Werder Bremen stoppt Atlas-Schal-Verkauf

Kommentar: Überzogene Reaktion

Werder Bremen hat den Verkauf eines gemeinsamen Fanschals mit dem SV Atlas Delmenhorst eingestellt, da auf diesem „Auf gute Freunde“ steht – ein Kommentar.
05.08.2019, 18:13
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Kommentar: Überzogene Reaktion
Von Michael Kerzel

Werder Bremen hat die gemeinsamen Fanschals mit dem SV Atlas Delmenhorst, auf denen „Auf gute Freunde“ steht, aus dem Verkauf genommen, weil Werder-Ultras in dem Spruch einen rechten Hintergrund sehen. Das hört sich wie ein Scherz an. „Auf gute Freunde“ soll quasi eine Nazi-Parole sein. Das ist absurd. Natürlich gibt es ein Lied der Böhsen Onkelz, das „Auf gute Freunde“ heißt. In diesem geht es um genau das, was der Titel besagt. Und wer sich etwas mit der Geschichte der umstrittenen Band befasst, weiß, dass rechtsradikales Gedankengut das letzte Mal vor 30 Jahren aus den Mündern der Bandmitglieder kam. Seitdem haben sie mehrfach Stellung gegen Rechts bezogen, auf Onkelz-Konzerten laufen kaum mehr Rechte herum als im Weserstadion. Mittlerweile werden Konzerte auf dem Kultursender Arte übertragen, die Onkelz sind im Grunde Mainstream. Wer in der rechten Szene etwas gelten will, hört demonstrativ keine Onkelz. Man kann die Onkelz natürlich kritisch sehen. In der Atlas-Fanszene gibt es unbestritten Sympathien für diese Band. Politisch stehen – ob einige oder viele ist schwer zu sagen – die Fans sicherlich nicht auf der gleichen Seite wie die Werder-Ultras. Doch eigentlich tut das nichts zur Sache.

Werders Entscheidung ist aus anderen Gründen bedenklich: Durch diese Maßnahme wird die harmlose Floskel „Auf gute Freunde“ quasi den Rechten ausgeliefert. Wer dachte denn bis zu dieser Aktion bei „Auf gute Freunde“ an Nazis? Dazu muss man schon ziemlich verquer im Kopf sein. So bringt man den Rechten genau die Publicity, die diese nicht bekommen sollten und dürfen. Die Rechten können jetzt nämlich wieder ihre Lieblingsrolle einnehmen: die der Opfer, denen alles verboten wird. Jetzt schon ein Schal, auf dem „Auf gute Freunde“ steht. Werders Entscheidung, den Schal aus dem Sortiment zu nehmen, ist albern und überzogen. Dass Werder sich klar gegen Rassismus positioniert, ist richtig und wichtig. In diesem Fall schießen die Grün-Weißen aber klar über das Ziel hinaus. Gut gemeint ist hier schlecht gemacht.

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Wo soll die Sprachpolizei noch eingreifen? Werden Stadiongesänge, in denen das Wort „Sieg“ vorkommt, verboten? Immerhin ist Sieg eines der Lieblingsworte der Nazis. Und sollte Werder dann nicht auch die Farbe Weiß aus dem Vereinsleben tilgen? Immerhin sind es ja die Weißen gewesen, die die Welt mit Kolonialismus überzogen und weltweit für unendliches Leid gesorgt haben. Green White Wonderwall steht außen am Weserstadion. White steckt auch in White Power, einer rechten Kampfparole... Natürlich ist es völlig absurd, hier eine Verbindung herzustellen. Aber viel sinnvoller ist die Entscheidung, den Slogan „Auf gute Freunde“ in die Nazi-Ecke zu stellen, auch nicht.

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