und vor allem hat uns das Ergebnis in dieser Höhe nicht gefallen. Das eine oder andere Tor hätten wir nicht bekommen müssen, wenn wir konsequenter verteidigt hätten. Aber man muss auch sehen, dass wir dennoch über weite Strecken gegen den Ball gut gearbeitet haben. Und wir haben uns getraut, nach vorn zu spielen. Von außen betrachtet klingt das vielleicht komisch, aber wir müssen genau diese kleinen Schritte machen, um uns auch Selbstvertrauen zu holen.

Was sagen Fortschritte bei einer 0:4-Niederlage über den Zustand der Mannschaft aus?

Das Team weiß selbst, dass es ein Prozess ist und wir in einer schwierigen Phase sind. Es ist hart, wenn du alles gibst – zumal in einer englischen Woche – und dann doch verlierst. Fehler, wie wir sie gemacht haben, werden von Teams wie Potsdam gnadenlos bestraft. Dann ist es auch nicht leicht, den Kopf oben zu behalten – wie es vielleicht bei einem 0:2 noch der Fall wäre. Aber wir haben die Mentalität, uns wieder aufzurichten.

Beim 0:4 in Hoffenheim am letzten Wochenende haben wir kein gutes Spiel gemacht. Dennoch sind wir gegen Potsdam auf den Platz gegangen und haben ein gewisses Selbstbewusstsein und eine mutige Körpersprache an den Tag gelegt. Sonst hätten wir bis zum ersten Gegentreffer nicht so gut dagestanden. Deshalb bleibe ich dabei: Wer das Hoffenheim-Spiel gesehen hat, weiß, dass wir uns gegen Potsdam verbessert haben.

Nach dem 3:0 zum Auftakt in Mönchengladbach gelang Ihrer Mannschaft kein Torerfolg mehr. Daneben kassierte sie 15 Gegentore in den fünf sich anschließenden Niederlagen. Was beschäftigt Sie derzeit eigentlich mehr: Die Defensive oder die Offensive?

Letztlich ist es immer ein Zusammenspiel von allen Mannschaftsteilen, das sich auf beides auswirkt. Wenn man so viel arbeitet und doch Gegentore bekommt, muss man etwas abstellen – und zwar die individuellen Fehler, die bei uns oft zu Gegentoren führen. Zur Offensive habe ich im letzten Jahr gesagt, dass wir immer für ein Tor gut sind. Im Moment haben wir aber einfach nicht das Selbstvertrauen, mal ein Tor zu erzwingen. Wir müssen unser Spiel nach vorn unbedingt verbessern, um die gegnerische Abwehr zu beschäftigen. Daran arbeiten wir.

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Wer hinten in Gefahr gerät, traut sich nicht mehr nach vorn und verschafft sich durch mangelnde Entlastung noch mehr Druck. Ist das nicht ein Teufelskreis?

Das ist ein Teufelskreis. Aber es geht eben um Entlastung. Bei Dauerdruck kriegst du doch viel eher mal ein Gegentor.

Und was kann man da tun?

Es sind die kleinen Schritte, so wie gegen Turbine Potsdam. Da haben wir schon mehr Offensivaktionen gehabt als noch in Hoffenheim. Da müssen wir anknüpfen, mehr Vertrauen in den Aktionen haben und mutiger sein.

Aber spricht die aktuelle Situation nicht dafür, dass es Ihrer Mannschaft derzeit einfach an der Qualität für die 1. Bundesliga fehlt?

Nein. Wir mussten bereits im letzten Jahr an unsere Leistungsgrenze gehen, und das ist in diesem Jahr genauso. Es geht nicht um die Einsatzbereitschaft. Es geht darum, das eigene Potenzial auszuschöpfen. Das haben wir noch nicht erreicht.

Aber durch Abgänge wie Marie-Louise Eta, Janine Angrick oder Pia Wolter ist auch eine Menge Qualität gegangen im Sommer.

Das steht außer Frage. Aber wir sind überzeugt, dass wir diesen Verlust auch mit den neuen Spielerinnen gemeinsam auffangen können. Das braucht nur mehr Zeit, als man von außen vielleicht manchmal denkt.

Nun geht es an diesem Sonntag zum Auswärtsspiel in Frankfurt, und dann folgen die Duelle mit den Spitzenmannschaften SGS Essen und Bayern München sowie Spiele gegen die starken Teams aus Sand und Freiburg. Haben Sie keine Angst vor einer Abwärtsspirale?

Klar, das sind alles starke Gegner, und es wird schwer, Punkte mitzunehmen. Unser Ziel ist aber erst einmal, unser Potenzial auszuschöpfen. Gelingt uns das, können wir einige Gegner ärgern. Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam daran zu arbeiten, die favorisierten Gegner mürbe zu machen. Auf diese Weise werden wir auch auf die Rückspiele gegen Mönchengladbach und Leverkusen zum Ende dieses Jahres vorbereitet sein.

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Wünschen Sie sich neben Kapitänin Lisa-Marie Scholz manchmal mehr Führungsspielerinnen?

Natürlich wäre es schön, wenn die ein oder andere mehr Führung übernehmen würde. Da sind die Spielerinnen gefordert, die länger dabei sind und die Liga kennen. Also etwa
Katharina Schiechtl, Lina Hausicke oder
Gabriella Toth. Auch Stefanie Goddard oder Cindy König können das.

Sie stellen sich öffentlich immer vor die Mannschaft. Fühlen Sie sich dann manchmal alleingelassen?

Nein. Für mich ist klar, dass ich mich vor die Mannschaft stelle – ich bin von ihr absolut überzeugt. Das habe ich immer getan, denn wir ziehen an einem Strang und gehen da gemeinsam durch. Wir sind eine Einheit, und das wird sich in dieser Saison auch noch auszahlen.

Die Fragen stellte Stefan Freye.

Info

Zur Person

Carmen Roth(39) sitzt im zweiten Jahr auf der Bank von Werders

1. Frauenmannschaft. Ihre Fußballerinnen belegen nach einem schwachen Start den vorletzten Platz in der 1. Bundesliga.

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