Olympia in Peking Geldmachen ist alles

Die Winterspiele in Peking sind voller Gegensätze: Hier der olympische Geist, dort die verletzten Menschenrechte. Die Brücken, die das IOC hier bauen will, dienen nur dem Kommerz, meint Jean-Julien Beer.
03.02.2022, 19:33
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Geldmachen ist alles
Von Jean-Julien Beer

Von diesem Freitag an gehen sie um die Welt, diese pompösen Bilder, die so viele Menschen wütend und fassungslos machen. Mit der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking beginnen die umstrittensten Spiele der jüngeren Geschichte. Dass ausgerechnet Chinas Regierungsmetropole die erste Stadt der Welt sein darf, die nach den Sommerspielen 2008 auch Winterspiele veranstaltet, belegt die Skrupellosigkeit des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Die Jugend der Welt und der olympische Geist sind zu Gast in einem Land, das sich vieler Menschenrechtsverletzungen schuldig macht, angefangen von den Umerziehungslagern für die muslimische Minderheit der Uiguren über die brutale Unterdrückung der Demokratie in Hongkong bis zur Inhaftierung von Regimekritikern. Während viele Länder im Fall der Uiguren sogar von Völkermord sprechen, nimmt das IOC eine verstörende Rolle ein und freut sich auf ein Sportfest der Freundschaft.

IOC-Präsident Bach duckt sich weg

Man muss schon auf beiden Augen blind sein, um die Gastgeberrolle Chinas nicht problematisch zu finden – oder man ist Mitglied im IOC. Wie Richard Pound. Der Kanadier ist der dienstälteste IOC-Funktionär und überraschte große Teile der Welt mit den Worten, er wisse nicht, ob es in China Menschenrechtsverletzungen gebe. Man höre und lese zwar dies und das. Aber ob das stimme, könne er nicht sagen.

Eine dermaßen entlarvende Aussage ist seinem Präsidenten Thomas Bach nie über die Lippen gekommen. Der Deutsche an der Spitze des IOC, 1976 Olympiasieger im Fechten, macht es wie früher in seinem Sport: Er duckt sich schnell weg, wenn ihn eine solche Frage erwischen könnte. Jede Kritik an China wehrt Bach mit seiner Standard-Rhetorik ab, der Sport sei unpolitisch. Natürlich weiß er, wie plausibel das klingt. Aber Bach weiß auch, dass es falsch ist. Als größte Sportveranstaltung der Welt waren Olympische Spiele noch nie unpolitisch. Sie dienten immer als globale Plattform für politische Botschaften – und nur im besten Fall richteten diese sich gegen Rassismus oder Unterdrückung.

Viele Chinesen haben nie Schnee gesehen

Gerne sieht sich das IOC als Brückenbauer zwischen den politischen Ansichten. Bei genauer Betrachtung dienen diese Brücken aber wirtschaftlichen Interessen: China hatte bislang keinen Bezug zum Wintersport, viele Chinesen haben noch nie Schnee gesehen – nun aber sollen mindestens 300 Millionen von ihnen für Wintersport begeistert werden. Das ist der größte Zukunftsmarkt der internationalen Ski-Industrie.

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Der Sport und die olympische Idee werden für den Kommerz benutzt, um jeden Preis. Für den notwendigen künstlichen Schnee in dieser Region wurden seit Jahren unzählige Wasserrohre verbaut, auch quer durch Naturreservate. Aus dem Nichts entstanden gigantische Sportanlagen an trockenen Berghängen: hier die längste Sprungschanze der Welt, dort die größte Rodelbahn. Ein ganzes Bauerndorf wurde umgesiedelt.

Doch es wird mehr Bilder geben von Robotern, die Athleten den Weg weisen oder Essen bringen, als Aufnahmen von der unterdrückten Bevölkerung. Das olympische Dorf ist ein Einkaufszentrum, so übertrieben groß wie die übrigen Anlagen. Dass die Welt im Jahr 2022 längst mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit beschäftigt ist, spielt keine Rolle. Chinas nationale Anstrengungen im Vorfeld der Spiele dienten nicht der Welt, sondern der kommunistischen Partei.

Ende des Jahres gibt es in Katar das nächste Großereignis, bei dem Menschenrechte und Nachhaltigkeit vom Sport zur Seite geschoben werden: die Fußball-WM in Katar, das verrufene Turnier des Weltverbandes Fifa. Man sollte nicht glauben, derlei läge nur an den Sitten ferner Länder. Ob bei der Fifa oder im IOC: Es waren und sind Europäer, die hier die Strippen ziehen. Schweizer, Belgier, Deutsche.

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Zwei Wochen lang überdecken die Wintersportler im Kampf um Goldmedaillen viele Probleme. Die TV-Anstalten liefern die Bilder, für die das IOC viele Milliarden Dollar kassiert, als Schweizer Vereinigung übrigens steuerfrei. Nach dem Spektakel wird sich die Welt dann fragen, ob es das wirklich wert war. Die Antwort steht schon fest: nein.

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