Ganderkesee

Jules Jungs

Beim SC Rote Teufel Ganderkesee stehen Fußballer mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam auf dem Platz. Die Mannschaft von Trainerin Jutta Lobenstein nimmt seit August 2012 am regulären Spielbetrieb der 5. Kreisklasse teil. Zwar sieht derzeit alles danach aus, als sollten die Roten Teufel auch ihre zweite Saison in der niedrigsten Klasse als Schlusslicht beenden – doch darum geht es nicht. Das inklusive Team zeigt eindrucksvoll, dass Fußball sehr viel mehr sein kann, als sich an Tabellen ablesen lässt. Ein Ortsbesuch.
21.03.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Daniel Cottäus

Beim SC Rote Teufel Ganderkesee stehen Fußballer mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam auf dem Platz. Die Mannschaft von Trainerin Jutta Lobenstein nimmt seit August 2012 am regulären Spielbetrieb der 5. Kreisklasse teil. Zwar sieht derzeit alles danach aus, als sollten die Roten Teufel auch ihre zweite Saison in der niedrigsten Klasse als Schlusslicht beenden – doch darum geht es nicht. Das inklusive Team zeigt eindrucksvoll, dass Fußball sehr viel mehr sein kann, als sich an Tabellen ablesen lässt. Ein Ortsbesuch.

Der Mann mit den blondierten Haaren hat es eilig. Das verraten die großen, schnellen Schritte, mit denen er über den feuchten Rasen stapft. Auf dem Fußballplatz am Ammerweg ist die Sonne vor wenigen Minuten untergegangen, und Daniel Lucas ist an diesem Abend spät dran. Das Training seiner Mannschaft läuft bereits seit 20 Minuten. „Kein Problem“, ruft Jutta Lobenstein dem 29-Jährigen noch kurz hinterher, nachdem er sich von ihr den Kabinenschlüssel abgeholt hat und nun mit noch größeren Schritten zurückstapft. Dass die Trainerin über die Verspätung nicht verärgert ist, hat einen guten Grund. Normalerweise legt Lucas die rund 14 Kilometer zwischen seinem Wohnort Berne und dem Platz in Ganderkesee mit dem Fahrrad zurück. Das ist aber momentan kaputt, also ist er kurzerhand gelaufen. Zweieinhalb Stunden hat das gedauert. Umgezogen und zurück auf dem Platz, streift sich Lucas im grellen Flutlicht die Handschuhe über – der Torhüter der Roten Teufel ist bereit für die Einheit.

„Bei uns steht der Leistungsgedanke klar hinter dem Inklusionsgedanken“, erklärt Lobenstein, deren Kader sich aus Spielern mit und ohne geistige Behinderung zusammensetzt. Seit Sommer 2012 nimmt die Pädagogin, die von ihren Fußballern nur Jule genannt wird, mit dem Team am regulären Spielbetrieb teil. Für die Roten Teufel heißt das 5. Kreisklasse – aktuell sind sie in der niedrigsten Liga Tabellenletzter. Das Heimspiel gegen den Vorletzten, die SG Bookhorn II, steht direkt vor der Tür. Es soll im 13. Anlauf endlich der erste Dreier her. Kein Wunder also, dass Daniel Lucas das Abschlusstraining auf keinen Fall verpassen will. Schließlich feierte seine Elf in der Vorsaison gegen diesen Gegner den ersten Sieg überhaupt in der Vereinsgeschichte.

Volle Konzentration auf Bookhorn

„Das A und O bei einer gegnerischen Ecke ist, dass jeder seinen Mann hat“, betont Lobenstein. Ihre Spieler stehen im Halbkreis vor ihr, Brustkörbe heben und senken sich. Im Gegenlicht steigt Dampf von den verschwitzten Körpern in den pechschwarzen Himmel auf. Zu hören ist die klare Stimme der Trainerin, im Hintergrund rauscht dumpf die Bundesstraße. Abwechselnd, mal von links, mal von rechts, fliegen wenig später Eckbälle in den Strafraum. Die Spieler ohne Leibchen versuchen die mit Leibchen, am erfolgreichen Abschluss zu hindern. Immer wieder unterbrechen Lobenstein und ihr Co-Trainer Florian Knipping die Übung, zeigen Fehler auf, loben. Gegen Bookhorn muss am Sonntag schließlich alles funktionieren. „Dann können wir sie wieder schlagen“, glaubt Knipping. Bei einer anderen Übung geht es um das Umschaltverhalten nach Ballverlust. „Das ist unsere große Schwachstelle“, sagt Lobenstein, die die Einheit schließlich nach gut eineinhalb Stunden beendet. Ihre feuerroten Haare wippen auf ihrer feuerroten Jacke, als sie die letzten Hütchen einsammelt. „Wir sehen uns Sonntag, Treffen ist um zehn.“

In einem Raum, der den Charme einer Garage versprüht, schwört Jule ihre Jungs am Spieltag letztmals auf das bevorstehende Duell ein. Bis zum Anpfiff morgens um 11 Uhr sind es noch knapp zehn Minuten. „Es könnte sein, dass der Gegner ein paar Spieler aus der ersten Mannschaft dabei hat“, beginnt die 59-Jährige – um dann unmissverständlich klarzumachen: „Aber das interessiert uns überhaupt nicht, weil wir das Spiel sowieso gewinnen.“ Mit einem dicken blauen Filzstift hat Lobenstein vor der Abschlussbesprechung die Aufstellung auf ein Flipchart geschrieben. Von unten nach oben deckt sie nun Mannschaftsteil für Mannschaftsteil nacheinander auf. „Rune, Du hast Bombenspiele als Sechser gemacht! Heute wieder!“ Jeder einzelne Teufel bekommt seine persönliche Ansprache. „Paddy, rechte Außenbahn heißt auch nach hinten mitarbeiten.“ „Markus, deine konditionellen Probleme kennen wir alle, aber eine Viertelstunde gibst du Vollgas!“ Zum Abschluss betont die Trainerin: „Und denkt dran Leute, Tore fallen, wenn man schießt!“ Sekunden danach geht es raus, Stollen klacken auf Stein. „Wenn wir an den Leuten dranbleiben, ist was möglich“, sagt Daniel Lucas auf dem Weg in sein Tor, die Trinkflasche unter dem Arm. Nicht viel später ist er bereits geschlagen.

Den ersten Schuss hat der 29-Jährige noch spektakulär abgewehrt, beim zweiten Versuch ist er machtlos – 0:1. Nach drei Minuten. Erst danach finden die Gastgeber, die mit Wind im Rücken spielen, besser in die Partie. „Markus, so will ich dich sehen!“, schreit Lobenstein, als sich der Stürmer in einen Eckball wirft und nur knapp das Tor verfehlt. 15 Zuschauer haben den Weg auf die Sportanlage gefunden, um sich das Spiel zwischen den derzeit schlechtesten Mannschaften des Fußballkreises anzusehen. Eine Frau in grüner Winterjacke reicht Thermoskannen mit Tee und Kaffee. Sie fragt auch die Ersatzspieler, die dankend ablehnen. In der 32. Minute ist es dann soweit: Roy Clasen zieht aus 16 Metern trocken ab und trifft zum verdienten 1:1. „Endlich!“ Jutta Lobenstein jubelt – und fordert umgehend: „Wir wollen noch einen!“ In der Tat liegt das 2:1 in der Schlussphase der ersten Halbzeit in der kühlen, nach Land riechenden Luft. Es fällt aber nicht. Lobenstein blickt noch einmal kurz auf die Stoppuhr, „es müsste doch gleich...“, ist es auch: Pause.

„Das ist normal, das kennen wir“

„Schönes Ding, Roy! Jetzt muss aber auch das zweite fallen, sonst rächt sich das“. Die Halbzeitansprache ist kurz und unmissverständlich. Keine der beiden Mannschaften geht in die Kabine, beide kommen stehend vor ihren Ersatzbänken zusammen. Einige Spieler halten einen kurzen Plausch mit den Zuschauern, ein anderer spielt sich mit einem kleinen Jungen Bälle zu. Der Frühling macht sich an diesem Morgen noch nicht bemerkbar. Schneidiger Wind, graue Wolken, kahle Bäume – all das sorgt für eine triste Atmosphäre. Als würden sie es tun, um die zweite Halbzeit einzuläuten, erklingen von Weitem die Glocken der Dorfkirche. Es geht weiter. Und für die Roten Teufel geht es dahin.

2:6 steht es nach 90 Minuten. Lobenstein nimmt die Gegentreffer stoisch auf, sie hatte es ja prophezeit. Das zweite Teufel-Tor zum zwischenzeitlichen 2:5 glückt Stürmer Oliver Schoormans in der 67. Minute. „Schön, Olli“, murmelt die Trainerin kaum hörbar. Nach dem Abpfiff macht die Pädagogin Fotos davon, wie ihre Spieler mit den Bookhornern abklatschen. „Wir waren in der ersten Hälfte besser. Schade, dass wir uns nicht belohnt haben“, lautet ihr Fazit. Die Zuschauerin in der grünen Winterjacke hat ihre Thermoskannen wieder im Korb verstaut und ist auf dem Weg zum Ausgang, als Roy Clasen gemächlichen Schrittes vom Platz kommt. Der Torschütze zum 1:1 wirkt abgekämpft, seine Stutzen sind dreckig und weit heruntergerutscht. „Das ist normal, das kennen wir schon“, sagt er über die Niederlage und lacht dabei herzlich. Bei den Roten Teufel geht es eben um mehr als um schnöde Siege.

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