Warum Sixdays-Sieger Marcel Kalz mit 30 seine Profi-Karriere beendet hat und Polizeischüler geworden ist Ja, und was dann?

Bremen. Ein Sechstagerennen dauert, nun ja, sechs Tage. Das geht nun nicht mehr für Marcel Kalz, er kann nur von Freitagabend bis Sonntag.
13.10.2017, 00:00
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Ja, und was dann?
Von Olaf Dorow

Bremen. Ein Sechstagerennen dauert, nun ja, sechs Tage. Das geht nun nicht mehr für Marcel Kalz, er kann nur von Freitagabend bis Sonntag. Er ist eingeladen worden zu den nächsten Bremer Sixdays. Warum sollte er auch nicht eingeladen werden? Er hat, an der Seite des Belgiers Iljo Keisse, beim letzten Mal das Rennen gewonnen. Marcel Kalz kommt jedoch nicht, um seinen Titel zu verteidigen. Sondern: um zuzuschauen. „Ich will das Rennen einfach mal als Zuschauer genießen“, sagt er. Er ist, obwohl mit 30 in einem für Sechstagefahrer fast idealen Alter, vorerst kein Sechstagefahrer mehr. Seit Mittwoch voriger Woche ist er Polizeimeisteranwärter an der Polizeifachschule in Oranienburg. Montag bis Freitag klingelt daheim in Berlin-Weißensee um 6 Uhr der Wecker, dann geht es zur Schule. Zweieinhalb Jahre lang wird das jetzt so sein.

Leistungssportlern fällt es nicht immer leicht, den Schritt hinaus aus dem Leistungssport zu gehen. Manche fürchten sich davor, manche verpassen den richtigen Moment. Manche blenden einfach aus, dass der Schritt ansteht. Marcel Kalz war lange klar, dass er irgendwann ansteht. „Für mich war es eine ganz rationale Entscheidung“, sagt er. Seit anderthalb Jahren schon gehe ihm diese Frage durch den Kopf: Ja, und was dann? Mit 30 dazustehen und keinen Beruf zu haben, sei nicht so schön, sagt er. Er wollte „nicht dastehen und arbeitslos sein“. Also habe er sich umgeguckt.

Er wollte etwas Regelmäßiges. Ein regelmäßiges Einkommen. Vor allem: eine Perspektive. Als Radprofi hätte er sich ab dieser Saison als eine Art Selfmademan durchschlagen, sich bei Sponsoren gut verkaufen müssen. Das könne und wolle er nicht so, erzählt er. Sechstagefahrer, ohne Profirennstall und ohne den ganz großen werbeträchtigen Namen, verdienen eher überschaubares Geld. Für ein – zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht – sorgenfreies Leben nach der Karriere reicht das eher nicht.

Ende Mai war, nach achteinhalb Jahren, Kalz‘ Vertrag als Sportsoldat ausgelaufen. Bis 2019 bezieht er zwar noch Übergangsgeld von der Bundeswehr. Aber was hätte er dann bezogen? Jetzt bekommt er das Übergangsgeld plus die monatlich rund 1000 Euro an der Polizeischule. Und 2019 ist er dann schon fast Polizeimeister. Er wollte schon länger zur Polizei, hatte schon vor fünf Jahren aufhören wollen mit dem Radsport – und sich bei der Polizei beworben. Die Bewerbung scheiterte. „Mensch, gib doch mal richtig Gas“, sagte sein Trainer. Es folgten Sixdays-Erfolge in Bremen oder daheim in Berlin. Oder Siege beim Harlem Skyscraper Cycling Classic in New York. Der Polizei-Gedanke, der Karriere-nach-der-Karriere-Gedanke blieb. 2016 scheiterte erneut eine Bewerbung, 2017 klappte es.

Jetzt freut er sich aufs Berufsleben. Da kann er draußen sein bei den Menschen, sagt Marcel Kalz, das findet er gut. Er will nicht nur in einem Büro sitzen, er will alles mal ausprobieren bei der Polizei. Er will sich entwickeln. Irgendwann will er eine Familie habe. Seine Freundin, mit er seit neun Jahren zusammenlebt, ist auch Polizistin.

Marcel Kalz ist – war, muss man korrekterweise sagen – ein Profi, für den es nicht nur den Sport gibt. Gab. „Ich war ein Radfahrer, der gelebt hat“, so beschreibt er sich selbst. Er habe eben auch mal lockergelassen, wenn er keine Lust hatte. Er räumt sogar ein, dass sein Trainer recht hat, der ihm mal gesagt habe: „Wenn du mehr trainiert hättest, dann hättest du mehr erreicht.“ Erik Weispfennig, Sportlicher Leiter der Bremer Sixdays, beschreibt ihn als zurückhaltend und höflich. Als Anti-Alphatier. Als einen, der oft an sich und seiner Leistungsfähigkeit gezweifelt habe, „obwohl er eine richtige Maschine, einen großen Motor hat, wie wir im Radsport sagen“, sagt Weißpfennig.

Marcel Kalz ist groß und kräftig. Weispfennig vergleicht ihn mit einem Fußballer, der kein Cristiano-Ronaldo-Typ ist, aber bei Real Madrid spielen könnte. Kalz sei immer dann am besten gefahren, wenn er starke Partner hatte bei den Sixdays. Kalz wiederum sagt, dass er Weispfennig dankbar sei für die stets starken Partner, mit denen er in Bremen fahren durfte. Er stand dann am Ende eigentlich fast immer auf dem Siegerpodest, dreimal davon ganz oben. Er war dabei immer deutlich mehr der Partner des Stars als selbst ein Star.

Seine Sportkarriere taugt ganz gut zu einer Veranschaulichung. Was heißt das denn, diese bedingungslose Fokussierung auf den Sport, auf den Erfolg? Marcel Kalz hätte sie gebraucht, um vielleicht mal Weltmeister oder Olympiasieger zu werden. Seine Haltung hat ihm andererseits aber auch eine Art Schutz gegeben. In diesem Sport-Tunnel kann es irgendwann sozusagen auch sehr dunkel werden, dafür gibt es genügend Beispiele. Ein Blick ins Dschungel-Camp reicht da eigentlich schon aus. „Ich wollte Weltmeister werden und Olympiasieger. Aber das sind doch alles Momentaufnahmen“, sagt Kalz. So sieht er das. Bei der Polizei und der Polizeiarbeit hätte das doch letztlich niemanden interessiert.

So kommt er nun als Polizeischüler statt als Titelverteidiger zum Sechstagerennen nach Bremen, das am 11. Januar 2018 angeschossen wird. Erik Weißpfennig würde ihn gern groß und offiziell verabschieden, mit Ehrenrunde auf der Bahn und so. Weispfennig respektiert aber, dass Kalz das nicht möchte. Er möchte nur ein Hotelzimmer haben in Bremen, von Freitag bis Sonntag. Kalz mag den Rummel nicht. Er schätzt das außerdem so ein, im Gegensatz zu Weispfennig, dass er den Rummel auch gar nicht verdient hätte. Er sei doch kein Weltmeister oder Olympiasieger geworden.

Und dann gibt es noch einen dritten Grund: Ein Rücktritt erster Klasse ist das nämlich gar nicht, was Marcel Kalz da gerade gemacht hat. „Ich will nicht ausschließen, dass ich noch mal fahre nach der Polizeischule“, sagt er. Dann entstünden vielleicht genug Freiräume, um es noch mal mit dem Leistungssport zu versuchen. Bis auf Weiteres wolle er sich ja nur vom Leistungssport verabschieden, nicht vom Sport. Sag niemals nie – das gehöre auch so zu seiner Haltung, sagt Marcel Kalz.

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