Spaß-Fußball in der Bezirksliga Kein Trainer, keine Trainingspflicht, aber viel Spaß

CF Victoria Bremen ist der etwas andere Verein: Es gibt keinen Trainer, keine Trainingspflicht, für die Spieler ist der Spaß am wichtigsten. Der Schiedsrichter wird niemals bepöbelt.
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Kein Trainer, keine Trainingspflicht, aber viel Spaß
Von Mathias Sonnenberg

Training ist erwünscht, aber keine Pflicht, Spieleinsätze an den Wochenenden aber in der Regel trotzdem garantiert. Siege wären wünschenswert, aber Niederlagen auch nicht schlimm. Einen richtigen Trainer gibt es nicht. Und die oberste Regel für jeden Interessierten lautet: Der Spaß am Fußball ist am wichtigsten! Klingt nach einer Traum-Vorstellung? Mag sein, aber in Bremen gibt es einen Verein, der tatsächlich so tickt. „Ja, das trifft so ziemlich auf uns zu“, sagt Jan Libuda in die Runde und schaut Morten Herre und Kim Onken an. Beide nicken und können sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ist echt so: Entweder man kommt zum Training oder eben nicht, abmelden muss sich hier jedenfalls keiner“, sagt Onken. Der CF Victoria Bremen 05, das wird schnell klar, ist tatsächlich der etwas andere Bremer Fußball-Verein.

Das fängt schon beim Namen an. CF, das steht für Club de Futbol und ist natürlich spanisch. Und geht damit weiter, dass der CF Victoria gar keinen eigenen Platz hat. „Wir sind hier sozusagen geduldet“, drückt Herre es aus. Wer zu Victoria will, muss erst den langen Weg am Kuhhirten vorbeifahren, dann die Anlage von ATS Buntentor passieren und steht schließlich vor der Sporthalle Stadtwerder. Dahinter liegen die Rasen- und Schlackeplätze von Buntentor, die auch Trainings- und Spielstätte von Victoria sind.

Deutlich weniger Regeln

Fünf Mannschaften umfasst der Klub, der 2005 gegründet wurde: zwei Herren-Teams, zwei Alte Herren und eine Ü 40. Wobei: so richtig festgelegte Mannschaften gibt es eigentlich auch nicht. Denn eigentlich kann jeder Spieler in jeder Mannschaft kicken. Um den Übergang von der einen in die andere Mannschaft zu vereinfachen, gibt es auch keinen Satz Trikots pro Team, sondern Trikot, Hose, Stutzen für jeden Spieler, die er selbst hegen und pflegen muss. Mit der Folge, dass es beim CF Bremen auch Fußballer gibt, die mit der Rückennummer 66, 87 oder 98 auflaufen – es geht eben etwas anders zu als in einem normaler Bremer Fußball-Klub.

Die erste Herren hat es mit diesem Prinzip bis in die Bezirksliga geschafft. Aber das Wort Prinzip wird man bei Victoria auch nicht so gerne hören, es gibt eben deutlich weniger Regeln als in anderen Vereinen. „Wir haben eine sehr flache Hierarchie“, sagt Onken. Dazu passt, dass es auch keinen echten Trainer gibt, eher einen Trainerrat, der sich um organisatorische Dinge wie Passwesen, Anmeldung oder auch mal das Training gemeinsam kümmert. Onken ist dabei so etwas wie das Paradebeispiel eines Victoria-Kickers. „Ich habe vorher in Findorff gespielt und wollte eigentlich aufhören mit Fußball – die viele Arbeit, das neue Leben als Familienvater, das war echt zu viel.“ Dann aber habe ihm ein Kumpel von Victoria erzählt und gesagt: „Schau dir das mal an, dort kannst du auch an Punktspielen teilnehmen, wenn du mal einen Monat nicht trainierst.“

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Onken fuhr einmal zum Training – und ist seitdem ein Victorianer. So ging es auch Herre und Libuda. „Natürlich wollen wir am Wochenende gewinnen, sonst wären wir jetzt nicht in der Bezirksliga“, sagt Herre. „Aber eben nicht um jeden Preis. Denn wir achten auch darauf, dass alle zu ihren Spielzeiten kommen“, ergänzt Libuda. Kein Wunder also, dass in dieser Saison bereits über 25 Spieler eingesetzt wurden, natürlich absoluter Liga-Rekord. Dazu passt: Victoria hat noch nie zweimal mit der gleichen Mannschaft begonnen, der wöchentliche Wechsel der Mannschaft ist eines der wenigen Prinzipien – es sollen eben alle zum Einsatz kommen. Deshalb umfasst der Kader für die Pflichtspiele auch nie mehr als 14 Spieler. Denn jeder, der beim Spiel dabei ist, soll auch eingesetzt werden.

Das ist allerdings, bestätigt der dreiköpfige Trainerrat, in der Bezirksliga nicht immer einfach. Und ist einer der Gründe, warum der Aufstieg vor zweieinhalb Jahren nicht ganz unumstritten war. Denn zuvor in der Kreisliga konnte ohne Limit munter ein- und ausgewechselt werden. „Unser Style“, sagt Herre, „kommt in der Bezirksliga deshalb auch an seine Grenzen.“ Ganz offen wurde diskutiert, was denn wichtiger sei für Victoria CF Bremen: Die Bezirksliga oder die Möglichkeit, viele Spieler einsetzen zu können? Am Ende habe man sich für die Bezirksliga entschieden. „Denn die macht sportlich eben auch Spaß“, sagt Onken. Auch wenn der ständige Abstiegskampf jetzt dazugehört. Doch bei CF nehmen sie den locker, so nach dem Motto: Wenn wir absteigen, ist es auch nicht schlimm. Das hätten nicht alle Spieler immer gut gefunden, erzählt das Trio. „Es gab einige, die gesagt haben, dass sie lieber ernsthafter spielen möchten. Aber das ist ja auch völlig okay.“ Die Winterpause hat CF Bremen auf dem 13. Platz erreicht, nur einen Punkt von einem Abstiegsplatz entfernt.

"Wir wollen keinen Stress in den Spielen"

Die fließenden Grenzen zwischen den einzelnen Mannschaften haben natürlich Folgen – zum Beispiel auf den Altersschnitt der ersten Mannschaft. „Wir sind auf jeden Fall die älteste Mannschaft“, sagt Libuda. Drei Spieler seien schon über 40, da hätte so mancher Gegner schon mal gestaunt. Aber mittlerweile wüssten die meisten Mannschaften, dass der Victoria CF eben etwas anders ticke. Das zeigt auch die Fairness-Tabelle, die Victoria eigentlich immer anführt. Denn Platzverweise sind gar nicht gerne gesehen im Verein, in der vergangenen Saison war es gerade mal eine Gelb-Rote Karte, die ein Spieler kassierte. Der Grund? Schon vergessen! Onken sagt es so: „Ich komme ja nicht zum Fußball, um mir die Seele aus dem Leib zu schreien. Ich will hier am Wochenende Spaß haben.“

Dazu gehört, dass weder Schiedsrichter noch Gegenspieler angegangen werden sollen. „Wir wollen keinen Stress in den Spielen“, sagt Herre, was allerdings für den Spielverlauf nicht immer positiv sei. „Manchmal sind wir echt zu lieb“, bekennt er. Aber das sei nun mal Teil der Victoria-DNA. Denn für alle, die hier im Klub spielen, sei Fairness das höchste Gut. „Hier ist jeder willkommen, egal, welchen Beruf er hat“, erklärt Libuda. „Wir haben keinen Bock auf Rassismus und Homophobie, das läuft hier nicht.“ Das sei so selbstverständlich, dass man darüber eigentlich gar nicht reden müsse. Typisches Victoria-Understatement eben.

Bock auf Gemeinschaft aber müsse man schon haben. Das hätten die Gründungsväter quasi fest verankert in ihrem Gründungsvertrag. Und so sind Whatsapp-Verabredungen auf ein Bier im Pub am Kuhhirten Standard in der Woche. Und natürlich zieht es am Ende der Saison immer alle Mannschaften auf große Tour. Nein, nicht zum Ballermann, auf Sauf- und Gröltouren hat bei Victoria keiner so richtig Bock. „Wir ziehen eher Städte-Trips mit ein bisschen Kultur vor“, sagt Onken. In diesem Jahr ging es im Sommer nach Helgoland. Der CF Victoria Bremen ist eben auf allen Ebenen der etwas andere Verein.

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