DHB-Vizepräsident Bob Hanning stellt sich vor Handball-Bundestrainer Prokop

Kritik an der Kritik

Herr Hanning, hat die Kaderplanung des Bundestrainers den DHB-Vizepräsidenten Leistungssport überrascht?Bob Hanning: Wir waren in die Gedanken von Christian Prokop eingebunden und wissen, dass er sich die Entscheidung nicht einfach gemacht hat. Ohnehin haben wir diese Entscheidung zu akzeptieren, die in ihrer Argumentation schlüssig ist.
09.01.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Michael Wilkening
Kritik an der Kritik

Nach Einschätzung von Bob Hanning (Foto) hat Bundestrainer Prokop eine schlagkräftige Mannschaft für die EM in Kroatien nominiert. Das Turnier beginnt für Titelverteidiger Deutschland am Sonnabend mit dem Spiel gegen Montenegro.

Marijan Murat, picture alliance / Marijan Murat/dpa

Herr Hanning, hat die Kaderplanung des Bundestrainers den DHB-Vizepräsidenten Leistungssport überrascht?

Bob Hanning: Wir waren in die Gedanken von Christian Prokop eingebunden und wissen, dass er sich die Entscheidung nicht einfach gemacht hat. Ohnehin haben wir diese Entscheidung zu akzeptieren, die in ihrer Argumentation schlüssig ist. Ich teile übrigens die Sichtweise des Bundestrainers und sehe einen 20-Mann-Kader. Für mich gehören alle Akteure dazu, die die Vorbereitung auf die EM aufgenommen haben. Wir haben vor zwei Jahren selbst erlebt, dass Veränderungen während eines Turniers kommen können. Wir brauchen alle Spieler.

In der öffentlichen Debatte wird Prokop vorgeworfen, die Spieler, die er aus Leipzig kennt, zu bevorzugen …

Das ist typisch deutsch. Von diesem Gedanken sollte man ganz schnell Abstand nehmen. Dagur Sigurdsson hat mit Paul Drux und Fabian Wiede auch zwei Spielern den Weg in die Nationalmannschaft geebnet, die er aus der Vereinsarbeit in Berlin kannte. Der Trainer trifft Entscheidungen für den deutschen Handball und ganz sicher nicht aus der Sicht eines ehemaligen Vereinstrainers.

Für die könnte er kritisiert werden, wenn es bei der EM nicht rund läuft. Prokop setzt sich durch den Verzicht etablierter Kräfte einem Risiko aus.

Die Frage ist, ob ein Trainer populistisch oder inhaltlich handeln soll. Die Entscheidungen sind ja nicht aus dem Bauch heraus gefallen, sondern inhaltlich gewachsen. Die Herangehensweise von Christian Prokop ist in sich schlüssig, deshalb kann ich das akzeptieren. Noch einmal: Es ist typisch deutsch, diese jetzt infrage zu stellen. Ich wiederhole mich auch in einem anderen Punkt gerne: Dagur Sigurdsson hat auch Entscheidungen getroffen, die angezweifelt wurden. Und hinterher haben alle behauptet, dass sie ebenso gehandelt hätten. Das ist für uns also nicht neu.

Mit Dagur Sigurdsson wurde Deutschland vor zwei Jahren Europameister. Mit welchen Zielen muss die Mannschaft des Deutschen Handballbundes in dieser Woche in das Turnier in Kroatien starten?

Es muss unser Anspruch sein, jeden Gegner bei diesem Turnier schlagen zu können. Das habe ich schon immer so formuliert und ich bin der Meinung, dass wir ihn erfüllen. Diesen Anspruch haben bei der EM aber fünf, sechs andere Nationen auch, was zeigt, wie eng die Spitze inzwischen zusammengerückt ist. Der Kreis der Anwärter auf eine Medaille ist größer geworden. Es wird für uns entscheidend sein, ob wir es schaffen, aus den Fehlern zu lernen, die wir in Frankreich gemacht haben.

Was meinen Sie damit?

Jeder Einzelne muss bereit sein, mehr in den Topf einzuzahlen als er herausnimmt. Der persönliche Erfolg ist dem Erfolg der Mannschaft unterzuordnen. Von diesem Pfad der Tugend waren wir ein Stück weit abgekommen. Als ich gesehen habe, dass wir ein Qualifikationsspiel auf diese EM in der Schweiz nur hauchdünn gewonnen haben, weil wir nicht als Team fokussiert waren, hat mich das nachdenklich gemacht. Wenn die Einstellung und die Bereitschaft, miteinander zu arbeiten nicht stimmen, haben wir nur eine durchschnittliche Mannschaft.

Wie ist Ihr Eindruck, sind die Spieler auf diesen Pfad zurückgekehrt?

Ich glaube ja, aber aus meiner Sicht ist die Vorbereitung eigentlich zu gut gelaufen. Das war bei der WM in Frankreich fatal, weil es in der Vorrunde so gut lief und wir uns zu sicher fühlten. Das wurde bestraft. Vor diesem Hintergrund ist gut, dass wir in der Vorrunde in Kroatien auf drei Mannschaften aus dem ehemaligen Jugoslawien treffen. Da erwarten uns Auswärtsspiele, und wir sind emotional sofort voll gefordert.

Und in einer Hauptrunde würden Gegner wie Dänemark oder Spanien warten, die man wegen ihres Namens eigentlich nicht unterschätzen kann, oder?

Genau, diese Konstellation ist gut. Aber zunächst einmal geht es darum, gut durch die Vorrunde zu kommen, weil die Punkte aus den Duellen mitgenommen werden.

Bei welchem negativem Szenario bei dieser EM müsste sich der DHB Gedanken über die grundsätzliche Ausrichtung der Männer-Nationalmannschaft machen?

Ganz ehrlich, wenn ich mich zehn Prozent mit negativen Möglichkeiten beschäftigen würde, fehlten mir 20 Prozent Gedanken, die nach vorne gehen. Ich habe ein großes Grundvertrauen in die Mannschaft und den Trainer. Mein Anspruch war es immer, dass wir 2020 um die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen mitkämpfen können und sie möglichst auch gewinnen. Dieses Ziel wurde vor vier Jahren formuliert und gilt weiterhin. Auf diesem Weg sind wir gut unterwegs.

Das Interview führte Michael Wilkening.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+