Schach König, Dame, Amtsgericht

Die neue Schachsaison hat begonnen, doch ein Streit zwischen dem SK Kirchweyhe und dem Landesschachbund Bremen überschattet die ersten Partien. Der Fall beschäftigt mittlerweile sogar das Amtsgericht.
30.10.2018, 06:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Thorin Mentrup

Bremen/Kirchweyhe. Seit gut eineinhalb Wochen läuft die Saison im Landesschachbund (LSB) Bremen. Die ersten Resultate werden aber womöglich keine Aussagekraft haben. Denn seit Monaten brodelt ein Streit zwischen dem LSB und dem Schachklub (SK) Kirchweyhe, mit dem sich mittlerweile auch das Bremer Amtsgericht beschäftigt. Es geht um die Frage, in welcher Liga die Mannschaft SK Kirchweyhe 2 starten darf und ob die Turnierordnung des LSB eindeutig formuliert ist. Doch auch weitere Vorwürfe wie Befangenheit und Erpressung stehen im Raum.

Was ist passiert? Für die Stadtliga, die höchste Spielklasse im LSB, haben nicht zehn, sondern nur neun Mannschaften gemeldet. Der Delmenhorster SK 3 hat trotz der Meisterschaft in der A-Klasse auf den Aufstieg verzichtet. Kirchweyhe 2, in der vergangenen Saison von der B- in die A-Klasse aufgestiegen, will diesen freien Platz einnehmen. Der LSB hat den Doppelaufstieg des SKK jedoch abgelehnt. Für dessen Vorsitzenden Peter Orantek aus Celle ist das „ein einzigartiger Skandal“. Deshalb haben die Kirchweyher beim Oberlandesgericht Klage eingereicht, das den Fall beim Amtsgericht zugelassen hat. Die bislang einzige Verhandlung fand am 12. Oktober statt. Der SKK will erwirken, dass seine zweite Mannschaft in die Stadtliga aufgenommen wird. Darüber hinaus sollte der Spielbetrieb in der Stadtliga und der A-Klasse so lange nicht starten, bis ein Urteil gefällt ist. Diese Forderung ist nach dem Saisonbeginn hinfällig. Deshalb überlegt der Kläger nun, einen weiteren Antrag zu stellen: Falls er nicht in die Stadtliga aufgenommen wird, soll kein Team in die Verbandsliga, die nächsthöhere Klasse, aufsteigen dürfen.

Der LSB-Vorstand äußerte sich gegenüber unserer Redaktion schriftlich zum Verfahren, das das erste dieser Art in der Verbandsgeschichte ist: „Das Verhalten des SK Kirchweyhe kam für uns völlig unerwartet, da sich nicht an die verabschiedeten Ordnungen gehalten wurde. Laut der Turnierordnung sind die Entscheidungen des Spielausschusses endgültig und somit aus unserer Sicht unanfechtbar.“

Wie war der zeitliche Ablauf? Nach Oranteks Schilderungen ist dem SKK am 11. Juli der freie Platz in der Stadtliga von LSB-Turnierleiter Wilfried Schmid angeboten worden. Dieses Angebot habe der Verein noch am selben Tag angenommen. „Damit war die Sache eigentlich durch. Die Stadtliga war voll besetzt, und wir waren dabei“, so Orantek. Ende August habe es dann geheißen, Kirchweyhe könne doch nicht in der Stadtliga starten. Der Spielausschuss lehnte den Doppelaufstieg und auch den Einspruch der Kirchweyher ab und tut das bis heute. Auch der LSB bezieht sich in dieser Hinsicht auf den 11. Juli und eine Mail Oranteks. In dieser habe der SKK-Vorsitzende mitgeteilt: „Wenn ein Höherspielen (sportlich) nicht gestattet ist, akzeptieren wir das selbstverständlich aus rein sportlicher Perspektive.“ Deshalb könne man nicht nachvollziehen, warum Kirchweyhe den Weg vor ein ordentliches Gericht gesucht habe.

Was ist der größte Streitpunkt? Die Auslegung der Turnierordnung. Beide Seiten interpretieren sie unterschiedlich. Die Kirchweyher sehen sich als legitimen Aufsteiger. Sie beziehen sich vor allem auf Paragraf 4.2 des Unterpunktes Mannschaftsmeisterschaften. Dort heißt es: „In den einzelnen Klassen tragen je 10 Mannschaften eine einfache Spielrunde aus.“ Das ist nach Ansicht der Kirchweyher der übergeordnete Satz, der ohne Ermessensspielraum umgesetzt werden müsse. „Sonst wäre ja auch eine Liga mit nur einer Mannschaft denkbar. Das wäre absurd“, so Orantek. Mit nur neun Teams dürfe die Stadtliga gar nicht erst starten. Der LSB argumentiert anders, bezieht sich dabei ebenfalls auf Punkt 4.2, aber einen Folgesatz: „In Spielklassen, in denen weniger als zehn Mannschaften gemeldet werden, kann doppelrundig gespielt werden.“ Der Doppelaufstieg sei aufgrund des Paragraphen 10.2 nicht zulässig: „Aus den übrigen Klassen steigen jeweils die zwei erstplatzierten Mannschaften in die nächsthöhere Klasse auf.“ Den Kirchweyhern steht demnach der freie Platz nicht zu, weil sie nicht unter den ersten beiden Teams der A-Klasse waren. Der SKK verweist dagegen darauf, dass bei Aufstiegsverzicht „die nächstplatzierte Mannschaft“ (Paragraf 10.3) nachrückt. Darüber hinaus heißt es im folgenden Absatz: „Aus jeder Klasse steigen so viele Mannschaften ab, dass nach Einordnung der Absteiger aus den höheren Klassen sowie der Aufsteiger aus den unteren Klassen zehn Mannschaften je Klasse verbleiben.“ Demnach, so die Kirchweyher, hätte selbst eine Mannschaft aus der D-Klasse, der niedrigsten Liga im Bremer Raum, nachrücken können, wenn sich kein anderes Team gefunden hätte. Zudem stütze die Verwendung des Plurals von Aufsteiger und Klasse die Aussage.

Aus Kirchweyher Sicht ist die Turnierordnung wie eine Allgemeine Geschäftsbedingungen zu sehen. „Und die darf nicht zweideutig sein“, erklärt Orantek die Argumentation des SKK. Sei sie nicht eindeutig, seien die Regelungen unwirksam. Das habe bereits der Bundesgerichtshof so entschieden. Die 23 Vereine des LSB zahlten Beiträge für eine der Turnierordnung entsprechende Durchführung der Meisterschaft. Dementsprechend sei der Verband den Regelungen, die er in der Turnierordnung festgehalten hat, verpflichtet.

Welche Vorwürfe stehen noch im Raum? Zum Beispiel Befangenheit. Für Orantek steht fest, dass Kirchweyhe 2 in der Stadtliga nicht gewollt ist. Die Mannschaft hat sich personell verstärkt, unter anderem mit der mongolischen Jugendweltmeisterin Nomin-Erdene Davaademberel, und würde laut der Deutschen Wertungszahl (DWZ), die die Spielstärke der Akteure und Teams angibt, im Fall des Aufstiegs zu den stärksten Mannschaften der Liga zählen. Den Kirchweyher Wert von 2007 übertrifft nur der SV Werder Bremen 5 (2010). Der SKK wäre demnach ein Titelanwärter. Das sei vielen Kontrahenten ein Dorn im Auge, glaubt Orantek. Fünf der sieben Mitglieder des Spielausschusses, rechnet er vor, seien befangen, weil sie selbst für Mannschaften der Stadtliga am Brett säßen. Darüber hinaus verweist er auf formale Fehler: So fehle im Schreiben das Datum, an dem entschieden worden sei. Außerdem seien keine Anwesenheits- und Unterschriftenlisten beigefügt gewesen. Auch wer und wie abgestimmt worden sei, sei nicht ersichtlich. Der LSB wollte sich zu diesen Vorwürfen nicht äußern und verwies auf das laufende Verfahren. Einen Einblick in die Arbeit des Ausschusses aber gab er doch: „Mitglieder von am Streitfall beteiligten Vereinen nehmen an der Abstimmung im Spielausschuss nicht teil.“

Auch Erpressung wirft Orantek den LSB-Verantwortlichen vor: Zwei Vorstandsmitglieder hätten mit ihrem Rücktritt gedroht, sollte dem Aufstieg des SKK in die Stadtliga stattgegeben werden. Diesem Vorwurf tritt der Landesschachbund entschieden entgegen: Oranteks Vorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage. Sollten diese in der Öffentlichkeit wiederholt werden, werde man in diesem Fall gegebenenfalls rechtliche Schritte prüfen.

Wie geht es weiter? An diesem Dienstag wird das Amtsgericht das Urteil verlesen. Für die Kirchweyher steht fest, „dass wir den Weg bis zum Schluss durchziehen werden“, kündigt Orantek an, zur Not bis vor den Bundesgerichtshof zu ziehen. Er vermutet, dass dem LSB dafür die finanziellen Mittel fehlen. Dazu äußerte sich der Verband auf Nachfrage nicht. Orantek geht von Gesamtkosten in Höhe von bis zu 100 000 Euro aus, wenn das Verfahren bis zum BGH fortgeführt wird. Kirchweyhe wird von der „127Schach-Stiftung“ gesponsert. „Wir haben also die Mittel“, so der SKK-Chef, der auch der Stiftung vorsitzt.

Das Verfahren schmecke ihm selbst auch nicht, sagt er. „Ich will gar nicht, dass die bankrott werden. Aber ich will auch nicht, dass hier mit falschen Vorzeichen gespielt wird.“ Der Vorsitzende geht von einem Sieg vor Gericht aus. „Ich darf ja nicht gemeinnützige Stiftungsgelder verspekulieren.“

Was sind mögliche Folgen des Verfahrens? Die Saison könnte sportlich bedeutungslos werden: „Wenn unter falschen Bedingungen gespielt wird, wird das Gericht keinen aufsteigen lassen“, glaubt Orantek und weiß um die Außenwirkung: „Das ist dramatisch.“ In diesem Punkt sind sich die Verfahrensgegner einig. Auch der LSB fürchtet um das Image des Schachsports in Bremen und darüber hinaus. Er wolle für die Zukunft die Aufstiegsregelungen der Turnierordnung eindeutiger formulieren. Zu möglichen Konsequenzen – auch personeller Natur – bei einer Niederlage äußerte sich der Verband nicht konkret. „Wenn die Urteilsbegründung in diesem Verfahren veröffentlicht ist, werden wir sie analysieren und dann entsprechend beurteilen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+