Wie sich der Hamburger SV von den Millionen seines Mäzens abhängig gemacht hat

Kühnes Spiel

Hamburg. An diesem Sonnabend soll demonstriert werden in Hamburg, so wie überall demonstriert wird, wo das jüngste Mitglied der Bundesliga-Gemeinde aufschlägt. RB Leipzig wird zum Spiel im Volksparkstadion erwartet, dieser ambitionierte Emporkömmling, den es nicht geben würde ohne die Brause-Millionen von Dietrich Mateschitz – und dem landauf, landab Missgunst entgegenschlägt, weil er für viele Fußball-Fans eine neue Eskalationsstufe der Kommerzialisierung ihres Sports darstellt.
16.09.2016, 00:00
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Von Hendrik Buchheister
Kühnes Spiel

Der HSV ist ihm lieb und teuer: Unternehmer und Mäzen Klaus-Michael Kühne.

Christina Kuhaupt

Hamburg. An diesem Sonnabend soll demonstriert werden in Hamburg, so wie überall demonstriert wird, wo das jüngste Mitglied der Bundesliga-Gemeinde aufschlägt. RB Leipzig wird zum Spiel im Volksparkstadion erwartet, dieser ambitionierte Emporkömmling, den es nicht geben würde ohne die Brause-Millionen von Dietrich Mateschitz – und dem landauf, landab Missgunst entgegenschlägt, weil er für viele Fußball-Fans eine neue Eskalationsstufe der Kommerzialisierung ihres Sports darstellt. Einige Anhänger des Hamburger SV rufen zu einem Protestmarsch vor dem Spiel auf, vom S-Bahnhof Stellingen soll die Prozession zur Arena führen, wo die Mannschaftsbusse in Empfang genommen werden sollen. Und man kann sich ausmalen, dass die Begrüßung des Leipziger Busses nicht besonders freundlich sein wird. Im Stadion ist mit Spruchbändern und Plakaten gegen RB zu rechnen, die Stimmung dürfte hitziger sein als bei einem normalen Bundesliga-Spiel.

Doch der Hamburger Protest wirkt schräg, schräger noch als bei vielen anderen Vereinen, deren Anhängerschaft gegen Leipzig mobilmacht. Denn auch in Hamburg, wo sich die Fans gerne auf Tradition und die ewige Mitgliedschaft zur deutschen Eliteklasse berufen, ist der Bundesliga-Fußball mittlerweile eng an einen einzelnen Geldgeber gekoppelt: an Edelfan, Investor und Mäzen Klaus-Michael Kühne, der es als Logistik-Unternehmer zu Reichtum gebracht hat. Schon in den vergangenen Jahren hat er viel Geld in den HSV gesteckt, insgesamt fast 70 Millionen Euro, ermöglichte 2012 den Rückkauf von Rafael van der Vaart, erwarb die Namensrechte des Stadions, das seitdem wieder Volksparkstadion heißt, und kaufte Anteile an der Profi-AG des Klubs. In diesem Sommer investierte Kühne dann in großem Umfang in neue Spieler, offenkundig genervt davon, dass es sportlich nicht vorangeht. Für mehr als 30 Millionen Euro kamen unter anderem Filip Kostic aus Stuttgart, Alen Halilovic aus Barcelona, Bobby Wood von Union Berlin und zuletzt der brasilianische Verteidiger Douglas Santos. Personal für eine bessere Zukunft.

Die Transferoffensive wäre unmöglich gewesen ohne Kühne. Denn es steht verheerend um die Finanzen des HSV. Der Klub hat rund 90 Millionen Euro Schulden, hat gerade eine Anleihe über 40 Millionen Euro ausgegeben. Gemessen an diesen Kennzahlen müssten die Hamburger auch in dieser Saison wieder gegen den Abstieg spielen, auf einem Niveau mit Darmstadt 98 oder dem SC Freiburg. Doch dank Kühne soll der Europapokal angepeilt werden (auch wenn die Hamburger das so offen natürlich nicht formulieren).

Und so regt sich in der Liga Unmut über den neuen Reichtum des Klubs. „Beim HSV ist es eine Einzelperson, die scheinbar willkürlich große Transfers trotz fehlender Einnahmen möglich macht. Das widerspricht einem fairen Wettbewerb“, sagt Borussia Mönchengladbachs Manager Max Eberl in der „Welt“. Frankfurts Sportchef Bruno Hübner findet es „ein Stück weit deprimierend, wenn man sieht, wie der HSV wieder für zig Millionen neue Spieler geholt hat, obwohl er hoch verschuldet ist“, wie er in der FAZ zu Protokoll gibt. In Hamburg sind kritische Stimmen kaum bis gar nicht zu vernehmen. Zu groß ist die Sehnsucht, endlich wieder zu den Topvereinen Deutschlands zu gehören. Auch wenn dies auf Pump geschieht und die Unabhängigkeit des Klubs ausgehöhlt wird.

Zwar betonen die Verantwortlichen des HSV bei jeder Gelegenheit, dass man die Entscheidungsgewalt über das operative Geschäft behalte, doch Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer gesteht auch, dass Kühne entscheidet, ob er Geld für einen bestimmten Transfer freigibt – oder eben nicht. Der Unternehmer redet bei Spielerkäufen mit. Zurückzahlen müssen die Hamburger das Geld nur, wenn der Verein seine Ziele erreicht, so soll es vereinbart sein. Ansonsten will Kühne darauf verzichten, sein Geld zurückzufordern. Kühne geht ins Risiko, inszeniert sich als Wohltäter, dem alleine der HSV am Herzen liegt. Die Fans glauben ihm.

Dafür macht er öffentlich Druck, redet mit über die Politik des Klubs, das war schon immer so. Den früheren Sportchef Oliver Kreuzer bezeichnete Kühne einst als „Drittliga-Manager“, seine Skepsis gegenüber Peter Knäbel war bekannt. Seine jüngsten Finanzhilfen tätigte Kühne erst, nachdem Knäbel im Frühjahr seinen Posten als Sportchef hatte räumen müssen – wobei die Hamburger natürlich jeden Zusammenhang zwischen den beiden Vorgängen bestreiten.

Wenn der Unternehmer nun erklärt, dass der HSV in dieser Saison seiner Meinung nach „auf Platz sechs bis acht“ landet, wird das nicht als unabhängige Prognose aufgefasst – sondern als Forderung an Trainer Bruno Labbadia, mit der von Kühne gesponsorten Mannschaft endlich entsprechende Ergebnisse einzufahren. Gegen Leipzig gibt es dazu die nächste Gelegenheit.

„Das widerspricht einem fairen Wettbewerb.“ Gladbachs Sportchef Max Eberl
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