25-jähriger Trainer will seinen Plan und seine Idee vom Fußball nun in der Bremen-Liga durchsetzen

Kulesha – der Nagelsmann der SAV

Herr Kulesha, es wird viel darüber diskutiert, ob ein 25-Jähriger der Herausforderung als Trainer eines Fußball-Bremen-Ligisten gewachsen ist. Sind Sie das, was beim Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim der 29-jährige Julian Nagelsmann ist, der die Baden-Württemberger im vergangenen Jahr rettete und eine Art Kultstatus erreicht hat?Marcel Kulesha: Bundesliga kann man nicht mit dem Amateurbereich vergleichen. Julian Nagelsmann ist ein Profi.
04.08.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Jens Pillnick
Kulesha – der Nagelsmann der SAV

Marcel Kulesha hat nach sechsjähriger Tätigkeit im höherklassigen Juniorenbereich nun den Sprung zu den Herren der SAV gewagt.

Christian Kosak

Herr Kulesha, es wird viel darüber diskutiert, ob ein 25-Jähriger der Herausforderung als Trainer eines Fußball-Bremen-Ligisten gewachsen ist. Sind Sie das, was beim Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim der 29-jährige Julian Nagelsmann ist, der die Baden-Württemberger im vergangenen Jahr rettete und eine Art Kultstatus erreicht hat?

Marcel Kulesha: Bundesliga kann man nicht mit dem Amateurbereich vergleichen. Julian Nagelsmann ist ein Profi. Aber es zeigt, dass die Zusammenarbeit mit einem jungen Trainer funktioniert – selbst im Profibereich.Nichts ist unmöglich, wenn man einen Plan und eine Idee hat. Man kann als Trainer auch 50 oder 60 Jahre alt sein und keine Ahnung haben. Das Alter ist egal.

Das Verrückte ist ja: Sie bringen als 25-Jähriger sogar schon reichlich Trainererfahrung mit.

Ja, ich habe sechs Jahre höherklassige Jugendmannschaften trainiert. Beim Blumenthaler SV in der A- und B-Junioren-Regionalliga und mit Weyhe ebenfalls in der B-Junioren-Regionalliga. Außerdem habe ich bei Werders U 17- und U 19-Bundesligateam hospitiert und bei der U 23 hineingeschnuppert. Da hat ein 34-Jähriger, der nach seiner Zeit als Spieler in der Bremen-Liga Trainer wird, weniger Erfahrung als ich.

Sie haben die Vorbereitung jetzt hinter sich. Was macht den Unterschied zwischen der Tätigkeit bei den Junioren und den Herren bislang aus?

Bei den Herren läuft vieles automatisch. Das ganze Team um die Mannschaft herum – vom Teammanager, über die Betreuer bis hin zur Abteilungsleitung – sind da viel weiter. Das macht die Trainerarbeit einfacher. Bei den Junioren ist es manchmal wie im Kindergarten, da muss man bei allen Aufwärmübungen dabei sein. Und die Kommunikation ist mit den Herren eine ganz andere. Die Kommunikation ist das A und O bei der Zusammenarbeit.

Haben Sie bisher alle Ihre Vorstellungen umsetzen können oder mussten Sie bereits Abstriche machen?

Bisher konnte ich komplett alles umsetzen. Aber die aktuelle Arbeit bereitet auch allen viel Freude. Noch musste ich keinen 18-Mann-Kader für ein Bremen-Liga-Spiel benennen. Noch gab es keine unzufriedenen Gesichter.

Die wird es aber bald geben. Die SAV hat keine Bankdrücker aus anderen Vereinen geholt, sondern Spieler, die spielen wollen. Ist das Überangebot ein Risiko oder kalkulierbarer Luxus?

Ich finde es ist Luxus. Jeder einzelne ist sich der Sache bewusst. Es herrschen klare Regeln, die Leistung soll ja gefördert werden. Kleinigkeiten entscheiden darüber, ob man im Kader ist. Es wird schnell unzufriedene Spieler geben, die im Vorjahr gespielt haben. Aber so ist Fußball. So ist es, wenn ein Verein versucht, sich zu verbessern. Der Bremer SV ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig eine große Leistungsdichte ist. Die hat vergangene Saison den Unterschied zum Blumenthaler SV ausgemacht, als der mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte.

Was halten Sie davon, dem großen Angebot mit Rotation zu begegnen?

Viel. Aber wichtig ist, dass das Gerüst steht. Mit Rotation kann man Faktoren wie Belastung begegnen. Die richtige Mischung zu finden ist wichtig.

Der Kader ist deutlich besser aufgestellt als im Vorjahr, und da ist die SAV immerhin Sechster geworden. Wie groß wird der Druck dadurch?

Größer als vergangenes Jahr. Es sind einige sehr sehr gute Namen dazu gekommen, und es hat einen Trainerwechsel gegeben. Aber dadurch, dass zwölf Neue da sind, relativiert sich der Druck etwas. Ich glaube, dass Qualität nicht sofort erzwungen werden kann. Der Faktor Zeit muss eine Rolle spielen. Wir haben ein neues System, haben neue Abläufe im Training. Druck ist da, aber nicht sofort. Natürlich kann es auch von ­Anfang an super laufen und wir landen auf Platz vier.

Wie weit ist die Integration der Neuen fortgeschritten?

Sie läuft sehr gut, sie läuft auf Hochtouren. Aber wir arbeiten daran auch täglich. Montag war der erste freie Tag nach 15 Tagen Training oder Spiel am Stück.

Worauf haben Sie bei der Vorbereitung am meisten Wert gelegt?

Auf das Teambuilding. Darauf, dass die Alten und Neuen eine Mannschaft werden. Darauf, dass das Spielsystem verinnerlicht wird. Die harten Trainingseinheiten und die beiden Mannschaftsabende haben zusammengeschweißt.

Wie lässt sich Ihre Philosophie, Ihr Spielsystem, das Sie zur SAV mitbringen, beschreiben?

Es ist der moderne Fußball. Viel Ballbesitz, vorgegebenes Positionsspiel im Ballbesitz und gegen den Ball. Und zwei Stürmer, die die Tiefe suchen. Wir studieren zwei Systeme ein. Wir setzen neben der Vierer- auch die Dreierabwehrkette ein. Wir müssen flexibel sein.

Welcher Spieler ist die Überraschung der Vorbereitung, die Entdeckung?

Clinton McMensah macht das sehr gut. Der ist gerade 19 und hat in seinem ersten Bremen-Liga-Jahr bei Union 60 im zentralen Mittelfeld gespielt. Jetzt spielt er in einer neuen Rolle als Außenverteidiger. Er ist sehr gewissenhaft, hat alle Trainingseinheiten mitgemacht.

Wer wird der verlängerte Arm des Trainers auf dem Spielfeld sein?

Da gibt es mehrere Kandidaten. Aber es geht kein Weg an unserem Kapitän Abdullah Basdas vorbei. Er kennt den Verein, er kennt die Strukturen, er ist ein Vorbild – auch neben dem Platz.

Der Umgang mit teilweise gestandenen Männern ist ein anderer als mit Juniorenspielern. Warum gehen Sie als 25-Jähriger das Wagnis ein, als Trainer einer hoch spielenden Herrenmannschaft zu scheitern?

Für mich ist es kein Wagnis, weil ich eine Idee habe, wie wir meinen Fußball spielen. Ich bin erfolgsorientiert und habe den Ehrgeiz, etwas zu erreichen. Die zwölf Neuen sind alles Wunschspieler von mir, die ich schon sehr lange kenne. Außerdem habe ich viele Gespräche mit den Etablierten geführt und weiß, dass wir dieselbe Sprache sprechen.Ich kenne die Charaktere, ich hatte eine lange Vorbereitungszeit bei der Kaderzusammenstellung.

Gibt es jemanden bei der SAV, der so etwas wie die väterliche Rolle gegenüber jungen Spielern übernehmen kann?

Die beiden Betreuer Marc Fichtner und Klaus Mania sind sehr gut in die Mannschaft integriert. Dazu kommen ältere Spieler wie Matthias Märtens, Maik Meyer-Wersinger und Muhamed Hodzic, an die sich die Jungen wenden können. Und unser Teammanager Jörg Segerath ist immer da, wenn etwas Ernstes ansteht.

Wer steht Ihnen beratend zur Seite, um als 25-Jähriger den richtigen Ton gegenüber den verschiedenen Altersgruppen im Team zu ­finden?

Das krieg‘ ich allein hin. Das will ich auch allein hinkriegen. Da muss ich selber hineinwachsen. Vorgaben zu bekommen, so bin ich nicht vom Typ her.

Und bei schwerwiegenden Entscheidungen?

Die werden immer im Team – also mit Co-Trainern und Teammanager – besprochen. Aber letztlich treffe ich die Entscheidung.

Wagen Sie mal einen Blick in die Zukunft. Was hoffen Sie, im Winter über die SAV zu lesen?

Dass die SAV auf einem guten Weg ist. Dass die SAV trotz der kurzen Zeit Vieles hat umsetzen können. Und dass die SAV eines der vielen Ziele, die Teilnahme am Amateurhallenturnier, erreicht hat.

Haben Sie Bedenken, im Herrenbereich bei der SAV zu scheitern?

Bedenken nicht. Man muss immer seinem Weg treu bleiben. Ich denke, dass wir die Ziele, die wir uns bei der SAV stecken, über kurz oder lang erreichen werden.

Wo sehen Sie sich mit 30 – also in fünf Jahren?

Das kann ich nicht spontan beantworten. Ich muss den jetzigen Schritt erst einmal so meistern, wie ich es mir vorgenommen habe.

Haben Sie einen Lebensplan?

Ich möchte mein Studium zu Ende bringen und mich dann in der Physiotherapie etablieren. Ich denke, dass die Fußball-Schiene bei ­Trainern wie auch bei Spielern mit viel Glück zusammenhängt. Man weiß nie genau, was passiert. Der Fußball ist für mich ein Bonbon.

Der Wechsel vom Blumenthaler SV zur SG Aumund-Vegesack hat für viel Gesprächsstoff gesorgt. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum BSV beschreiben?

Nach außen hin ist alles gut, wir haben uns sauber getrennt. Man sieht sich ja immer zweimal im Leben. Man hat mir alles Gute gewünscht. Wichtig ist, dass man sich immer respektvoll begegnet. So ein Wechsel darf nicht auf einer persönlichen Schiene eingeordnet werden.

Das Gespräch führte Jens Pillnick.

Zur Person

Marcel Kulesha (25) ist der neue Trainer des Fußball-Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack. Der 25-Jährige lebt in Schwachhausen, ist ausgebildeter Physiotherapeut und studiert Angewandte Therapiewissenschaften an der Hochschule Bremen. Bisher war er beim Blumenthaler SV und dem SC Weyhe sechs Jahre lang als Jugendtrainer tätig.
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