Jugendfußball Kreativität ist gefordert

Sollten die Teilnehmer des Verbandstages des Niedersächsischen Fußballverbandes wie erwartet dafür stimmen, dass es keine Absteiger gibt, würden auch die Jugendligen deutlich größer. Das führt zu Problemen.
10.06.2020, 12:13
Lesedauer: 4 Min
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Von Ralf Kilian

Auf den ersten Blick scheint es eine für alle Beteiligten positive Lösung zu sein, die der Niedersächsische Fußballverband am 27. Juni beschließen will. Die Saison 2019/20 soll abgebrochen, die Meister und Aufsteiger nach der Quotientenregel (Punkte geteilt durch Spiele) bestimmt werden. Absteiger gibt es keine. So weit, so bequem. Doch in der Praxis wird es von den Staffelleitern viel Kreativität erfordern, um in den aufgeblähten Ligen eine durchführbare Saison zu ermöglichen. Was bei den Senioren noch machbar scheint, wo es größere Kader gibt und wo die Spieler nicht die Schulbank drücken müssen, ist im Jugendbereich kaum zu bewerkstelligen.

Die höchste Jugendmannschaft im Kreis sind die A-Junioren des VfL Stenum. Sie spielen in der Landesliga, die im Folgejahr mit 17 Clubs an den Start gehen würde. Trainer Tim Müller macht es deutlich: „Vor einem Jahr wurde auf dem Staffeltag darüber nachgedacht, die Liga von 14 auf zwölf Mannschaften zu reduzieren, weil wir selbst die 26 Spieltage kaum durchkriegen. Und jetzt sollen wir mit 17 Mannschaften – sprich: 32 Spiele an 34 Spieltage – antreten? Das werden wir definitiv nicht machen können.“

Zu viele Spiele für die Jugend

Zur Veranschaulichung: Das Jahr hat 52 Wochen. Da wohl frühestens im September begonnen werden kann – Ferienende in Niedersachsen ist am 26. August – und die Saison 2020/21 Ende Juni abgeschlossen sein sollte, fallen schon einmal neun Wochen weg, dazu sollte man zumindest Weihnachtsferien einräumen. Kunstrasen hat nicht jeder, also wird es Spielausfälle geben. Müller berichtet, dass Auswärtsspiele schon einmal Neun- oder Zehn-Stunden-Tage sind: „Samstags kann man das machen, aber unter der Woche ist das nicht möglich. Besonders nicht in der zweiten Halbserie. Im Frühjahr haben viele Jungs ihre Abiturprüfungen. Sie können nicht nachts um zwei Uhr vom Auswärtsspiel in Osnabrück wiederkommen und dann morgens ihre Englischprüfung schreiben.“

Spiele unter der Woche sind also nur partiell möglich. Eine Teilung der Ligen ist ebenfalls schwierig, sofern es sich – wie in der Landesliga – um eine ungerade Zahl von Mannschaften handelt. Möglich wäre zunächst eine einfache Runde jeder gegen jeden und anschließend eine Teilung mit Meister- und Abstiegsrunde. Dann sollte allerdings die Abstiegsrunde mit etwas mehr Mannschaften bestückt sein. Denn: Es muss natürlich zwangsläufig auch eine erhöhte Zahl an Absteigern geben. Mindestens sechs sollten es schon sein, um relativ zeitnah wieder zu einer normalen Staffelstärke zurückzufinden. „Der NFV hat angekündigt, spätestens zur Saison 2024/25 wieder zur gewohnten Staffelstärke zurückzukommen“, berichtet Müller. Da auch die höheren Ligen durch zahlreiche Aufsteiger aufgebläht werden, wird die Landesliga jährlich den einen oder anderen Absteiger aus der Niedersachsenliga zusätzlich auffangen müssen.

Müller hätte das Problem anders gelöst. „Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten in diesem Kalenderjahr noch möglichst viele Spiele durchgezogen, um dann eine aussagekräftige Tabelle zu bekommen und Absteiger zuzulassen. Im Frühjahr 2021 hätte man dann eine einfache Runde spielen können“, meint der Stenum-Coach. So plant es beispielsweise der Bayrische Fußballverband. „Aus meiner Sicht als Tabellendritter ist das leicht gesagt, ich kann auch alle Argumente dagegen verstehen. Wenn ich auf einem Abstiegsplatz stehen würde, wäre ich auch froh“, räumt Müller ein.

Dieser Umstand trifft auf Ralf Sager zu, der mit dem TuS Heidkrug die rote Laterne durch die komplette Bezirksligasaison der A-Jugend trug und jetzt die U19 des JFV Delmenhorst übernehmen wird (wir berichteten). „Speziell für die U19 vom TuS Heidkrug ist diese Lösung perfekt. Die Chance, den Klassenerhalt sportlich zu erreichen, wäre doch sehr gering gewesen. Jetzt kann der JFV den Platz in der Bezirksliga vom TuS Heidkrug übernehmen und wir können den Jungs eine gute sportliche Perspektive bieten“, blickt Sager voraus.

Der JFV Delmenhorst profitiert

In der A-Jugend-Bezirksliga wird es voraussichtlich 16 Mannschaften geben, außerdem sind die Fahrten kürzer. Da erscheint auch eine gewohnte Doppelrunde mit 30 Spieltagen möglich. Die Quotientenregel sorgte hier bei der Meisterfindung für eine Überraschung. Nicht etwa der souveräne Herbstmeister aus Damme – 34 Punkte aus 14 Spielen, dazu 81 geschossene Tore – würde aufsteigen, sondern der Tabellendritte aus Emstek. Die JSG Emstek/Höltinghausen liegt zwar neun Punkte zurück und hat erst 33-mal geknipst, das aber in nur zehn Spielen. Der bessere Quotient von 2,5 gegenüber 2,43 sorgt in Emstek für Jubel.

Den gibt es auch bei den Landesliga-B-Junioren des TuS Heidkrug, die ebenfalls den letzten Platz nach der Hinrunde belegt hatten und jetzt trotzdem drinbleiben – als JFV Delmenhorst. „Die gesamte Hinrunde hatten wir wegen Verletzung der Torhüter einen Feldspieler im Kasten“, erklärt Trainer Lars Frerichs das Dilemma der vergangenen Saison. Der Coach bleibt der Mannschaft auch im JFV erhalten und ist natürlich froh über die Rettung am grünen Tisch. „Wobei wir es angesichts von vier Nachholspielen und der Fitness unserer Keeper auch so noch hätten schaffen können“, meint er. Auch seine neue U17 wird vermutlich mit 17 Mannschaften in die Landesliga starten, aber überhaupt dabei zu sein, ist zunächst einmal wichtiger. Faktisch einziger Verlierer in der Region sind die C-Junioren des VfL Stenum, die mit 19 Punkten aus acht Partien (Quotient 2,38) knapp den Landesliga-Aufstieg hinter dem TV Dinklage (22 aus neun, Quotient 2,44) verpassen. Aber dem Vernehmen nach ist man am Kirchweg aufgrund des Mannschaftsumbruchs im Sommer nicht besonders traurig über den denkbar knapp verpassten Landesliga-Aufstieg.

Auf Kreisebene sieht Staffelleiter Knut Hinrichs keinerlei Probleme. Dort wird seit vielen Jahren im Herbst eine Qualifikationsrunde gespielt, im Frühling folgt dann die sogenannte Meisterrunde. Für die neue Saison kann Hinrichs einfach die Ergebnisse der Quali-Spiele im Herbst 2019 heranziehen. Auf höherer Ebene hofft Tim Müller, „dass vielleicht doch noch der eine oder andere Verein ein Einsehen hat und seine Mannschaft zurückzieht.“ Sollte es jedoch im Landesligabereich bei 17 Mannschaften bleiben, darf man gespannt sein auf die Spielplangestaltung. Wobei jetzt noch gar nicht absehbar ist, ob das Corona-Virus im Herbst nicht wieder ein Stopp-Zeichen setzt.

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