Deutsche Mannschaft kann es schaffen Italien? Schaffbar!

Toni Kroos bekam zwei Tage vor dem Spiel gegen Italien schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was ihn an diesem Sonnabend in Bordeaux auf dem Platz erwarten wird.
02.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Italien? Schaffbar!
Von Marc Hagedorn

Toni Kroos bekam zwei Tage vor dem Spiel gegen Italien schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was ihn an diesem Sonnabend in Bordeaux auf dem Platz erwarten wird.

Sein Gegenüber provozierte, war bissig, ließ nicht locker, genauso, wie es die Italiener im Viertelfinale dieser Europameisterschaft machen werden.

Ein Reporter hatte zu Kroos gesagt: „Erklären Sie mir doch mal, warum Sie kein Italien-Trauma haben sollten.“ Kroos erwiderte: „Warum sollte ich ein Italien-Trauma haben? Das müssen Sie mir erst mal erklären, bevor ich das dementiere.“ Reporter: „Weil Deutschland bei Turnieren noch nie gegen Italien gewonnen hat!“ Kroos: „Und wie oft war ich dabei?“ Der Zweikampf endete an dieser Stelle. Er ging gewissermaßen unentschieden aus. Denn tatsächlich hat Kroos bei Turnieren nur einmal gegen Italien gespielt und ansonsten schon gegen Italien gewonnen. Die Niederlage allerdings hatte sich bei der EM 2012 zugetragen und ist seit Tagen ein großes Thema in der Öffentlichkeit.

Seit Montagabend ist bekannt, dass die deutsche Mannschaft im Viertelfinale auf Italien treffen wird. Und seitdem ist ganz viel über den wundersamen Weg geredet und geschrieben worden, den Italien in diesem Turnier zurücklegt. Die besondere Art von Trainer Antonio Conte wird besungen, die taktische Perfektion des italienischen Spiels gelobt, und die unglaublichen Karrieren von Gianluigi Buffon bis Mittelstürmer Graziano Pellè werden bestaunt.

Das geschieht alles zu Recht, und trotzdem könnte das Bild leicht schief geraten. Denn bei aller Begeisterung und allem Staunen über Italien – die deutsche Mannschaft spielt auch ein gutes Turnier. Deshalb gibt es auch auf jede italienische Stärke eine deutsche Antwort.

Italiens Abwehr gilt als schwer bezwingbar, aber die deutsche Defensivarbeit ist auch stark.

Italien hat BBC oder BBBC, also B(arzagli), B(onucci), C(hiellini) und dahinter ein drittes B(uffon). Dreierkette und Torwart bilden seit Jahren das Abwehrbollwerk von Juventus Turin. „Sie sind perfekt abgestimmt“, sagt Bundestrainer Joachim Löw voller Anerkennung. Aber BBC oder BBBC sind auch nicht unfehlbar. In der zweiten Halbzeit hatte Spanien bei seiner 0:2-Niederlage im Achtelfinale fast ein halbes Dutzend Chancen, auch Belgien kam beim 0:2 gegen Italien im ersten Gruppenspiel mehrfach in aussichtsreicher Position zum Abschluss. Insgesamt hat Italiens Abwehr 17 Torschüsse bei diesem Turnier zugelassen. Zum Vergleich: Deutschland erlaubte seinen Gegnern nur sieben Abschlüsse. Über die Klasse der Innenverteidigung mit Jérôme Boateng und Mats Hummels müssen keine Worte mehr verloren werden. Es bleibt einzig die Frage nach der Stabilität auf den deutschen Außenbahnen.

Italien ist im Abschluss hoch effektiv, die deutsche Offensive ist aber viel produktiver.

Löw verriet zu Wochenbeginn die Erfolgsformel, mit der man Titel holt. Erfahrung, Klasse, eine defensive Basis, „und vorne muss man punkten. Mit Catenaccio allein gewinnt man heute kein Turnier mehr“, sagte der Bundestrainer. Italien verfügt über die drei ersten Merkmale im Grunde seit jeher. Unter Trainer Conte spielt Italien nun auch geschickt nach vorne. Chancen im Übermaß kreieren sie aber nicht. Für fünf Turniertore reichten ihnen 36 Versuche. Die deutsche Offensive ist da wesentlich potenter. Mesut Özil, Thomas Müller, Julian Draxler, Mario Gomez, Toni Kroos, Mario Götze: 80 Mal kamen die Deutschen zum Torabschluss. Keine Offensive ist bei diesem Turnier schwerer auszurechnen. Das Problem bisher war die Effizienz: Trotz mehr als doppelt so vieler Chancen hat die DFB-Elf tatsächlich nur ein Tor mehr als Italien geschossen.

Italien wird für seine Geschlossenheit gelobt, aber die deutsche Mannschaft ist auch eine verschworene Einheit.

Was ist in Italien nicht alles über die eigene Mannschaft gespottet worden. So wenig Talent wie 2016 habe Italien noch nie zu einem Turnier geschickt, hieß es. Grundsätzlich hat sich an dieser Einschätzung auch nicht viel geändert. Dass Italien trotzdem so erfolgreich ist, liegt an einem unglaublichen Teamgeist. Einer rennt für den anderen, als wollten sie alle es ihren Kritikern zeigen. Aber auch das deutsche Team glänzt durch einen starken Zusammenhalt. Benedikt Höwedes und Julian Draxler, zu Turnierbeginn in der Startelf, aber auch schon Bankdrücker, haben öffentlich erklärt, dass es ihnen nichts ausmache, auch einmal draußen zu sitzen. Oliver Bierhoff, der Deutschland 1996 zum bis heute letzten EM-Titel geschossen hat, sagte mit Blick auf die damalige Siegermannschaft: „1996 war die Geschlossenheit nicht so groß wie hier. Für den Erfolg der Mannschaft ist jeder bereit, zurückzustecken.“ Das war auch 2014 ein Schlüssel zum Titelgewinn. Philipp Lahm räumte damals klaglos seine Lieblingsposition im Mittelfeld und verteidigte hinten rechts. Per Mertesacker setzte sich ohne Widerworte auf die Bank und gab von dort den Einpeitscher.

Italiens Stärke ist die Erfahrung, aber die deutsche Elf hat noch mehr davon.

Buffon ist 38, Barzagli 35, Chiellini 31, Daniele de Rossi 32 – Italien hat das älteste Team des Turniers; Deutschland hat das jüngste und stellt unter den verbliebenen acht Teilnehmern trotzdem das erfahrenste Team. Löw hat 14 Weltmeister in den Kader berufen. Kroos ist gerade Champions-League-Sieger geworden, und vor allem für die Bayern-Profis sind Spiele auf höchstem Niveau Alltag. „Neuer, Müller, Boateng, Hummels, Khedira und wie sie alle heißen, sie haben ständig solche Spiele“, sagt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Und die Italiener? Fast alle spielen in der Serie A, deren Klubs international schon länger nicht mehr glänzen. Für Leistungsträger wie Pellè, Eder, Giaccherini oder Parolo ist das EM-Viertelfinale gegen Deutschland ihr bisher größtes Spiel und alles andere als Routine.

Die Italiener sind Mentalitätsmonster, aber auch die deutschen Spieler strotzen vor Selbstbewusstsein.

Joachim Löw hat unter der Woche ein schönes Bild bemüht, um die Abgezocktheit der italienischen Profis zu beschreiben. Er sagte: „Sie haben überhaupt kein Problem damit, den Ball bei einer 2:0-Führung auf die Tribüne zu jagen und dabei zu lächeln.“ Bei Deutschland lächelt Thomas Müller, obwohl er noch kein Tor geschossen hat. Bei Deutschland lächelt die Defensivabteilung, weil sie noch kein Tor kassiert hat. Bei Deutschland lächelt Gomez, weil er jede Minute bei diesem Turnier als Geschenk empfindet. Jérôme Boateng, der nach der nächsten Gelben Karte aussetzen müsste, lächelt auch viel in diesen Tagen, kündigte trotz drohender Sperre aber schon mal an: „Ich werde in die Zweikämpfe gehen wie immer.“ Mit anderen Worten: keine Kompromisse. Das große Spiel kann beginnen.

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